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  • Von Lastern und der Schaffenskraft

    Der Koben der einfachen Antworten in der Lokalredaktion der Stuttgarter Zeitung ist eine kleine Welt für sich. Und immer wieder kommt es vor, dass Kollegen diese dem Tode geweihte Welt entern, wenn ihnen etwas auf dem Herzen liegt oder sie das Bedürfnis nach ein wenig Wärme haben. Sie kommen dann an meinem Tisch vorbei, notgedrungen, denn dieser ist der Tür am nächsten. Und nehmen die Bücher in die Hand, die da liegen, die Straßenbahnlektüren. Runzeln die Stirn, schweigen dezent oder – wie zuletzt häufig – lächeln.

    Die gleiche Reaktion, ein Lächeln, sah ich im Gesicht der Buchhändlerin. Neulich, als ich wieder einmal Lust hatte, Geld für etwas Wertvolles auszugeben und sieben Romane mit nach Hause nahm. „Eine schöne Auswahl“, sagte sie. Eines der Bücher muss für sie eine besondere Bedeutung haben: 2666 von Roberto Bolaño, ein mehr als 1000 Seiten starkes Werk. „Da haben Sie sich etwas vorgenommen“, sagte die Buchhändlerin. Und sprach damit nicht nur die Länge an, sondern Bolaños Schaffenskraft, die auf den Leser ausstrahlt.

    Ich bin noch nicht sonderlich weit gekommen im Vermächtnis des Autors, der 2003 in Barcelona starb, im Alter von gerade einmal 50 Jahren. Aber ich versuche mich täglich etwas weiter hineinzutasten, fasziniert von der Geschichte des Chilenen, der an den Folgen seines Lebens starb. Dem Legastheniker, der in Mexiko City zum avantgardistischen Rebellen wurde, den Pinochet daran hinderte, im Drogenrausch unterzugehen, der bei seiner Rückkehr nach Chile im Gefängnis landete statt auf dem Schlachtfeld gegen den Diktatoren. Der in Spanien erst Tellerwäscher und Campingwächter werden musste, bevor er Schriftsteller sein durfte. Und der dann fünf Jahre später starb, weil kein Lebertransplantat zur Verfügung stand.

    Seine Geschichte hat mich an Verdammt sind sie alle erinnert, den Film aus dem Jahr 1958 mit Frank Sinatra in der Hauptrolle als desillusionierter und liebeskranker Ex-Soldat und Schriftsteller Dave, für den die literaturvernarrte Lehrerin Gwen Segen und Fluch wird. In einer der Schlüsselszenen tadelt Gwen ihre moralisierenden Schüler und spricht über den besonderen Umgang mit zartbesaiteten Kreativen. Deren Eitelkeiten und Sünden – Vielweiberei, Alkohol und Ausflüge in andere Abgründe – müsse man tolerieren. Weil sie nur ein Ventil sind für das Übermaß an Gefühl, das in ihnen steckt.

    Ein Schuss Verrücktheit, ein Schuss Extravaganz hat wohl noch keinem geschadet, der angetreten ist, um etwas Bleibendes zu schaffen. Man sieht, man liest, man hört das nicht nur in der Literatur. Verdammt schade nur, wie tragisch früh solche Geschichten häufig enden. . .

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