• Home
  • Blog
  • Texte
  • Reaktionen
  • Über mich
  • Impressum
  • Datenschutz

  • Über das Überarbeiten

    Februar 28th, 2017

    Sprung

    Ich bin die Fragen schon gewohnt. Aber gewöhnen werde ich mich an sie nie. „Und, wann kommt er raus?“, wollen die Menschen wissen, die – hautnah oder aus der Ferne – mitbekommen haben, dass ich vergangenen September nach Lissabon floh, um einen Roman zu schreiben.

    „Möglicherweise nie“ wäre die ehrlichste Antwort. Aber wie könnte es mir einfallen, meine Fans so zu schockieren? Also vertröste ich sie auf den Herbst 2018 – „frühestens“. Er ist eine äußerst optimistische Schätzung für jemanden, der seinen Stoff für nicht selfpublishing-tauglich hält und einen Verlag sucht, einen großen im Optimalfall. Diogenes hätte was.

    Die Wahrheit ist: Selbst von der Verlagssuche bin ich noch meilenweit entfernt. Und die wirklich echte, schonungslose Wahrheit ist: Ich habe noch nicht einmal nachhaltig begonnen, aus dieser kärglichen Rohfassung, die ich aus Portugal mitgebracht habe, etwas Vorzeigbares zu meißeln.

    Es ist so eine Sache mit dem Überarbeiten: Eine ganze Weile kann man es sich bequem mit dem Argument vom Hals schaffen, man müsse noch etwas Distanz zu seinem Manuskript gewinnen. Eine Menge Arbeit im Brotjob hilft auch. Geld verdienen zu müssen? Brillante Ausrede!

    Doch irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem keine Ausreden mehr greifen. An dem man sich dem höhnischen Grinsen der seit Wochen ausgedruckten Rohfassungsseiten stellen muss. Gibt es eine Selbsthilfegruppe der Anonymen Überarbeitungshasser? Falls nicht, man müsste eine gründen.

    Bei der Romanarbeit kommt die Kür vor der Pflicht. Schreiben ist toll. Schreiben ist frei. Sich entfalten. Spinnen dürfen. Probleme ignorieren und vertagen. Überarbeiten ist ein Knochenjob. Der Überarbeiter verflucht den Schreiber für seine Sorglosigkeit. Die hat ihm den ganzen Schlamassel eingebrockt.

    Als ich mich vergangene Woche auf ein Sofa verkroch und die ersten Seiten der Rohfassung las, fielen mir die Probleme sofort wieder auf. Mir fiel ein, wie ich vor einigen Monaten in Charneca de Caparica in der Sonne saß und mit den Achseln zuckte, obwohl niemand da war, der es sehen konnte. „Was soll’s?“, sagte ich mir. „Beim Überarbeiten findest du die Lösung schon.“

    Man kann sich denken, was ich meinem früheren Ich gerne erzählen würde. Aber dann blicke ich aus dem Fenster, stelle fest, dass es längst dunkel ist und spüre meinen Magen knurren. „Was soll’s?“, sage ich mir und schicke einen Gruß ans künftige Ich. „Beim richtigen Überarbeiten findest du die Lösung schon.“

    Und es stimmt. Es wird so sein. Ihr werdet es sehen. Ihr werdet es lesen. Im Herbst 2018. Oder 2028.

    Vom Reisen und Schreiben

    Januar 28th, 2017

    Cabo

    Es ist ein Geschenk, sich mehrere Monate Zeit nehmen zu können, um fern der gewohnten Umgebung an einem Roman zu arbeiten. Man muss sich nichts vormachen: Es ist Arbeit. Es ist verdammt viel Arbeit. Sie verlangt Sitzfleisch und eine Fechtausbildung gegen Zweifel und Schreibblockaden. (…) Doch diese Arbeit ist getränkt mit Freiheit.

    Ich habe für den wundervollen Reiseblog Today We Travel einen Gastbeitrag über Monate in Lissabon und auf Sizilien verfasst. Zu lesen gibt es ihn HIER.

    Was vom Jahre übrig bleibt (Twentysixteen)

    Dezember 30th, 2016

    Lissabon

    D. war zufällig in Lissabon – zum Saufen und zur Kultur auf hohem Niveau, wie er schrieb. Für den Samstag waren wir verabredet, also bestieg ich in meinem Schreibexil einen Bus. Die Fähre brachte mich zum Cais do Sodré, von wo aus ich an den Praça do Comércio spazierte und mich ans Wasser setzte.

    Im Schein von Portugals kraftstrotzender Herbstsonne lauschte ich eine Weile den Wellen und einer Straßenband von den Kapverden, die den Sound der Ferne spielte. Und weil ich D. telefonisch nicht erreichte – der erholte sich gerade noch vom hohen Niveau des Vortages – stapfte ich los. Ohne Ziel.

    Eine Stunde später tauchte die nicht mehr ganz so kraftvolle portugiesische Herbstsonne bei ihrem Untergang die Stadt in ein Licht, von dem man wünschte, es würde nie erlöschen. Aber alles hat seine Zeit, alles endet: Sonnenuntergänge, Tage, Nächte, Schreibklausuren im Ausland.

    Wenn ich heute im deutschen Winter mit schniefend-triefend-verschnupfter Nase auf die Wochen in Lissabon zurückblicke, tue ich das nicht voller Wehmut, sondern mit einem Lächeln. Ich bedauere es nicht, nicht mehr dort zu sein.

    Es erschüttert mich auch nicht, dass 2016 unglücklich endet – mit der Rückmeldung der Agentur, die den Roman nicht vertreten will, weil sie seine Marktchancen im schwierigen Segment der Gegenwartsliteratur als zu gering einschätzt.

    Ich werde mir, sobald ich mich der Überarbeitung gestellt habe, neu überlegen müssen, ob und wie ich ihn unterbringe. Dieses Gefühl des Scheiterns und des Neujustierens weicht nicht von meiner Seite. Es scheint kein Ende zu nehmen. Ich lächle auch darüber, weil ich weiß, dass es irgendwann enden wird.

    2016 ist in vielerlei Hinsicht ein Jahr des Schreckens und der Verzweiflung gewesen, voll globalem Terror, Krieg, Leid, voll Trump, Erdogan und Brexit. Man ist geneigt, ihm ein gepfeffertes Fuck You! entgegenzubrüllen.

    Aber ich habe schon vor Jahren beschlossen, mir zuvorderst über die Dinge Gedanken zu machen, die ich unmittelbar beeinflussen kann. Das habe ich getan, auf der Suche nach dem persönlichen Glück – und zeige 2016 nun nicht den Mittelfinger, sondern winke.

    Und selbst wenn es 2017 wieder nicht klappen sollte mit dem Romandebüt, werde ich nicht verzagen. Meine Zeit wird kommen. Früher oder später.