• Home
  • Blog
  • Texte
  • Reaktionen
  • Über mich
  • Impressum
  • Datenschutz

  • Archive for the ‘Anderswo’ Category

    Liebling, ich habe das Publikum geschrumpft

    Sonntag, November 20th, 2011

    Dies ist eine Geschichte, die sich um die Begriffe Stuttgart 21 und Rheinfall (mit h!) dreht, obwohl beide wenig miteinander zu tun haben. . .

    Sicherheitskräfte der Bahn bevölkerten meinen Bahnsteig. Ich nahm sie erst im zweiten Moment wahr. In dem Moment, in dem andere an mir vorbeiliefen, auf einem Marsch in Richtung erster Klasse. Ich erkannte Peter Hauk, den Fraktionschef der CDU im Landtag von Baden-Württemberg, obwohl er fast ein wenig unscheinbar wirkte. In Karlsruhe marschierten die Herren wieder aus dem Zug, empfangen von zünftiger Blasmusik. Ich hatte keine Zeit, mich ihnen oder ihrer Botschaft zu widmen. Ich musste meinen ICE nach Basel erwischen.

    24 Stunden später stieg ich in Zürich in einen Zug zurück nach Stuttgart und atmete internationale Luft. “Ici?”, fragte eine Französin ihren Mann. “Niccolo!”, sagte – im vorwurfsvollen Ton – eine Italienerin zu ihrem Mann. Hinter mir sprachen zwei Schweizer Damen ihre Art von Deutsch.

    Ich verbrachte die Zeit mit Lesen, doch zweimal schweifte mein Blick nach draußen. Beim ersten Mal sah ich in der Ferne einen steilen Hang und glaubte Kühe zu sehen, die dort grasten. Beim zweiten sah ich Wasser, in großen Mengen, beim Fallen. “Meine Damen und Herren, in Kürze erreichen wir Schaffhausen”, schallte es aus den Lautsprechern. Die wunderhübsche Asiatin auf der anderen Seite des Ganges wendete lächelnd ihren Blick ab und zog ihre Stiefel wieder an.

    Zwischen diesen Zugfahrten lag ein Besuch auf der BuchBasel und eine Veranstaltung der Jungen Verlagsmenschen (JVM), deren Autorenwettbewerb ich jüngst gewonnen habe. Eine kurze Lesung sollte es werden, anschließend eine Diskussion mit zwei jungen Schweizer Autorinnen. Die Moderatorin fragte mich, wie ich Inspiration finde. Sinngemäß habe ich geantwortet, das ließe sich nicht erzwingen, aber Inspiration käme automatisch durch Beobachtungen.

    Bemerkenswert war der Zuschauerzuspruch. Während ich las, hörten mir vielleicht ein Dutzend Menschen zu, inklusive der drei Frauen neben mir auf dem Podium, des Technikers und des JVM-Chefs. Die Messebetreiber hatten es verpasst, auf die Veranstaltung hinzuweisen.

    Berufsrisiko, dachte ich mir – und nahm es gelassen. Es haben schon ganz andere vor einer handvoll Zuhörern gelesen. Was bleibt ist die Erinnerung. Und ein Stück Inspiration. Nein, diese Reise war kein Reinfall.

    Der Spalt und ich

    Sonntag, Oktober 23rd, 2011

    Der Hochnebel lag unversöhnlich über der Stadt und durch die Straßen kroch die graue Wucht des Herbstes. Am Utoquai schaute K. durch das Fenster der Tram hinaus auf den See. “Im Winter ist Zürich immer so”, sagte sie, “aber wart’s ab: Gleich fahren wir in die Sonne.” Und als wir dann eine halbe Stunde später auf der Autobahn an Pfäffikon vorbeipfiffen, den Bergen entgegen, später den Walensee links liegen ließen, da war es, als hätte jemand einen Vorhang aufgezogen. “So schön”, sagte meine Fahrerin. “Die Schweiz ist so schön.”

    Bald darauf lehnte ich am Rand des Außenbeckens der Tamina Therme von Bad Ragaz und wünschte mir, eine wasserfeste Kamera vorbeischippern zu sehen. Ich hätte sie ergriffen und dieses Motiv festgehalten. Das Motiv mit dem großen nach oben spitz verlaufenden dreieckigen Felsen mitten im Becken, mit dem Häuschen auf der Wiese dahinter vor dem Berg, der auch ein Hügel gewesen sein kann – so genau weiß ich das nicht mehr. Aber das bunte Schimmern, die andere Seite des Schweizer Herbstes, ist mir in Erinnerung geblieben.

    Und morgen starte ich erwartungsfroh in die letzte Woche meines goldenen Oktobers. Ich habe dieses Gefühl, dass sich da vergangene Woche eine Tür geöffnet hat, einen Spalt nur fürs Erste. Doch das Licht, das mir in winzigen Strahlen entgegenscheint, ist eine Einladung. Ich muss nur ein wenig drücken. . .

    Die Magie des Tapetenwechsels

    Samstag, Oktober 8th, 2011

    “Du bist nüchterner als ich”, sagte S. zu mir und blickte in den Raum. “Wie nimmst Du die Stimmung wahr?” Also blickte auch ich in den Raum im obersten Stock des Internationalen Hauses in Würzburg, sah die Partygäste lachen, reden, trinken, sah vor allem im Hintergrund die hell erleuchtete Festung. “Gelöst”, sagte ich zu ihr. Und später, auf der Dachterasse, als wir zitternd in der Herbstkälte auf einem Sofa saßen und in der Dunkelheit neben uns L. auf der Gitarre Nothing else matters spielte und mit einstigen Bandkollegen sang, war ich es auch.

    Am Abend davor habe ich in Stuttgart A. dabei zugehört, wie sie von ihrer Heimatverbundenheit sprach und vom gleichzeitigen Wunsch, innerhalb der nächsten Jahre noch einmal woanders zu leben. Ich habe in diesem Moment nicht viel zum Gespräch beigetragen, aber ich bin ziemlich sicher, dass ich gelächelt habe. Als ich noch studierte, erlebte ich immer wieder, welch befreiendes Gefühl es war, eine Stadt hinter sich zu lassen und in die andere zu fahren. Die Magie des Tapetenwechsels schafft Raum für neue Perspektiven, verdrängt Verantwortlichkeiten und Baustellen, was man im Falle Stuttgarts ja durchaus wortwörtlich verstehen darf.

    Gestern bin ich nach Würzburg zurückgekehrt – wenn auch nur für eine Nacht und einen Vormittag. Bin durch die vertrauten Straßen gelaufen und habe mich erinnert. Habe gemerkt, dass wo immer man war, ein Stück von seinem Selbst blieb. Darauf wartend, dass man zurückkommt und es aufliest. Die innere und die äußere Freiheit einen Tapetenwechsel zu vollziehen, wenn mir danach ist, werde ich auf absehbare Zeit nicht aufgeben wollen. Sie ist eines der höchsten Güter, die ich besitze.


    Social Widgets powered by AB-WebLog.com.