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  • Archive for Januar, 2012

    Die dunklen Tage der Idylle

    Freitag, Januar 27th, 2012

    Der Mann mit der Gitarre spielte und sang, mit süffisantem Lächeln, auch mal mit kraftvollem Klagen. Stand zwischendurch auf und erzählte Geschichten. Kurze Episoden auf einer jüdischen Zeitreise, beginnend mit König David. Und nur kurz streifte Dany Bober am Vorabend des Holocaust-Gedenktages, zu dem der Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar vor 16 Jahren machte, jene Zeit des Unfassbaren, deren Erinnern zur ewigen Verantwortung geworden ist.

    Die Zuhörer im evangelischen Mörike-Gymnasium Stuttgart haben häufiger mitgelacht als dass ihnen der Kloß im Halse stecken blieb. Dany Bober wollte es so. Einige derer, die laut einer neuen Studie größtenteils aus purer Unwissenheit antisemitische Einstellungen an den Tag legen, hätte der Abend gut getan, hätte geholfen bei einer Differenzierung.

    Ich hatte vor, in diesen Tagen eine weitere Folge des Videoblogs online zu stellen. Sie sollte im Höhenpark Killesberg spielen, einem der Orte in Stuttgart mit der höchsten Naherholungsqualität. Ein kleines Idyll, in dem meine neueste Kurzgeschichte angesiedelt ist. Doch als ich die Aufnahmen sichtete, wirkten sie plötzlich banal. Was bleibt, ist ein Foto.

    Es zeigt den Turm des Stuttgarter Verschönerungsvereins, der symbolhaft steht für das Idyllische, von dessen höchster Plattform man einen wundervollen Blick in den Kessel hat. Auf ihm spielt meine Geschichte. Doch diese greift auch die düsteren Anfangskapitel in der Historie des Parks auf. Eine Initiative bemüht sich zurzeit, diese stärker im kollektiven Bewusstsein zu verankern.

    Noch im Dezember habe ich als Journalist für die Stuttgarter Zeitung über das Projekt berichtet. Das Autorendasein bietet andere Möglichkeiten. Was aus meiner Geschichte wird, entscheiden zunächst einmal andere. Was aus unserer Geschichte wird, im Endeffekt wir alle.

    Die inneren Werte des Bücherknasts

    Samstag, Januar 21st, 2012

    Ortsfremde sind nicht selten entsetzt. Und wie bei allem, das direkt oder indirekt mit dem Bahnprojekt Stuttgart 21 zusammenhängt, wurde und wird viel diskutiert über dieses Gebäude, das die neue Stadtbibliothek beherbergt, und das viele klotzig, grau und hässlich finden.

    Der koreanische Architekt Eun Young Yi hat diese Kritik immer weggelächelt und die Büchereileiterin Ingrid Bussmann leidenschaftlich darum geworben, dem Haus eine Chance zu geben. Inzwischen haben sich die Gemüter ein wenig beruhigt und die Sympathiewerte der Stadtbibliothek sind etwas gestiegen – dank des inneren Eindrucks.

     

    Ich hatte fest vor, mich vor meinem Abflug nach Palermo häufiger in der Bibliothek aufzuhalten um mich in diesem athmosphärischen Innern des Würfels treiben zu lassen. Jetzt ist das neue Jahr drei Wochen alt und ich war erst einmal dort – zu Dreharbeiten für den Videoblog.

    Zumindest ein weiteres Mal werde ich zurückkommen. Am Montag, 13. Februar, 19.30 Uhr, zur gemeinsamen Lesung mit Alexander Tuschinski und Ingeborg Wenger. Die ist zwar im Untergeschoss, aber die Treppen und Aufzüge im Haus führen ja zum Glück in beide Richtungen.

    Tage des Schlämmers

    Donnerstag, Januar 19th, 2012

    „Zu viel Sport gemacht oder zu wenig?“, fragte mich der Apotheker, bevor ich seinen halben Laden leerkaufte. „Eher zu wenig“, antwortete ich spontan schlecht gelaunt – und überlegte mir noch im selben Moment, ob ich nicht doch besser den Telefonjoker gezogen hätte.

    Die Ironie will es so, dass ausgerechnet die Krankengymnastik, mit der ich meinen seit Weihnachten anhaltenden Rückenschmerzen den Kampf angesagt habe, dafür gesorgt hat, dass die Schmerzen zugenommen haben. Ich habe wohl an den Geräten etwas übertrieben. Gestern probierte ich sämtliche Körperhaltungen im Bereich zwischen Krabbeln und Stehen aus. Am Ende entschied ich mich fürs Liegen. Dauerhaft.

    Heute nun rammte mir meine Orthopädin eine Cortisonspritze in den Körper (das Verb ist selbstverständlich als Mittel der Dramatisierung zu verstehen, gewählt aus künstlerischer Freiheit, und meine Ärztin in Wirklichkeit eine einfühlsame Frau) und mein Physiotherapeut gab mir Hausaufgaben auf, nachdem er mich mit Massage und Fango (mit „f“, nicht mit „m“, lieber C.) benebelt hatte und sich anschließend meiner vernachlässigten Bauchmuskeln annahm. Von den Anweisungen („anspannen!“, „weiteratmen!“ – auch hier: künstlerische Freiheit!) ist mir noch immer etwas schwindelig.

    Nun liege ich im Bett und neben mir steht die Hälfte der halben Apotheke. Ich hatte nicht genug Geld dabei, zahlte den Rest aber immerhin in bar. Und ein wenig fühle ich mich wie eine Mischung aus Horst Schlämmer und Andrea Petkovic. Vom Sonnenschein des derzeitigen deutschen Frauentennis hätte ich mich in diesen Tagen gerne ablenken lassen. Aber sie ist verletzt, hat die Australian Open verpasst – ich leide mit ihr.

    Immerhin: schreiben geht auch in der Horizontalen. Und dieses Fangozeugs hat mich irgendwie inspiriert.

    Mit einem Satz fing alles an

    Freitag, Januar 13th, 2012

    Ich hatte mir überlegt, diesen Artikel mit einem Zitat zu beginnen. Irgendeinem tiefsinnigen, amüsanten, kreativen Satz über erste Sätze. Ich habe es gelassen. Dieser Artikel sollte nicht nach Beliebigkeit schmecken.

    Bevor ich im März für vier Monate zum Schreiben und Abtauchen nach Palermo verschwinde, habe ich im Februar gemeinsam mit anderen jungen Stuttgarter Autoren zwei Lesungen in Stuttgart, die eine am 13. Februar in der Stadtbibliothek, die andere am 22. Februar im Literaturhaus.

    Für diese zweite Lesung brauche ich noch Lesestoff. Und für diesen Lesestoff brauche ich Leser mit Lust zur Interaktion. Wie im Videoblog angekündigt suche ich einen ersten Satz, der begeistert – in erster Linie mich, danach auch alle anderen.

    Deswegen ergeht hiermit folgender Aufruf: Sendet mir per E-Mail tiefsinnige, amüsante, kreative erste Sätze, die das Potenzial haben, am Anfang einer spannenden, amüsanten oder traurigen Geschichte zu stehen. Inspiriert mich, kurbelt meine Fantasie an. Wem das am besten gelingt, winkt ein 20-Euro-Gutschein eines bekannten Internetkaufhauses und eine Widmung, die Geschichte wird auf dieser Seite veröffentlicht. Einsendeschluss ist der 10. Februar.

    Der Schreiber bricht sein Schweigen

    Dienstag, Januar 10th, 2012

    2007 belegte ich an der Universität einen Anfängersprachkurs in Italienisch. Wegen chronischem Nichtgebrauch der mühsam angeeigneten Kenntnisse ist das meiste Gelernte irgendwo ganz tief in meinem Kopf verschwunden. Das Auffrischen erfordert Disziplin und Geduld.

    Nun gibt es ein paar Freunde und Bekannte, die sinngemäß meinen, ich könne mir die Zeit sparen. Weil ich da unten in Palermo ohnehin vier Monate schweigen werde. Es sind dieselben Freunde und Bekannte, die behaupten, ich wäre alles, aber ganz sicher kein Mann des gesprochenen Worts. Und die damit Recht haben. Bis zu einem gewissen Punkt.

    Ich wünschte, ich könnte jetzt die Gesichter dieser Menschen sehen. Heute starte ich auf Youtube einen Videoblog. Wie bei so vielen Dingen, die dieses Jahr betreffen, weiß ich nicht genau, was auf mich zukommt. Und auch wenn ich mir bei der Premiere vorkam wie ein aufgescheuchtes Reh vor einer Lastwagenkolonne mit Monsterscheinwerfern, bin ich doch irgendwie angefixt. In einem Jahr voller Experimente und Abenteuer wird der Videoblog zum weiteren kleinen Baustein.

    Im Nachhinein interessant ist übrigens, dass ich in Folge I den Anglizismus „Cut“ verwende. Bei den Takes zuvor habe ich das Wort nämlich ständig gebrüllt. . .