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    Vom Reisen und Schreiben

    Samstag, Januar 28th, 2017

    Cabo

    Es ist ein Geschenk, sich mehrere Monate Zeit nehmen zu können, um fern der gewohnten Umgebung an einem Roman zu arbeiten. Man muss sich nichts vormachen: Es ist Arbeit. Es ist verdammt viel Arbeit. Sie verlangt Sitzfleisch und eine Fechtausbildung gegen Zweifel und Schreibblockaden. (…) Doch diese Arbeit ist getränkt mit Freiheit.

    Ich habe für den wundervollen Reiseblog Today We Travel einen Gastbeitrag über Monate in Lissabon und auf Sizilien verfasst. Zu lesen gibt es ihn HIER.

    Was vom Jahre übrig bleibt (Twentysixteen)

    Freitag, Dezember 30th, 2016

    Lissabon

    D. war zufällig in Lissabon – zum Saufen und zur Kultur auf hohem Niveau, wie er schrieb. Für den Samstag waren wir verabredet, also bestieg ich in meinem Schreibexil einen Bus. Die Fähre brachte mich zum Cais do Sodré, von wo aus ich an den Praça do Comércio spazierte und mich ans Wasser setzte.

    Im Schein von Portugals kraftstrotzender Herbstsonne lauschte ich eine Weile den Wellen und einer Straßenband von den Kapverden, die den Sound der Ferne spielte. Und weil ich D. telefonisch nicht erreichte – der erholte sich gerade noch vom hohen Niveau des Vortages – stapfte ich los. Ohne Ziel.

    Eine Stunde später tauchte die nicht mehr ganz so kraftvolle portugiesische Herbstsonne bei ihrem Untergang die Stadt in ein Licht, von dem man wünschte, es würde nie erlöschen. Aber alles hat seine Zeit, alles endet: Sonnenuntergänge, Tage, Nächte, Schreibklausuren im Ausland.

    Wenn ich heute im deutschen Winter mit schniefend-triefend-verschnupfter Nase auf die Wochen in Lissabon zurückblicke, tue ich das nicht voller Wehmut, sondern mit einem Lächeln. Ich bedauere es nicht, nicht mehr dort zu sein.

    Es erschüttert mich auch nicht, dass 2016 unglücklich endet – mit der Rückmeldung der Agentur, die den Roman nicht vertreten will, weil sie seine Marktchancen im schwierigen Segment der Gegenwartsliteratur als zu gering einschätzt.

    Ich werde mir, sobald ich mich der Überarbeitung gestellt habe, neu überlegen müssen, ob und wie ich ihn unterbringe. Dieses Gefühl des Scheiterns und des Neujustierens weicht nicht von meiner Seite. Es scheint kein Ende zu nehmen. Ich lächle auch darüber, weil ich weiß, dass es irgendwann enden wird.

    2016 ist in vielerlei Hinsicht ein Jahr des Schreckens und der Verzweiflung gewesen, voll globalem Terror, Krieg, Leid, voll Trump, Erdogan und Brexit. Man ist geneigt, ihm ein gepfeffertes Fuck You! entgegenzubrüllen.

    Aber ich habe schon vor Jahren beschlossen, mir zuvorderst über die Dinge Gedanken zu machen, die ich unmittelbar beeinflussen kann. Das habe ich getan, auf der Suche nach dem persönlichen Glück – und zeige 2016 nun nicht den Mittelfinger, sondern winke.

    Und selbst wenn es 2017 wieder nicht klappen sollte mit dem Romandebüt, werde ich nicht verzagen. Meine Zeit wird kommen. Früher oder später.

    Am Ende

    Dienstag, November 29th, 2016

    cabo

    Vor der Ruhe hat die Natur den Schweiß gesetzt. Ich habe das schon mehrfach erfahren, zuletzt, als ich ans Ende Europas fuhr. Denn wo, wenn nicht am Cabo da Roca, dem westlichsten Punkt unseres Kontinents, hätte meine Zeit in Portugal einen würdigeren Abschluss finden können?

    Also stieg ich in einen Bus, die Fähre über den Tejo, den Zug am Tejo entlang in Richtung Cascais und dort in einen weiteren Bus. Drei Stunden habe ich für die Strecke von 54 Kilometern gebraucht, doch wie ich da über den Felsen stand, bei 18 Grad und Sonne Ende November, wusste ich, es würde sich lohnen.

    So richtig wusste ich es natürlich erst, als ich mich von den Massen entfernte, die westlichste Punkte des Kontinents nun mal so anziehen, als ich die Felsen hinunter kletterte, wohin sich nur wenige trauten, als ich dort also saß und niemanden mehr sah oder hörte, nur noch die Wellen unter mir.

    Dort schloss ich die Augen, öffnete sie nur, um in die Sonne zu blinzeln oder mich zu vergewissern, dass das Meer noch da war. Ich dachte zurück an zwei Monate, an Nächte über dem Computer, wenn nur dörfliches Hundebellen die Ruhe störte, und an die Tage und Nächte, in denen ich vor der Ruhe floh.

    Am Ende der Reise steht die Rohfassung von Wer den Sprung wagt (Arbeitstitel) und die Gewissheit, dass die eigentliche Arbeit, das Überarbeiten, erst noch auf mich wartet. Es stehen Erinnerungen an Menschen, denen ich begegnete, während ich nicht schrieb. Bleibende? Das wird sich weisen.

    Morgen geht es zurück. Es war schön, mal wieder anderswo zu sein. Ich werde die Sonner vermissen.