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  • Und dann spricht der Tod

    April 20th, 2012

    Die anfängliche Skepsis habe ich mit dem Autor geteilt. Jürgen Domian hat ein Sachbuch geschrieben. Der Mann also, dessen Talkradio-Sendung seit 17 Jahren auch im WDR-Fernsehen läuft – eine Sendung, um die ich meist einen großen Bogen gemacht habe. Es ist nicht sein erstes Buch, aber diesmal hat er nach den Sternen gegriffen. Domian hat das ultimative Interview geführt, ein Interview mit dem Tod.

    Und ich fragte mich, wie er sich selbst, ob das funktionieren kann: Fragen zu stellen und selbst Antworten zu geben, die “dem größten Mysterium unserer Existenz gerecht werden”. Die Antwort darauf ist eigentlich unmöglich, aber mein subjektives Gefühl sagt mir: es kann. Oder vielleicht besser: es ist ein beachtenswerter Versuch geworden.

    Das liegt daran, dass Domian auf ein breites Fundament an philosophiehistorischem Wissen zurückgreifen vermag. Beim Lesen seines sehr persönlichen Buches ist zu spüren, wie viele Tage und Nächte er sich in all den Jahren den Kopf zerbrochen haben muss. Antwortsuchende sind mir grundsätzlich sympathisch. Domian hat – auch das kann nur eine subjektive Aussage sein – einige kluge Schlüsse gezogen.

    Und ich musste bei all der Ernsthaftigkeit des Themas schmunzeln, mehrfach gleich. Weil sich einiges, was ich bei Domian wiederentdeckte, mit Thesen eigener Werke deckt. Beispiel: seine Auseinandersetzung mit Religion und Atheismus und mein Tod des armen Teufels.

    Die Suche nach dem richtigen individuellen Lebensweg und die Trennung von Dingen, die zählen und denen, die es nicht tun, sind aus meinem Wandeln und Schaffen nicht wegzudenken. Mein durch zwei Tumoroperationen nicht unwesentlich autobiografisch geprägtes Roman-Manuskript Das Leben mit Tom ist ein einziger Versuch des Bewusstwerdens.

    Und dann verfolgt mich, gerade in dieser Stadt des Zerfalls und der Vitalität, nach wie vor permanent Wim Wenders – von dem ich mich gerne verfolgen lasse. Erst gestern habe ich mir Palermo Shooting erneut angeschaut, jenes filmisches Interview mit dem Tod. Ob Domian den Film wohl kennt?

    Gepflastert mit Schrott

    April 14th, 2012

    Los ging es Dienstagnacht, etwa um zwei. Da lag ich im Bett und suchte nach einer Idee für eine Kurzgeschichte “von oben”, als Beitrag für den Wortlaut 2012 des österreichischen Senders fm4. Als die Idee dann kam, drehte ich mich um, knipste die Nachttischlampe an und schrieb bis halb fünf.

    Drei Nächte später, gestern, verabschiedete sich Der Freund und die Not (Arbeitstitel) ins Postfach meiner Testleserin. Es ist so schnell gegangen, weil ich mich von der Grundidee einer alten Geschichte habe inspirieren lassen. Sie ist zwei Jahre alt. Eine Ewigkeit also.

    Ich erinnerte mich, wie ich sie damals im Sommer 2009 schrieb, ganz begeistert von ihr war und grob beleidigt, als sie bei einem Wettbewerb durchfiel. Als ich sie am Dienstag erneut las, war ich entsetzt. Und fasziniert, im selben Moment. Es ist erstaunlich, wie mangelhaft die Geschichte in Wirklichkeit war, voller zweifelhafter Bilder und banaler Beschreibungen.

    Und so ziehe ich eine mutmachende Erkenntnis: möglicherweise werde ich als Schriftsteller nie wirklich gut sein, aber immer besser. Mein Weg entsteht beim Gehen. Und mag er auch gepflastert mit Schrott sein, ich strebe der Allee entgegen.

    Erlebnis Stadion, oder: Palermo halt

    April 7th, 2012

    In der Überschrift sollte eigentlich “ein Erlebnisbericht” stehen. Und “So ist Palermo”. Aber zweizeilige Unterschriften sind unsexy. Und die gekürzte Version trifft es auch, aber von vorn.

    Die lieben Ex-Kollegen haben mir zum Abschied eine Karte für das Spiel der Unione Sportiva Città di Palermo (kurz US Palermo) gegen Juventus Turin geschenkt, im Internet bestellt, “wirkt alles ein wenig dubios, also pass auf!” riet Beschafferin und Überbringerin T. noch und nahm das böse Wort in den Mund. Doch mit Schwarzmarkt hatte das alles nichts zu tun.

    Sicherheitshalber brach ich trotzdem knapp zwei Stunden vor Spielbeginn zum Stadio Renzo Barbera auf – und stellte vor Ort fest, dass ich fünf Stunden zu früh dran war. Anpfiff: 18.30 Uhr, nicht 15 Uhr, wie auf der Bestellbestätigung stand. Doppeltes Glück im Unglück: Busfahrkarten haben in Palermo eine Haltbarkeitsdauer von einem Fußballspiel. Und: es hätte ja auch andersrum laufen können.

    Laut Fahrplan fahren zwei Busse im Vier-Minuten-Takt vom Hauptbahnhof zum Stadion, aber Fahrpläne sind blanke Theorie. Mein Bus fuhr – und hielt dann irgendwo, mitten auf der Straße. Der Fahrer und sein Nachfolger hielten noch ein Schwätzchen, dann stieg ich aus. So ist Palermo.

    Die ungefähre Richtung kannte ich, orientiere mich am Monte Pellegrino und den stolzen Männern in pinkfarbenen Trikots, brachte mich vor Menschen auf rasenden Zweirädern mit Hupe und ohne Bremse in Rettung – so ist Palermo. Schwieriger wurde es im Block. Die 19 fand ich, das A nicht. B, C, D, E, F, G und H schon. Und Sizilianer, die man nach dem Weg fragt, sind meistens zweierlei: freundlich und ahnungslos.

    Ich habe darauf verzichtet, mir einen Palermo-Schal zu kaufen. Nicht wegen des Pinks, sondern weil ich nicht sicher war, ob mich meine “Schwarzmarkt”-Karte am Ende womöglich zu den Juve-Ultras führte. Tat sie nicht. Ich saß zwischen einem fluchenden Familienvater und einem Schweizer, beide Juve-Fans. Und insgesamt eingekesselt zwischen Heißblütern.

    Zum Spiel ist wenig zu sagen. Limitierte und lustlose Parlermitani waren gegen den neuen Spitzenreiter der Serie A chancenlos, verloren mit 0:2.

    Danach ging es zurück. Zuerst zur Bushaltestelle, an der nur Touristen standen, bis man ihnen (uns) sagte, dass dort kein Bus halte. Dann weiter zur nächsten Bushaltestellte, an der bald ein Bus hielt. Der Fahrer ließ den Motor laufen, während er ausstieg und zehn Minuten lang telefonierte.

    Aber so ist Palermo. Man muss es lieben.


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