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  • Archive for August, 2011

    Im Bett mit Roger Willemsen

    Donnerstag, August 25th, 2011

    Es war schwül in der Nacht, in der ich neben meinem Bett ein kleines Blatt Papier und einen Stift fand. Fast nackt lag ich da und der Schweiß klebte an meinem Körper. Doch plötzlich war ich glücklich. Allein aus dem Grund, weil da ein Zettel – mehr war es wirklich nicht – und ein Kugelschreiber lagen. Denn es rasten Gedanken durch meinen Kopf. Sie wollten hinaus, wollten niedergeschrieben werden. Also legte ich Roger Willemsen beiseite. Ich konnte mich sowieso nicht auf ihn konzentrieren. . .

    Es gibt gute Freunde, die behaupten, es täte mir gut, in manchen Situationen (im Bett zum Beispiel) den Kopf auszuschalten. Ich denke dann immer daran, wie schön es wäre, auf Knopfdruck an nichts denken zu können, das Leben einfach geschehen zu lassen. Aber diesen Knopf gibt es nicht und ich habe mich damit abgefunden, von wahllosen Ideen gejagt und von der Stille der Nacht verhöhnt zu werden, weil ich ihr nicht entrinnen kann.

    Zurzeit aber hadere ich mit meiner Gabe, meinem Klotz. Weil ich mich dabei ertappe, wie meine Augen über die Seiten eines Buches huschen, ohne dass die Botschaften ankommen. Weil ich anderswo bin: in Palermo, viel zu häufig im (Journalisten-)Dienst – oder in Frankfurt. Dort, auf der Buchmesse, traf ich 2004 Roger Willemsen zum Interview. Ich werde es nie vergessen, weil es einer der aufregendsten Momente des Jahres und meiner noch sehr jungen Stuttgarter-Zeitungs-Karriere war.

    Willemsen hatte sich 2001 vorübergehend vom Fernsehen gelöst, um sich ganz aufs Schreiben zu konzentrieren. Seine gute Laune imponierte mir, sah ich in ihm doch „den Mann mit den hängenden Mundwinkeln“. Seine kühle Analyse einer Welt, die ich mit einer damals noch naiven, heute etwas gefestigteren Skepsis betrachtete, gefiel mir gleichermaßen. Reinhard Mohr hatte ihn einige Jahre zuvor im Spiegel „einen beflissenen Snob“ genannt, der die „geschwätzige Selbstbespiegelung“ pflegt. Ich gewann einen anderen Eindruck.

    Und so kommt es, dass ich mich in diesen Tagen über mein ständiges Abschweifen ärgere, wenn ich im Bett liege und mich eigentlich auf Willemsens 2008 erschienenes Buch Der Knacks konzentrieren möchte. Ich, der zum Ende des Jahres einen Bruch plant. Papier und Stift aber werden jetzt immer neben meinem Bett liegen. Und der nächste Zettel wird ein größerer sein.

    Der Zauber des Fernen

    Sonntag, August 21st, 2011

    Dieses Gefühl lässt einen nicht los. Sitzt einem im Nacken, vorgelehnt in der Kinoreihe direkt dahinter. Schnieft, niest und hustet. Flüstert auch: „Das hast Du alles schon einmal gesehen. Vom selben Filmemacher.“ Dann schüttelt man sich kurz, zermalmt den spottenden Begleiter wie eine lästige Stubenfliege – no animals were harmed in the making of this article – und konzentriert sich aufs Wesentliche.

    Ja, in gewisser Weise ist Woody Allen ein Meister der Replikation. Ja, auch sein jüngstes Werk Midnight in Paris weist unzählige Anleihen an frühere Filme auf. Die Sinnkrisen des Protagonisten, seine geisterhaften Begegnungen, die Konflikte zu seinem Umfeld – alles schon gesehen. Dazu diese Musik. Unverwechselbar. Doch Midnight in Paris ist trotzdem eine Schatzkiste. Ein Film wie der flüchtige Kuss der schönen Kaumbekannten, mit der man – beim ersten Date von einem Sommerregen überrascht – kichernd in einen Hauseingang geflüchtet ist. Oder, kürzer formuliert: ein Genuss.

    Quelle: Sony-Classics.com

    Nun ist das mit der Objektivität in künstlerischen Dingen so eine Sache. Wie könnte mir, den es nach Palermo zieht, ein Film nicht gefallen, der von einem verträumten und gelangweilten Drehbuchautoren auf der Suche nach Inspiration in Paris handelt? Gil Pender heißt der Mann, gespielt von Owen Wilson, den Allen in einer Art von dieser Stadt schwärmen lässt, wie er es bislang nur für New York zugelassen hat.

    Pender findet sich, bevormundet von seiner schnippischen Verlobten Inez (Rachel McAdams), des Nachts in den Goldenen 20er Jahren wieder – jener Epoche, in die er sich zurücksehnt, weil ihn die Gegenwart anödet, weil er die Hektik der Moderne missachtet, die Oberflächlichkeit, der fehlende Stil – all die Dinge, die verloren gegangen zu sein scheinen. Ganz plötzlich aber ist all das da – und Pender mittendrin.

    Er lernt F. Scott und Zelda Fitzgerald kennen, hört Cole Porter Klavier spielen, sieht sich dem herrlich dahinschwadronierenden Ernest Hemmingway gegenüber, der ihn mit der Verlegerin Getrude Stein (Kathy Bates) zusammenbringt. Dalí, Picasso, Buñuel oder T.S. Eliot huschen in einem Meer von Andeutungen auch mal durchs Bild – bis schließlich vor allem eine wuselt: Adriana (Marion Cotillard), die Muse und Geliebte von so manchem Meister – und für den Film das Symbol schlechthin.

    Es bleibt dem größten Unsympathen der Gegenwart überlassen, Gil Penders Sehnsucht zu entlarven – in einer Szene, in der zuvor Carla Bruni aufblitzt. Seine Sehnsucht nach der Vergangenheit sei psychologisch zu erklären, sagt der Wichtigtuer Paul, ein Freund von Inez. Als eine irrationale Flucht vor der Realität, bedingt durch die fehlende Fähigkeit, mit selbiger umzugehen. Angestachelt durch den Irrglauben, Inspiration sei zu einem Gut geworden, das sich nicht mehr so leicht finden ließe wie zur Zeit der großen Pariser Bohème.

    Dass Wahrnehmung nicht von Wahrheit kommt, ist selten so zauberhaft auf die Leinwand projiziert worden wie hier.

    Midnight in Paris in der IMDB

    Abschied von den Abgründen

    Donnerstag, August 18th, 2011

    Ich erinnere mich, dass die Sonne schien – ganz kurz nur, bevor es wieder regnete. Vor genau einem Monat war das, am 18. Juli. Und im Vereinsheim des SV Hoffeld, durch das ein lauer Wind des Widerstands wehte, bauten sie die Urnen auf. Urabstimmung. Unbefristeter Streik. 98,5 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von mehr als 80 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder waren dafür.

    Endlich eine entsprechende Antwort auf die Unverschämtheiten, mit denen die Verleger ein Jahr lang drohten. Ein Viertel weniger Gehalt für zukünftige Redakteure, fünf Prozent für bestehende. „Wer bei solchen Forderungen nicht auf die Straße geht, wird den aufrechten Gang nie lernen“, hat ein Vertreter der Gewerkschaft Verdi dazu gesagt.

    Die Journalisten, allen voran wir Stuttgarter, waren aufrecht. Wir waren kreativ und kämpferisch, wir waren wütend und wagemutig. Und nach 26 Tagen außerhalb der Redaktionen, zusätzlich zu den neun, die wir vorher schon draußen waren, ist es seit heute Morgen vorbei. Zurück bleibt die Erleichterung – und eine Erkenntnis.

    In diesen vergangenen viereinhalb Wochen steckte ich – und längst nicht nur ich – bis zum Hals in der dampfenden Brühe der Streikdepression. Ununterbrochen am Handeln und doch zum Zusehen verdammt zu sein, führte mich an den Rand eines Abgrunds, der Rausch der lebendigen Aktionen wich nach Verlassen der Straße stets einem Kater.

    Wer dem Journalisten das Interviewen, das Recherchieren, das Schreiben verwehrt, der klaut ihm seine Kuscheldecke. Wir haben uns selbst Enthaltsamkeit auferlegt, weil wir es mussten. Weil uns die Verleger, einer unserer führenden Betriebsräte nannte sie „bösartig“, dazu gezwungen haben. Doch selbst Marc Bensch zu sein fehlte mir die Kraft, die Muse, die innere Freiheit.

    Das ist vorbei. Ich arbeite wieder. Und ich bin wieder Marc Bensch. Die Bewerbung für ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg ist schon abgegeben. Und es bleiben knappe zwei Wochen für die erste, weitere zwei Wochen für die zweite und erneut zwei Wochen für die dritte Kurzgeschichte, die ich zu schreiben gedenke, um sie bei Wettbewerben einzureichen.

    Der Streik ist vorbei. Es war an der Zeit.