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  • Archive for Juli, 2012

    Abseits des Schlachtfelds

    Dienstag, Juli 24th, 2012

    Es war im Mai und ich – analog 1500 Kilometer weg, digital ganz nah – schüttelte in einem dunklen Zimmer mit  Hinterhofblick den Kopf. Was sollte nur diese an Piratenerfolgen entbrannte Hysterie, diese Schwarzmalerei, was sollten diese Giftpfeilschlachten? Warum sprach die deutsche Literaturwelt plötzlich so emotionsüberladen über das Urheberrecht?

    Ich habe mich keiner der bekannten medienwirksam etablierten Initiativen oder Gegeninitiativen angeschlossen, weil sie mir alle zu fundamentalistisch erschienen. Ich saß in Palermo und schrieb, ließ alles andere auf mich zukommen. Weder fühlte ich mich als Autor von einem zügellosen Internet bedroht noch als Konsument von einer habgierigen Industrie unterjocht.

    In der Stuttgarter Stadtbibliothek hat Wolfgang Tischer, Herausgeber des Internetportals Literaturcafé, gestern Abend einen Vortrag mit dem Titel „Urheberrecht: Von Weltbildern und Wirklichkeiten“ gehalten – und sich dabei erfrischenderweise größtenteils abseits von Glaubenskriegen bewegt.

    Tischer stellte (aus meiner Sicht) korrekt dar, warum die mit Schreckensszenariofarben gemalte Diskussion über das Urheberrecht am Kern des Problems für Autoren vorbeigeht: unabhängig von einer behaupteten Kostenlos- und Geizkultur haben sich Marktmechanismen geändert – zu Ungunsten der Etablierten, wie das Veränderungen so an sich haben.

    Amüsant und traurig zugleich sind Tischers Erfahrungen beim Versuch, als Lesefreund ein literarisches Werk zu verschenken. Vom Trauertal der Anonymität prinzipiell befreite Self-Publisher überschwemmen dank einfacher Mittel den Markt. Wo die Konkurrenz größer und strategisch aggressiver wird, muss sich der Autor fragen, wie er sich abhebt.

    Ich, unbekannter Autor, Self-Publishing-Skeptiker, habe für mich meinen Weg in Palermo gefunden: ich schreibe und warte ab, halte mich von Schlachtfeldern fern. Nennt mich ruhig naiv, brüllt mir ruhig „Man muss sich doch positionieren“ entgegen.

    Man muss gar nichts.

    Der letzte Leser

    Freitag, Juli 13th, 2012

    In der Kurzgeschichte Der Enkel des Straßenkämpfers, an der ich zurzeit arbeite, gibt es einen Schriftsteller, der die Hoffnung aufgegeben hat, zu Lebzeiten als Philosoph zu gelten. Und weil ein Gedanke zum anderen führt, fragte ich mich, wie ich 1984 von George Orwell als Leser zu Beginn der 50er Jahre wohl aufgenommen hätte.

    Während meines Studiums schrieb ich eine Hausarbeit über Orwells Intentionen im Vergleich zu denen von Erich Fromm in dessen auch heute noch treffend-brillanter Studie Wege aus einer kranken Gesellschaft. In diesen Tagen musste ich wieder daran denken, denn ich habe Super sad true love story von Gary Shteyngart gelesen.

    Es ist gut möglich, dass dieser (mich) umwerfende Roman in einigen Jahren oder Jahrzehnten als kümmerliche, ordinäre Ausgeburt eines neurotischen Geistes verachtet wird oder – schlimmer noch – ganz in Vergessenheit geraten ist. Doch wer kann schon heute mit Bestimmtheit sagen, ob Shteyngart nicht doch ein Orwell unserer Generation ist?

    Sein Roman handelt von dem 39-jährigen russisch-jüdischen Lenny, Mitarbeiter des Unsterblichkeitssegments „Posthumane Dienstleistungen“ in einem verstörenden New Yorker Unternehmenskonglomerat, der sich in die 15 Jahre jüngere zur Selbstzerstörung neigende Koreanerin Eunice verliebt.

    Der Romantitel ist dabei trügerisch – Super sad true story wäre passender, aber natürlich nicht so zugkräftig. Denn um das, was man sich gemeinhin unter Liebe vorstellt, geht es hier nur scheinbar. Die Liebesgeschichte ist mehr Anlass für eine Zeichnung vom Untergang in einer fernen nahen Zukunft.

    Shteyngarts USA ist politisch und wirtschaftlich am Ende, das Land lebt unter Chinas Gnaden. Allgegenwärtige smarte Äppäräte bestimmen und kontrollieren den Alltag. Jeder ist ständig online, streamt, shoppt, surft durch virtuelle Räume völliger Transparenz. Ein Scan reicht – und jeder weiß alles über jeden, inklusive vernichtender Urteile.

    Dies führt zum ständigen Vergleich, zum immerwährenden Kampf um die besten Plätze in den Ranglisten Bonität, Charisma oder Fickfaktor. Frauen tragen zum nippelfreien Oberteil durchsichtige Jeans, nur die „wirklich Mächtigen brauchen keine Rankings“ und Lenny wünscht sich fort in eine Welt „mit geringeren Datenmengen und weniger Jugendlichen“.

    Der Außenseiter, der Morgenluft schnuppert, als er sein Mädchen bekommt, ist ein Nerd in der schönen traurigen neuen Welt. Daheim steht eine Bücherwand voller Tschechows und Kunderas. Wo alle anderen sich vor dem Gestank echter Druckerzeugnisse ekeln, ist er Traditionalist – ohne Durchblick, zum Verlieren geboren.

    Zeilenlang ließen sich weitere Details aus dem Bombardement an Puzzleteilchen aufzählen, mit denen Shteyngart alles auf die Spitze treibt. Er lädt ein zum Reflektieren über das Selbst in einer mehr und mehr digitalisierten Welt. Diese Super sad true love story ist deswegen so supertraurig, weil ihre soziologische Realität so greifbar erscheint.

    Der Lauf der Dinge wird sein Urteil über das Buch fällen.

    Link zur Buchseite beim Rowohlt-Verlag

    Das andere Leben

    Freitag, Juli 6th, 2012

    Es mag banal erscheinen, aber als vor einer Woche mein Koffer und meine Tasche im heimischen Wohnzimmer zu Boden sanken und mein Blick durch die Gläser der Fensterfront fiel, als Grün die bestimmende Farbe war, da fiel mir erst auf, wie wenig Bäume es im subtropischen Palermo gibt. Die sizilianische Welt ist in andere Töne gehüllt.

    Trotz des hartnäckigen Stuttgarter Regens in diesen Tagen vermisse ich die Palmen nicht. Meine Mission auf der Insel ist erfüllt. Nicht nur, weil ich die erste Fassung meines Romans und mehrere Kurzgeschichten geschrieben, sondern weil ich dieses Herauskommen erfahren habe, dieses Hineinleben in eine andere Welt – abseits des deutschen Weges.

    Es lässt sich darüber streiten, inwieweit sich Menschen verändern, ob nun radikal oder schleppend, dauerhaft oder vorübergehend. Die Bedeutung der Frage ist für mich gering, weil nur das Jetzt zählt. Erst durch das Zurückkommen weiß ich endgültig, wie gut es getan hat, weg zu sein.

    Diesen Schwung trage ich bei mir, während ich mich wieder an die Heimat gewöhne – und schöpfe aus ihm die unbändige Lust, mich einer aktuellen Ausschreibung zu widmen: das Thema des 17. Münchner Kurzgeschichtenwettbewerbs lautet „frei sein“. Es ist ein Aufruf zum Austoben.