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    Mein Alaska

    Sonntag, April 29th, 2012

    Da ist diese Szene in Sean Penns großartigem Film Into the Wild, die auch im Trailer zu sehen ist. Der junge Aussteiger Christopher McCandless erzählt dem Farmer Wayne von seinem großen Ziel: Alaska, die Wildnis, die Isolation. “Und was macht man dann da, in der Wildnis?”, will Wayne wissen. “Man lebt einfach”, antwortet McCandless.

    Es ist vier Jahre her, dass ich diesen Film zum ersten Mal gesehen habe. Ich quälte mich gerade für die Zwischenprüfung durch die Griechische Geschichte und brauchte dringend eine Auszeit. Also ging ich alleine ins Kino, angetrieben durch ein großartiges Interview mit Sean Penn in der ZEIT.

    Der Film, den ich zwei Tage später am Abend nach der Prüfung im selben Kino noch einmal in mich aufsaugte, traf mich mitten in einer sensiblen Phase, konfrontiert mit einem (vermeintlichen) Gehirntumor, der mich darüber nachdenken ließ, welche Schwerpunkte ich in meinem Leben setzen will.

    Meine Reise nach Palermo nähert sich der Halbzeit. Beim Gedanken daran, was ich bislang erlebt habe – zuletzt in dieser Nacht – kann ich nicht anders als lächeln. Und bei aller Vorfreude, Ende Juni die Heimat wiederzusehen, brenne ich auf die nächsten beiden Monate. Palermo ist mein Alaska.

    Natürlich mutet ein Vergleich mit dem wahrhaftigen Christopher McCandless etwas seltsam an, ich habe nicht die Zivilisation hinter mir gelassen, sondern nur die gewohnte Umgebung. Dennoch suche und finde ich hier die Isolation regelmäßig und stelle voller Freude fest, wie fruchtbar sie ist.

    Mit dem, was viele unter Carpe diem verstehen, kann ich wenig anfangen. Ich lasse mir ungern Druck machen. Und meine Definition von leben (im Sinne von erleben) deckt sich erfahrungsgemäß mit der vieler anderer nicht. Deswegen sträube ich mich davor, Allgemeingültiges zu behaupten.

    Aber die Triebfeder meines Lebens ist eine feste Überzeugung. Sie lautet: wer nicht hin und wieder einen Bruch vollzieht, bleibt stehen. Und Stillstand ist nie gut.

    Nacht mit Morgen

    Donnerstag, Januar 5th, 2012

    Den ersten Weckruf um 6.30 Uhr kämpfte der Autopilot nieder, beim zweiten war es eine halbe Stunde später und ich ehrlich entsetzt. Die Dusche danach war ein Tropfen auf dem heißen Stein. In der Nässe der Finsternis kündigte Orkan Andrea ihren Besuch an. An der Stadtbahnhaltestelle saß neben mir eine Frau. Sie las in dem Buch Es kommt nicht darauf an, wer Du bist, sondern wer Du sein willst. Ich war in dem Moment ein wandelnder Zombie auf dem Weg zum Arzt, ich wäre gerne ein Schlafender gewesen.

    Noch vor einem Monat hatte ich über die Nächte ohne Morgen spekuliert, die ich erleben würde, sobald ich mich meines halbwegs geregelten Tagesablaufs entledigt hatte. Am Montag erhielt ich ein nachträgliches Abschiedsgeschenks von M. aus der Redaktion. “Frauen und ihre Autoren” heißt der Text. Er handelt vom Alltag der Gattin, die ihren angetrauten Schriftsteller morgens am Schreibtisch findet, verloren in einer zeitlosen Welt der Ideen, getrieben vom Drang, diesen einen Gedanken niederzuschreiben, der ihm in der Nacht begegnet war. Ihn festzuhalten, bevor er entwischt. Und den nächsten, weil der sich wie selbstverständlich aus dem ersten ergibt.

    Ich habe mich gestern Nacht nicht an den Schreibtisch gesetzt. Ich habe mir den Schreibtisch ins Bett geholt. Weil mir diese eine Idee gekommen war und durch meinen Kopf rannte wie ein lärmendes Balg. Ich musste sie verfolgen. Der Preis für die Zähmung war das morgendliche Zombiedasein. Beim nächsten Mal bleibe ich liegen.

    Und es wird nächste Male geben. Schließlich bin ich frei.

    Die Entdeckung der Langsamkeit

    Samstag, Dezember 31st, 2011

    Es gibt Tage, Wochen, Monate, in denen die Zeit rast. Man will sich dann umdrehen und staunen, weil man nicht fassen kann, was da eben geschehen ist, aber man darf nicht. Weil das nächste Unfassbare bereits vor einem steht, weil man sich ihm stellen muss. Im Angesicht des Neuen verfällt das eben noch Große zu Vergangenheitsstaub, ohne dass auch nur halbwegs die Chance bestand, es zu verarbeiten.

    Im Globalen wie im Lokalen kam mir das heute endende Jahr unvergleichlich reich an Eindrücken vor, guten wie schlechten. Möglicherweise täuscht die Perspektive, neigt man doch häufig dazu, das Spürbarste zu überhöhen. Doch am Ende siegt ohnehin das Gefühl.

    Die rührenden Worte, Begegnungen und Geschenke, mit denen gestern für mich eine Ära bei der Zeitung endete, haben mich gepackt. Nun sitze ich in einer Wohnung, in der sich Reste des Jahres türmen. Ich werde sie morgen aufräumen – und mir die Zeit nehmen, über sie nachzudenken. Weil mein Entschluss auch und vor allem ein Abschied von Zwängen ist, die einen vor sich hertreiben. Weil er die Entdeckung einer neuen Langsamkeit ermöglicht. Einer, in der ich mir die Zeit nehmen will zu versuchen, die Zeit zu verstehen.

    In dem Artikel, der gestern in der Innenstadt-Beilage von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten über mich erschienen ist, schreibt Holger Gayer von Anfängen und Enden. Wir haben uns im Interview lange über Symbole und Metaphern unterhalten. Für mich ist dieses Silvester, sind diese vergangenen Tage, ein einziges Symbol. 2012 wird anders.


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