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  • Archive for Dezember, 2011

    Die Entdeckung der Langsamkeit

    Samstag, Dezember 31st, 2011

    Es gibt Tage, Wochen, Monate, in denen die Zeit rast. Man will sich dann umdrehen und staunen, weil man nicht fassen kann, was da eben geschehen ist, aber man darf nicht. Weil das nächste Unfassbare bereits vor einem steht, weil man sich ihm stellen muss. Im Angesicht des Neuen verfällt das eben noch Große zu Vergangenheitsstaub, ohne dass auch nur halbwegs die Chance bestand, es zu verarbeiten.

    Im Globalen wie im Lokalen kam mir das heute endende Jahr unvergleichlich reich an Eindrücken vor, guten wie schlechten. Möglicherweise täuscht die Perspektive, neigt man doch häufig dazu, das Spürbarste zu überhöhen. Doch am Ende siegt ohnehin das Gefühl.

    Die rührenden Worte, Begegnungen und Geschenke, mit denen gestern für mich eine Ära bei der Zeitung endete, haben mich gepackt. Nun sitze ich in einer Wohnung, in der sich Reste des Jahres türmen. Ich werde sie morgen aufräumen – und mir die Zeit nehmen, über sie nachzudenken. Weil mein Entschluss auch und vor allem ein Abschied von Zwängen ist, die einen vor sich hertreiben. Weil er die Entdeckung einer neuen Langsamkeit ermöglicht. Einer, in der ich mir die Zeit nehmen will zu versuchen, die Zeit zu verstehen.

    In dem Artikel, der gestern in der Innenstadt-Beilage von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten über mich erschienen ist, schreibt Holger Gayer von Anfängen und Enden. Wir haben uns im Interview lange über Symbole und Metaphern unterhalten. Für mich ist dieses Silvester, sind diese vergangenen Tage, ein einziges Symbol. 2012 wird anders.

    Ich bin ein Raumschiff

    Sonntag, Dezember 25th, 2011

    Die Stimmung auf der Weihnachtsfeier war gedämpft. Es fehlte ein Wirbelwind, der das Behäbige weglächelt und über die Tanzfläche schwebt. Der die Gedanken daran vertreibt, in Klein-Mallorca gelandet zu sein, oder Alt-Mallorca, gemessen am Altersdurchschnitt. Der Wirbelwind namens A. aber war in Kalifornien. Und die Zurückgebliebenen versanken in Lethargie.

    Irgendwann, es war schon etwas später, flippte das Publikum völlig aus. Peter Schilling betrat – im übertragenen Sinn – die Bühne. Für Major Tom habe ich dank meiner Mutter schon immer ein offenes Ohr gehabt, doch in dieser Nacht war es noch offener als sonst. Weil mir der Text entgegensprang und sich vor mir aufbäumte.

    Die Wochen zuvor sind anstrengend gewesen. Einiges hatte sich angestaut. Ich schaufelte mich täglich erschöpfter durch Massen von Ballast. In der Gewissheit, dass der Aufbruch in neue lichterfüllte Welten nah ist. Nun ist er noch näher. Ich warte auf die Kopffreiheit. Im Januar bin ich ein Raumschiff.

    Und dabei hat mein Major Tom die Kommandozentrale längst verlassen. . .

    Flüstertüten und Schreihälse

    Dienstag, Dezember 13th, 2011

    Veränderung beginnt mit einem Flüstern. So sah es zumindest der btb-Verlag, als er seinen Schreibwettbewerb ausschrieb. Es ist der letzte Aufruf in diesem Jahr, dem ich gefolgt bin – mit gewissen Zweifeln, weil ich in mir nicht den Prototypen eines Schreibers sehe, der (wie verlangt) berührende Geschichten verfasst. Bewegend vielleicht, aber nicht berührend. Oder doch?

    Einem Zweifel auch, weil ich wegen des Themas fremdelte. Zwei Tage hintereinander wiederholte ich es in meinem Kopf immer wieder. Entwickelte Ideen und verwarf sie im nächsten Moment. Bis ich eine fand von der ich glaubte es würde sich lohnen, ihr zu vertrauen. Ob das Resultat je jemand anderes als Testleserin C. zu Gesicht bekommen wird, weiß ich nicht.

    Als ich vor einigen Wochen auf einer Party einem leidgeplagten Kollegen von der Ausschreibung berichtete – wir standen atmend auf einem vom Zigarettenrauch umhüllten Balkon, wenige Meter über der belebten Stuttgarter Innenstadt – da schüttelte er den Kopf. Veränderung beginnt mit einem Flüstern – damit war er nicht einverstanden.

    Veränderung beginne mit einem Ausbruch, der selten leise vonstatten gehe, meinte er. Und ich musste an meinen ehemaligen Dozenten für politische Theorie denken, einem Anhänger von Adorno und Horkheimer, der einmal – bevor die bayerische Uni beschloss, seinen Vertrag nicht zu verlängern – vom Zorn gesprochen habe, von dem er hoffe, dass er irgendwann so gewaltig werde, dass er die Furcht verdränge.

    2011 ist ein Jahr historischer Veränderungen. Aber geflüstert haben beim Verändern tatsächlich die wenigsten.

    Nächte ohne Morgen

    Donnerstag, Dezember 1st, 2011

    Die Fragen mehren sich. „Haben Sie schon gepackt?“, wollen die einen wissen. Ob ich schon eine Wohnung in Palermo habe die anderen. Wann es denn nun los gehe. Wie ich mir alles vorstelle. Auf den Tag drei Monate bevor ich in ein Flugzeug nach Sizilien steige  – mit einem Gepäck, das die Obergrenze für das Gewicht ausreizen wird – antworte ich den Neugierigen mit einem Lächeln, einem Augenzwinkern, einem Hochziehen der Brauen. Oder, ganz häufig: mit einem Nein.

    Einem Nein, weil ich nicht weiß, wie es sein wird. Weil ich nicht weiß, was sein wird. Oder wo oder wann. Ich weiß nur, dass ich mich auf das Ungewisse freue. Ich freue mich darauf, um 23 Uhr nach Hause zu kommen und nicht ans Morgen zu denken. Anfangen zu schreiben und erst aufzuhören, wenn der Fluss in mir ausgetrocknet ist.

    In diesen Herbsttagen, in denen ich Anlauf nehme für den Schlussspurt bei der Zeitung, beobachte ich den Alltag mit hinter dem Kopf verschränkten Armen. Ich muss ein wenig aufpassen, damit nicht anzuecken. Bei der Wahl zwischen Freiheit und Sicherheit werde ich immer ersteres ankreuzen.

    Und irgendwann im Januar werde ich morgens aufstehen und nicht in die Redaktion fahren, sondern an den Mailänder Platz, zum Rendezvous mit der Inspiration. Und um mit dem Ort der Lesung am 13. Februar warm zu werden.

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