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  • Über das Überarbeiten

    Sprung

    Ich bin die Fragen schon gewohnt. Aber gewöhnen werde ich mich an sie nie. „Und, wann kommt er raus?“, wollen die Menschen wissen, die – hautnah oder aus der Ferne – mitbekommen haben, dass ich vergangenen September nach Lissabon floh, um einen Roman zu schreiben.

    „Möglicherweise nie“ wäre die ehrlichste Antwort. Aber wie könnte es mir einfallen, meine Fans so zu schockieren? Also vertröste ich sie auf den Herbst 2018 – „frühestens“. Er ist eine äußerst optimistische Schätzung für jemanden, der seinen Stoff für nicht selfpublishing-tauglich hält und einen Verlag sucht, einen großen im Optimalfall. Diogenes hätte was.

    Die Wahrheit ist: Selbst von der Verlagssuche bin ich noch meilenweit entfernt. Und die wirklich echte, schonungslose Wahrheit ist: Ich habe noch nicht einmal nachhaltig begonnen, aus dieser kärglichen Rohfassung, die ich aus Portugal mitgebracht habe, etwas Vorzeigbares zu meißeln.

    Es ist so eine Sache mit dem Überarbeiten: Eine ganze Weile kann man es sich bequem mit dem Argument vom Hals schaffen, man müsse noch etwas Distanz zu seinem Manuskript gewinnen. Eine Menge Arbeit im Brotjob hilft auch. Geld verdienen zu müssen? Brillante Ausrede!

    Doch irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem keine Ausreden mehr greifen. An dem man sich dem höhnischen Grinsen der seit Wochen ausgedruckten Rohfassungsseiten stellen muss. Gibt es eine Selbsthilfegruppe der Anonymen Überarbeitungshasser? Falls nicht, man müsste eine gründen.

    Bei der Romanarbeit kommt die Kür vor der Pflicht. Schreiben ist toll. Schreiben ist frei. Sich entfalten. Spinnen dürfen. Probleme ignorieren und vertagen. Überarbeiten ist ein Knochenjob. Der Überarbeiter verflucht den Schreiber für seine Sorglosigkeit. Die hat ihm den ganzen Schlamassel eingebrockt.

    Als ich mich vergangene Woche auf ein Sofa verkroch und die ersten Seiten der Rohfassung las, fielen mir die Probleme sofort wieder auf. Mir fiel ein, wie ich vor einigen Monaten in Charneca de Caparica in der Sonne saß und mit den Achseln zuckte, obwohl niemand da war, der es sehen konnte. „Was soll’s?“, sagte ich mir. „Beim Überarbeiten findest du die Lösung schon.“

    Man kann sich denken, was ich meinem früheren Ich gerne erzählen würde. Aber dann blicke ich aus dem Fenster, stelle fest, dass es längst dunkel ist und spüre meinen Magen knurren. „Was soll’s?“, sage ich mir und schicke einen Gruß ans künftige Ich. „Beim richtigen Überarbeiten findest du die Lösung schon.“

    Und es stimmt. Es wird so sein. Ihr werdet es sehen. Ihr werdet es lesen. Im Herbst 2018. Oder 2028.

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