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  • Der Zauber des Fernen

    Dieses Gefühl lässt einen nicht los. Sitzt einem im Nacken, vorgelehnt in der Kinoreihe direkt dahinter. Schnieft, niest und hustet. Flüstert auch: „Das hast Du alles schon einmal gesehen. Vom selben Filmemacher.“ Dann schüttelt man sich kurz, zermalmt den spottenden Begleiter wie eine lästige Stubenfliege – no animals were harmed in the making of this article – und konzentriert sich aufs Wesentliche.

    Ja, in gewisser Weise ist Woody Allen ein Meister der Replikation. Ja, auch sein jüngstes Werk Midnight in Paris weist unzählige Anleihen an frühere Filme auf. Die Sinnkrisen des Protagonisten, seine geisterhaften Begegnungen, die Konflikte zu seinem Umfeld – alles schon gesehen. Dazu diese Musik. Unverwechselbar. Doch Midnight in Paris ist trotzdem eine Schatzkiste. Ein Film wie der flüchtige Kuss der schönen Kaumbekannten, mit der man – beim ersten Date von einem Sommerregen überrascht – kichernd in einen Hauseingang geflüchtet ist. Oder, kürzer formuliert: ein Genuss.

    Quelle: Sony-Classics.com

    Nun ist das mit der Objektivität in künstlerischen Dingen so eine Sache. Wie könnte mir, den es nach Palermo zieht, ein Film nicht gefallen, der von einem verträumten und gelangweilten Drehbuchautoren auf der Suche nach Inspiration in Paris handelt? Gil Pender heißt der Mann, gespielt von Owen Wilson, den Allen in einer Art von dieser Stadt schwärmen lässt, wie er es bislang nur für New York zugelassen hat.

    Pender findet sich, bevormundet von seiner schnippischen Verlobten Inez (Rachel McAdams), des Nachts in den Goldenen 20er Jahren wieder – jener Epoche, in die er sich zurücksehnt, weil ihn die Gegenwart anödet, weil er die Hektik der Moderne missachtet, die Oberflächlichkeit, der fehlende Stil – all die Dinge, die verloren gegangen zu sein scheinen. Ganz plötzlich aber ist all das da – und Pender mittendrin.

    Er lernt F. Scott und Zelda Fitzgerald kennen, hört Cole Porter Klavier spielen, sieht sich dem herrlich dahinschwadronierenden Ernest Hemmingway gegenüber, der ihn mit der Verlegerin Getrude Stein (Kathy Bates) zusammenbringt. Dalí, Picasso, Buñuel oder T.S. Eliot huschen in einem Meer von Andeutungen auch mal durchs Bild – bis schließlich vor allem eine wuselt: Adriana (Marion Cotillard), die Muse und Geliebte von so manchem Meister – und für den Film das Symbol schlechthin.

    Es bleibt dem größten Unsympathen der Gegenwart überlassen, Gil Penders Sehnsucht zu entlarven – in einer Szene, in der zuvor Carla Bruni aufblitzt. Seine Sehnsucht nach der Vergangenheit sei psychologisch zu erklären, sagt der Wichtigtuer Paul, ein Freund von Inez. Als eine irrationale Flucht vor der Realität, bedingt durch die fehlende Fähigkeit, mit selbiger umzugehen. Angestachelt durch den Irrglauben, Inspiration sei zu einem Gut geworden, das sich nicht mehr so leicht finden ließe wie zur Zeit der großen Pariser Bohème.

    Dass Wahrnehmung nicht von Wahrheit kommt, ist selten so zauberhaft auf die Leinwand projiziert worden wie hier.

    Midnight in Paris in der IMDB
    Midnight in Paris Trailer (via Youtube)

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