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  • Tourist in der eigenen Stadt

    Mitte und Ende der Achtziger, als ich noch klein war und meine Großmutter lebte, besuchten wir ab und an ihre Schwester. Wir liefen Stuttgarts Kessel ein Stück runter und kletterten einige Stäffele wieder hinauf. Auf dem Weg fischte meine Oma in ihrer Strickjacke nach Bonbons, bis wir angekommen waren – am Fuße der Karlshöhe.

    Dort lebte meine Großtante in einem Pflegeheim – erst in der Sektion für die Fitten, die Selbstständigen, später dann in jener, aus der nicht nur der Geruch einen unter Zehnjährigen schnell wieder vertrieb. Ins Grüne, auf die benachbarte Anhöhe – eine von wundervoll vielen in der Heimatstadt – gingen wir nicht mehr. Die Geschwister waren zu gebrechlich geworden.

    Auf Sizilien kam es häufig vor, dass ich aus dem Haus getreten und losgelaufen bin, meistens hinunter Richtung Meer, Richtung Foro Italico, manchmal auch weiter, quer durch die engen Gassen Palermos. Ich habe mir vorgenommen, das auch in Stuttgart wieder zu tun. Mir die Zeit zu nehmen und loszulaufen. Vergangene Woche lief ich auf die Karlshöhe.

    Ich lief erst ein wenig herum, suchte nach Erinnerungen, blickte dann in die Ferne und lehnte mich an einen Baum. Kramte die Kurzgeschichte aus meinem Rücksack hervor, die überarbeitet werden wollte. Ich brauchte lange, weil ich mich oft ablenken ließ von der Sonne und den Menschen um mich herum, aber ich hatte Zeit.

    Es ist ein Luxus, den ich mir viel häufiger leisten möchte: sich als Tourist in der eigenen Stadt zu fühlen.

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