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    Der Anstieg und die Leere

    Donnerstag, April 20th, 2017

    Einst führten alle Wege nach Rom. In meine Wohnung führen immerhin zwei, abhängig davon, welche Straßenbahnhaltestelle ich zum Aussteigen wähle. Da ist der Weg durch Garten und Hintertüre. Und da ist der zweite, etwas längere, beständig aufsteigende. In den vergangenen Wochen habe ich stets ihn gewählt. Denn er führt direkt zum Briefkasten.

    Ich stieg aus der Bahn aus und die Treppenstufen hinauf, die in meine Straße führen, an den Anfang des Anstiegs zum letzten Haus vor dem Wald, in dem ich hause. Und während ich einen Fuß vor den nächsten setzte, ratterten die Gedanken, was ich im Briefkasten finden und was es aus mir machen würde.

    Meist fand ich nur Leere.

    Ich bekomme nicht viel Post. Und wenn, zerrt sie mich selten auf emotionale Achterbahnfahrten. Der Brief, auf den ich wartete, war dazu in der Lage, dessen war ich mir sicher. Ich hatte mich auf ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg beworben. Zum dritten Mal. Es war meine letzte Chance.

    Bei den vergangenen Versuchen war die Absage bereits Ende oder schon Anfang März eingetrudelt. Ich glaubte also, ungefähr einschätzen zu können, wann ich mit einer Antwort rechnen konnte, in der Hoffnung, es wäre diesmal eine positivere.

    Also begann ich Mitte März damit, meinen Nachhauseweg zu verlängern, mit pochendem Herzen den Schlüssel ins Schloss zu führen und den Briefkasten zu öffnen.

    Irgendwann begann ich mir zu wünschen, wieder nichts zu finden, weil ich glaubte, je länger es dauerte, desto größer seien die Chancen, dass ich zu den Auserwählten gehöre.

    Irgendwann begann ich zu glauben, sie hätten meine Bewerbung schlichtweg vergessen.

    Bis Dienstag. Bis ich wieder den längeren Weg wählte. Bis ich den Umschlag fand. Kein gewöhnlicher weißer Umschlag, sondern ein farblich veredelter. Ein verdächtig dünner farblich veredelter Umschlag. Ein Umschlag, den ich zunächst verschlossen ließ. Bis zu meinem Sofa.

    Und als ich die Worte las, die sich immer und überall ähneln, spürte ich keinen Verdruss. Ich verfluchte weder die Jury noch die Götter der Gerechtigkeit (jedenfalls beide nicht lang). Ich lehnte mich zurück und schloss für einen Moment die Augen.

    Kurz darauf begann die Suche nach neuen Wegen.

    Die unerwartete Sehnsucht

    Dienstag, Mai 31st, 2016

    Bastion

    Petrus bereitete einen frostigen Empfang, doch dem Sommernachtstraum war’s egal. In Halle 1 des Stuttgarter Theaterhauses wehte kein eisiger Wind, da ließ es sich entfalten. Das tat er, der Traum, dank Radio-Sinfonieorchester des SWR, dank Puck Till Schneidenbach – und dank Tobias Gralke, einem Meister des gesprochenen Worts.

    Gralke kannte ich von Poetry Slams, Shakespeare ist immer reizvoll, also zog ich hin auf die Höhen der Stadt, um zu lauschen und zu lächeln. Die Ouvertüre aus Mendelssohns Sommernachtstraum ließ mein Herz hüpfen, wie es gewiss nur klassische Musik vermag. Dann brachte Gralke Steine ins Rollen.

    Seine Performance hat Spaß gemacht. Poetisch und akzentuiert war das Gesprochene, gewürzt mit eigenen Versen, die sich frech mit Tarnkappe einschlichen und zwischen ihren mehr als 400 Jahre älteren Brüdern und Schwestern tanzten. Und die ein, zwei kleinen Stolperer machten das Ganze nur sympathischer. Perfektion ist öde.

    Vor einigen Jahren versuchte ich mich selbst als Poetry-Slammer, der Screenshot oben dokumentiert mein Debüt in der Kirchheimer Bastion vor fünf Jahren. Ich wollte mich daran versuchen, obwohl ich wusste, dass meine Stärken im Niederschreiben, nicht im Hinausposaunen liegen. Das Ergebnis war erwartungsgemäß.

    Viele Schriftsteller kennen das. Zum Präsentieren, zum Vortragen, haben sie ein zerrüttetes Verhältnis. Zum Performer geboren sah auch ich mich nie. Und dennoch: an jenem Abend kürzlich im Theaterhaus, an dem mich der Sommernachtstraum berührte, entdeckte ich Unerwartetes in mir. Ich entdeckte die Lust, Gralke nachzueifern.

    Vor sechs Wochen brachte das andere Ich mit Chris Ignatzi ein Büchlein um kotzende Milben, kackstuhlschenkende Ehemänner und viele weitere kleine Geschichten rund um verblüffende deutsche Museen heraus. Zweimal haben wir daraus schon gelesen, Vorstellung Nummer drei folgt kommenden Samstag.

    Und ich stelle fest: Ich freue mich darauf. Die Menschen sollen Spaß haben. Ich feile an meiner Performance. Vielleicht werden die Bühne und ich doch noch so was wie Freunde.

    Vom Ende der Frist

    Samstag, April 30th, 2016

    Bühne

    Es wird ein heißer Tanz heute Abend. Nicht da draußen irgendwo, bei all den Maianbetern und Walpurgisnachtgeistern. Mein April endet in meiner Wohnung, an meinem Schreibtisch, über meiner Tastatur. Ich muss eine Kurzgeschichte schreiben.

    Ich muss sie heute schreiben, weil da diese Frist ist. Und diese Frist endet morgen. Besser als heute, gewiss. Aber morgen ist immer noch verdammt früh. Besser wäre übermorgen. Oder Mittwoch. Mittwoch, der 30. November. 2022.

    Zeit ist irrational. „Ich muss eine Kurzgeschichte schreiben“, erzählte ich vor einer Woche J. „Na klar. Weil man die ja einfach mal schnell in einer Woche schreibt“, antwortete sie. „Es ist eine kurze Kurzgeschichte“, versuchte ich mich zu rechtfertigen.

    Jetzt sind fünf der sieben Tage rum und ich habe noch immer keine Zeile geschrieben. Die Geschichte, sie ist in meinem Kopf – seit Mittwoch. Aber dort blieb sie, bis gleich, wenn ich anfange, sie aus dem Kopf zu manövrieren.

    So eine Geschichte muss ja auch erst reifen, sie muss sich entwickeln, man darf sie nicht zu früh entkommen lassen, sonst verflüchtigt sie sich, sage ich mir und anderen – und glaube für einen Moment tatsächlich daran. Wahrscheinlich brauche ich aber einfach nur den Zeitdruck.

    Versagen ist keine Option. Ich muss diese Kurzgeschichte nicht nur schreiben. Ich will sie auch schreiben. Weil sie für das Lit.Fest Stuttgart ist – deswegen kann die Frist übrigens auch gar nicht am 30. November 2022 enden, denn das Lit.Fest Stuttgart steigt vom 9. bis 11. September 2016.

    Es steigt auf einer wundervollen Bühne in einem Stuttgarter Weinberg (siehe Foto oben), obwohl es von da eigentlich gar nicht mehr viel höher geht. Diese Bühne lockt mich. Deswegen muss ich jetzt schreiben.

    Ich hol mir nur noch schnell einen Keks. Im Supermarkt.