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  • Frische Luft für meine Lungen

    Sie sagen mir, ich hätte den Regen und die Kälte mitgebracht, schauen traurig aus dem Fenster, frösteln sogar ein wenig. Und ich sitze daneben und lächle. Weil ich weiß, dass sie es nicht ernst meinen. Aber mehr noch: weil ich die Augen schließen und durchatmen kann, gestärkt von einem Teller traumhaft leckerer Ćevapčići.

    Als ich zuletzt von Schneeflocken Ende April schrieb, ahnte ich nicht, dass es sich Ende Mai noch immer wie Spätwinter oder Frühherbst anfühlen würde (um die ARD-Tagesthemen zu zitieren). Ich ahnte auch nicht, dass ich meine Tage als selbst kranke journalistische Krankheitsvertretung verbringen würde. Zeit und Muse zum Romanschreiben: quasi nicht vorhanden.

    Doch es gab da dieses Ziel, dieses Datum, das – je näher es rückte – meine Vorfreude steigerte und meinen Puls senkte: gestern habe ich mich in eine äußerlich niedliche, innerlich beengte Maschine der Tyrolean Airlines gesetzt und mich nach Graz bringen lassen. Dorthin kehre ich morgen, nach einem Kurztrip ins benachbarte Maribor, zurück.

    Graz ist für mich ein Mini-Palermo. Weil ich wieder fremde Luft in der Lunge spüren werde, weil ich wieder weg bin vom schwäbischen Alltag, von Verantwortung und Routine, von meinem Bett und meinem Schreibtisch, von dem Vogel, der – benebelt vom Balztanz, ständig gegen meine Fensterscheibe donnert, weil er sein Spiegelbild für einen Rivalen hält.

    Ich bin weggefahren, um an einem kärglichen Tisch in einem Jugendhotelzimmer zu schreiben, am besten wieder sechs Seiten im Schnitt pro Tag, wie vergangenes Jahr. Ich bin weggefahren, um durch die Stadt zu laufen, mit dem ledernen Notizbüchlein in der Hintertasche meiner Jeans, auf der Suche nach Eindrücken aus dem Leben.

    Viele Schriftsteller schätzen die Abgeschiedenheit oder die Fremde, weil sie frei macht. Immer wieder in sie eintauchen zu können war mein Grund, mich von festen Arbeitsverhältnissen zu lösen. Die Woche in Graz wird schneller vorüber sein als mir lieb ist. Aber sie ist nur der Anfang meiner Europatour 2013. Es gibt so viel zu erleben, so viel zu schreiben.

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