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  • Archive for März, 2013

    Die Zeit, die Zeit und die Listen

    Samstag, März 30th, 2013

    Ich weiß nicht genau, wann das anfing mit den To-do-Listen. Die älteste, die in meinen Computer-Archiven lagert – aus irgendwelchen nostalgischen Gründen – ist fast auf den Tag genau zehn Jahre alt. Sie umfasst 39 Punkte, auf ihr stehen Namen von Menschen, die mich längst verlassen haben und zeitlose Dinge wie Steuererklärung, VG Wort und Falschparken.

    Vor ein paar Jahren gewöhnte ich mir an, einen digitalen Kalender zu führen, integriert in ein Word-Dokument. Meine To-do-Liste ist beweglich geworden – und unsterblich, denn die Aufgaben wandern tageweise weiter, wenn sie unerledigt bleiben. Einige von ihnen bleiben monatelang unerledigt.

    Es betrifft nicht nur die Filme, die ich sehen oder die Bücher, die ich lesen will – darunter auch den jüngsten Roman von Martin Suter, der noch nicht mal in meinem vollgequetschten Regal der ungelesenen Bücher steht. Die Entsorgung eines unbrauchbaren Eimers Farbe vom Einzug stand schon 2011 im Kalender. Sie leidet unter seiner niedrigen Priorität.

    Eigentlich ist das Jammern über die verlorene Zeit genauso albern wie jenes über das Wetter, wenn nicht sogar ein Stückchen alberner. Denn gerade der freie Mensch sollte sich als Herr seiner Zeit nicht oder zumindest so wenig wie möglich versklaven lassen von Pflichten und Zwängen.

    Und doch sehe ich getriezt von Erschöpfung die Zeit traurig dahinrinnen, ohne sie zu greifen zu bekommen. Weil mich meine Projekte im doppelten Sinne fesseln, mich gleichermaßen faszinieren und gefangen nehmen. Eigentlich wollte ich längst den neuen Roman entwickelt haben.

    Eigentlich müsste ich zurück nach „Palermo“.

    Tische für die Leidenschaftsgetriebenen

    Sonntag, März 17th, 2013

    Der ältere Wortausspucker im ICE ließ seine Umgebung wissen, dass amerikanische Unterhosen früher auch schon mal besser waren. Um ihn herum saßen stirnrunzelnd lächelnd Menschen, vertieft in Feuilletonbeilagen und Tablets. Und durch den Zug wehte eine Atmosphäre, die einen schon kurz hinter Frankfurt lehrte, dass sich Leipzig näherte.

    Verschiedene Missionen trieben mich auf die Leipziger Buchmesse 2013, die erste Autorenrunde von Leander Wattig – jene organisierte Kollision von Autoren untereinander und mit Menschen aus Verlagen oder Agenturen, die wissen, was sie tun, was sie von sich und von anderen wollen und erwarten – war eine ganz wesentliche.

    In einer Welt, in der die geschicktesten Netzwerkspinner die größten Chancen haben, aus Schatten zu treten, muss gerade der schreibende Einsiedler hin und wieder das Licht seiner Schreibtischlampe ausknipsen und sich ans Tageslicht wagen, weil nur die Summe vieler Erfahrungen Ergebnisse macht.

    Ein Beispiel: „Was Autoren bei der Buchvermarktung von Film und Fernsehen lernen können“ schilderte der Filmemacher und Autor Detlev F. Neufert und berichtete von seiner Methode des höflichen Nervens. Sein von Grace Hopper geborgtes Motto: „Better ask for forgiveness than for permission“.

    Natürlich: nicht alles, was während der sechs Tischgespräche gesagt und geraten wurde, war neu. Die Probleme der Leidenschaftsgetriebenen und ihre theoretischen Lösungen sind weitläufig bekannt. Doch darum ging es nicht. Es ging um individuelle Erfahrungen im kollektiven Austausch, um ein Stück Gemeinschaft unter Konkurrenten.

    Es gibt genauso viele Gründe wie Missionen, die Leipziger Buchmesse im kommenden Jahr wieder zu besuchen. Die zweite Autorenrunde wäre ein ganz wesentlicher.

    Der Tod des inneren Kindes

    Freitag, März 8th, 2013

    Seit heute ist die DVD von This ain’t California auf dem Markt. Marten Persiels „dokumentarische Erzählung“ über einen Wahnsinn namens Skaterszene in der ehemaligen DDR bietet reichlich Angriffspunkte für eine Diskussion über Wahrheit und Wirklichkeit. Doch darum geht es eigentlich gar nicht.

    California

    Quelle: Trailer (Screenshot)

    Fand jedenfalls ich, als ich den Film sah, um eine Rezension für Moviemaze zu schreiben. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich von den Bildern und dem bombastischen Soundtrack erholt hatte. Erst danach wurde mir klar, dass es in den rund 90 Minuten gar nicht ums Skaten oder um die DDR geht.

    Es geht um eine Lebensphase, die viele im Nachhinein verklären und überhöhen, um sich beim Erinnern nicht gar zu schäbig zu fühlen, weil sie sich meilenweit von den Menschen entfernt haben, die sie damals waren. Es geht um die letzten Atemzüge des inneren Kindes vor der Routine des Erwachsenendaseins.

    In This ain’t California führt der Tod des einstigen Leitwolfes Denis Paraceck, genannt Panik, Skategefährten von früher wieder zusammen. Zu dem Phantom Denis haben sie nach der ultimativen Wende – dem Mauerfall – keinen Kontakt mehr gehabt. Der verstorbene Protagonist, dessen tatsächliche Identität im Dunkeln bleibt, ist ein Symbol.

    Es ist sogar das Symbol schlechthin. Denn er verkörpert all die Nostalgie, all die Kraft, all die Rebellion der Jugend, wegen derer bei Menschen in den Mühlen des Systems giftgrüner Neid aus allen Poren trieft. Auch das Skateboard wird zu einem Symbol: eines für die Freiheit, die zum Greifen nah ist. Immer und überall. In jedem Alter, an jedem Ort.

    Aber das ist auch wieder nur meine Wahrheit.

    Offizielle Seite von This ain’t California mit Trailer