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  • Archive for Mai, 2012

    James Franco und die Gassenhauer

    Donnerstag, Mai 31st, 2012

    Im Schatten des Amphitheaters von Taormina gibt es einen Ort, an dem bleibt die Zeit stehen. Solange jedenfalls, bis die asiatische Reisegruppe kommt und vor lauter Begeisterung die Kameras zückt. Aber damit muss man leben. Soziopathen haben in diesem Städtchen nichts verloren.

    Es bietet sich an, früh aufzustehen, um ihnen zu entgehen: den Menschen mit Käseknien und Nummernaufklebern – damit auch jeder sieht, ob sie dem Führer mit der Nummer 18 oder 37 folgen. Sie machen die Straße der Sehenswürdigkeiten, den Corso Umberto I, zum Unort. Sie und die Gassenhauer, die aus jedem zweiten Geschäft rauschen. Überall anders wäre die Musik romantisch, hier wirkt sie aufgesetzt.

    Trotzdem hat Taormina und Umgebung viel zu bieten. Vor allem wenn man bereit ist, sich zu bewegen. Der Fußmarsch ins Bergdorf Castelmola ist zwar ein Höllenritt, entschädigt aber mit besten Aussichten. Die weiß man zu schätzen, wenn das T-Shirt nassgeschwitzt von der eigenen Anstrengung ist.

    Und dann sind da noch die Gole Alcantara. In den Schluchten darf man sich ein wenig fühlen wie in einem Film von Danny Boyle, irgendwo zwischen The Beach und 127 Hours.

    Mehrmals am Tag fährt ein Linienbus in den Nationalpark. Bei den öffentlichen Verkehrsmitteln gilt, was überall auf dieser Insel gilt. Der Bus kommt, wenn er kommt, auch mal zehn Minuten zu früh. Und er hält, wenn man ihn anhält.

    . . . und Stille sei mit dir

    Montag, Mai 28th, 2012

    Italiener – zumindest jene, die ich bislang kennengelernt habe – neigen nicht zum Schweigen. Sie reden viel und sie reden schnell. Kombiniert man das mit einer Stadt, in deren Straßen sich gerne einmal doppelt so viele Autos nebeneinander quetschen als vorgesehen, ist klar: zum Kurheilort taugt Palermo nicht.

    Auf der Suche nach Inspiration für einen Kurzgeschichten-Wettbewerb zum 4. Brüggener Literaturherbst bin ich jüngst nach Cefalù aufgebrochen. „Ausgerechnet Cefalù?“, mögen nun Sizilienkenner fragen. Das charmante Küstenstädtchen rund 70 Kilometer östlich von Palermo ist unter Touristen längst kein Geheimtipp mehr.Postkarten finden sich dort leicht. Aber auch die Ruhe, um eine Geschichte zu entwickeln?

    Doch mein Ziel war nicht der Strand oder die Gassen des alten Kerns, ich strebte den Felsen entgegen. Auf standfesten Sohlen ging es in den Parco della Rocca, zu den Trümmern der Festung und ihren alten Mauern. Der Aufstieg ist steinig und steil, aber die Mühen lohnen sich, allein wegen der Aussicht.

    Das Thema des Wettbewerbs lautete übrigens Der Lärm verstummt … bis Stille ist in dir. Und ich packe nun meine Tasche. Morgen beginnt eine neue Tour: Taormina, Siracusa, Catania und Agrigento. Ich rechne mit viel Lärm und viel Stille.

    Das Ich in der Fiktion

    Dienstag, Mai 22nd, 2012

    Das Leben mit Tom ist ein sehr persönlicher Roman, weil sein Ausgangspunkt eine an eigener Leib und Seele durchlebte Krankheitsgeschichte ist. Und auch wenn er letztlich ein Roman bleibt, eine Fiktion, ist die autobiografische Komponente nicht zu leugnen. Das versuche ich erst gar nicht.

    Zum Start der neuen Online-Literaturzeitschrift Kultextur hat mich Malte Klingenhäger zu „Wirkungen, Phänomenen und Verheißungen des autobiographischen Schreibens“ interviewt. Ein Auszug:

    Kultextur: Nimmt man als Autor in einer solchen Situation aus einem solchen Projekt mehr für sich selbst mit, als aus einem vollkommen fiktiven Text?

    Bensch: Vielleicht nicht unbedingt mehr, eher etwas anderes. Schreiben ist in meinen Augen grundsätzlich eine Auseinandersetzung mit dem Selbst. In jeder Geschichte steckt ein Teil des Autors. Wo sollen die Empfindungen, die er transportieren möchte, auch anders herkommen als durch Beobachtungen seiner unmittelbaren Umgebung? Aus fiktiven Texten, die beim Schreiben ein Eigenleben entwickeln, kann der Autor einiges über sich selbst lernen, wenn er sie mit etwas Abstand wieder anschaut. Bei Geschichten mit autobiografischem Hintergrund ist es eher eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, ein Versuch des Wiederbewusstwerdens und Hinterfragens alter Gedanken.

    Das komplette Interview ist hier nachzulesen.

    Einfach losfahren – mit den Mayas

    Montag, Mai 14th, 2012

    An dem Tag, an dem es mich nach Monreale zog und ich steile Wege hinaufstieg, um auf einem Mäuerchen sitzend auf die Kathedrale zu schauen, ging ich nachmittags noch in eine Buchhandlung. Heraus kam ich mit Palermo è una cipolla von Roberto Alajmo und Einfach losfahren von Fabio Volo.

    Alajmos Essayband wollte ich schon in Deutschland lesen. Doch das Buch – aus Palermo ist eine Zwiebel wurde der reißerische Titel Palermo sehen und sterben – ist nicht mehr verfügbar. Die ersten Seiten haben mich zum Schmunzeln gebracht. Es steckt so viel Sizilien darin. Mit Fabio Volos Roman bin ich schon durch. Es war ein Glücksgriff.

    Vor etwas mehr als einem Jahr stand ich vor der Frage, wie es weitergehen sollte: wie gewohnt (und zu diesem Zeitpunkt noch) recht komfortabel als Journalist oder anders. Schnell stand für mich fest, dass ich, jung und ungebunden, etwas anderes probieren wollte. Die Frage war nur: wann?

    Der Gedanke mag zunächst albern oder abergläubisch wirken, aber letztlich hat der Trubel um die angebliche und vor einigen Tagen endgültig abgesagte Weltuntergangsprophezeiung der Mayas mit den Ausschlag gegeben, es nicht weiter vor mir herzuschieben.Weil das Leben jetzt ist, nicht später.

    Auch ich bin einfach losgefahren und habe die Entscheidung nicht bereut, obwohl es manchmal etwas kühl ist ohne den Mantel beruflicher (Schein-)Sicherheit. Und als ich Fabio Volos Roman las, war es teilweise so, als begegnete ich mir selbst.

    Hängen geblieben ist vor allem ein Satz, den Volo – soweit ich das herausfinden konnte – von Leo Tolstoi übernommen hat. „Glück besteht nicht darin, zu tun, was man will, sondern zu wollen, was man tut.“ Ich will noch viel tun.

    Mumien und Plappermäuler

    Mittwoch, Mai 9th, 2012

    In der Liste der Orte, die ich in Palermo unbedingt besuchen wollte, hatten Le Catacombe dei Cappuccini von Anfang an einen festen Platz. Es heißt, hinterher sehe man das Leben und den Tod mit einem anderen Blick, was passte, hatte ich doch erst jüngst Jürgen Domians Interview mit dem Tod gelesen.

    Um es vorwegzunehmen: mein Leben und mein Denken hat sich durch den Besuch nicht verändert. Aber vielleicht waren daran die Franzosen, Italiener, Holländer, Briten, Deutschen und Spanier schuld, die mit mir durch die sakralen Hallen tigerten.

    Warum ich mir bei den Nationalitäten so sicher bin? Weil die Menschen nicht zu schweigen wissen, einige nicht einmal zu flüstern. Auch oder erst recht nicht an einem Ort, an dem sie mit Hunderten von mumifizierten Toten konfrontiert sind.

    So ist es schwer, in den Gängen Ruhe zu finden. Mit etwas Glück verschallt das Geplapper in einer anderen Ecke. Dann kann man sie fokussiert bestaunen, die Körperhüllen, die Knochen und die Schädel, die Grimassen, die zurückblieben, als die Verstorbenen aus dem Leben schieden. Und auf dem Boden liest man auf rissigen Steinplatten letzte Botschaften.

    Geschrieben sind sie teils in Italienisch und teils in Latein. In dem Moment habe ich mich wieder geärgert, mich einst in der Schule für Französisch entschieden zu haben – in der Annahme, eine tote Sprache sei zu nichts nütze.