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  • Nacht mit Morgen

    Den ersten Weckruf um 6.30 Uhr kämpfte der Autopilot nieder, beim zweiten war es eine halbe Stunde später und ich ehrlich entsetzt. Die Dusche danach war ein Tropfen auf dem heißen Stein. In der Nässe der Finsternis kündigte Orkan Andrea ihren Besuch an. An der Stadtbahnhaltestelle saß neben mir eine Frau. Sie las in dem Buch Es kommt nicht darauf an, wer Du bist, sondern wer Du sein willst. Ich war in dem Moment ein wandelnder Zombie auf dem Weg zum Arzt, ich wäre gerne ein Schlafender gewesen.

    Noch vor einem Monat hatte ich über die Nächte ohne Morgen spekuliert, die ich erleben würde, sobald ich mich meines halbwegs geregelten Tagesablaufs entledigt hatte. Am Montag erhielt ich ein nachträgliches Abschiedsgeschenks von M. aus der Redaktion. „Frauen und ihre Autoren“ heißt der Text. Er handelt vom Alltag der Gattin, die ihren angetrauten Schriftsteller morgens am Schreibtisch findet, verloren in einer zeitlosen Welt der Ideen, getrieben vom Drang, diesen einen Gedanken niederzuschreiben, der ihm in der Nacht begegnet war. Ihn festzuhalten, bevor er entwischt. Und den nächsten, weil der sich wie selbstverständlich aus dem ersten ergibt.

    Ich habe mich gestern Nacht nicht an den Schreibtisch gesetzt. Ich habe mir den Schreibtisch ins Bett geholt. Weil mir diese eine Idee gekommen war und durch meinen Kopf rannte wie ein lärmendes Balg. Ich musste sie verfolgen. Der Preis für die Zähmung war das morgendliche Zombiedasein. Beim nächsten Mal bleibe ich liegen.

    Und es wird nächste Male geben. Schließlich bin ich frei.

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