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  • Der letzte Leser

    In der Kurzgeschichte Der Enkel des Straßenkämpfers, an der ich zurzeit arbeite, gibt es einen Schriftsteller, der die Hoffnung aufgegeben hat, zu Lebzeiten als Philosoph zu gelten. Und weil ein Gedanke zum anderen führt, fragte ich mich, wie ich 1984 von George Orwell als Leser zu Beginn der 50er Jahre wohl aufgenommen hätte.

    Während meines Studiums schrieb ich eine Hausarbeit über Orwells Intentionen im Vergleich zu denen von Erich Fromm in dessen auch heute noch treffend-brillanter Studie Wege aus einer kranken Gesellschaft. In diesen Tagen musste ich wieder daran denken, denn ich habe Super sad true love story von Gary Shteyngart gelesen.

    Es ist gut möglich, dass dieser (mich) umwerfende Roman in einigen Jahren oder Jahrzehnten als kümmerliche, ordinäre Ausgeburt eines neurotischen Geistes verachtet wird oder – schlimmer noch – ganz in Vergessenheit geraten ist. Doch wer kann schon heute mit Bestimmtheit sagen, ob Shteyngart nicht doch ein Orwell unserer Generation ist?

    Sein Roman handelt von dem 39-jährigen russisch-jüdischen Lenny, Mitarbeiter des Unsterblichkeitssegments „Posthumane Dienstleistungen“ in einem verstörenden New Yorker Unternehmenskonglomerat, der sich in die 15 Jahre jüngere zur Selbstzerstörung neigende Koreanerin Eunice verliebt.

    Der Romantitel ist dabei trügerisch – Super sad true story wäre passender, aber natürlich nicht so zugkräftig. Denn um das, was man sich gemeinhin unter Liebe vorstellt, geht es hier nur scheinbar. Die Liebesgeschichte ist mehr Anlass für eine Zeichnung vom Untergang in einer fernen nahen Zukunft.

    Shteyngarts USA ist politisch und wirtschaftlich am Ende, das Land lebt unter Chinas Gnaden. Allgegenwärtige smarte Äppäräte bestimmen und kontrollieren den Alltag. Jeder ist ständig online, streamt, shoppt, surft durch virtuelle Räume völliger Transparenz. Ein Scan reicht – und jeder weiß alles über jeden, inklusive vernichtender Urteile.

    Dies führt zum ständigen Vergleich, zum immerwährenden Kampf um die besten Plätze in den Ranglisten Bonität, Charisma oder Fickfaktor. Frauen tragen zum nippelfreien Oberteil durchsichtige Jeans, nur die „wirklich Mächtigen brauchen keine Rankings“ und Lenny wünscht sich fort in eine Welt „mit geringeren Datenmengen und weniger Jugendlichen“.

    Der Außenseiter, der Morgenluft schnuppert, als er sein Mädchen bekommt, ist ein Nerd in der schönen traurigen neuen Welt. Daheim steht eine Bücherwand voller Tschechows und Kunderas. Wo alle anderen sich vor dem Gestank echter Druckerzeugnisse ekeln, ist er Traditionalist – ohne Durchblick, zum Verlieren geboren.

    Zeilenlang ließen sich weitere Details aus dem Bombardement an Puzzleteilchen aufzählen, mit denen Shteyngart alles auf die Spitze treibt. Er lädt ein zum Reflektieren über das Selbst in einer mehr und mehr digitalisierten Welt. Diese Super sad true love story ist deswegen so supertraurig, weil ihre soziologische Realität so greifbar erscheint.

    Der Lauf der Dinge wird sein Urteil über das Buch fällen.

    Link zur Buchseite beim Rowohlt-Verlag

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