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  • Die Kunst des Preisträgers

    Und dann, dann lässt du los. Oder genau genommen klickst du, auf Senden. Und dann, dann ist er weg, dein Text. Oder genau genommen sind dein Exposé und deine Leseprobe weg, unterwegs zu der Agentur, die du davon überzeugen möchtest, dass sie dich vertreten muss. Und dir bleibt nichts anderes als warten, als hoffen, als bangen. Die Ungeduld ist eine Hexe.

    Ich bin in einer Zwischenphase, verdammt zur Tatenlosigkeit, was natürlich in erster Linie heißt, dass ich bis zum Abwinken  tatkräftig bin, nur eben im Brotjob. Literarisch aber tue ich nichts als auf heißen Kohlen zu sitzen, weil schon Stunden, Tage, Wochen, Monate – nein, Monate nicht, vorbei sind und mein Postfach weiter schweigt.

    Was läge also näher, als zu schauen, was die anderen machen? Es ergab sich, dass in dieser Woche in Stuttgart zwei Lesungen zusammenkamen, für die ich mich interessierte und Karten ergattern konnte. Im Literaturhaus las der frisch gekürte Gewinner des Leipziger Buchpreises, Saša Stanišić, in der Stadtbibliothek Martin von Arndt.

    Dessen dokufiktionalen politthrillerhaften Roman Tage der Nemesis über eine armenische Terrororganisation, die sich im Berlin des Jahres 1921 an den jungtürkischen Drahtziehern des Massenmords an ihrem Volk rächt, habe ich nicht nur als Historiker gerne gelesen, von Stanišićs Vor dem Fest kenne ich bislang nur die ersten Seiten.

    Und wie ich dann in den Lesungen saß, kam ich nicht umhin, mit Anerkennung und einem gewissen Grad an Neid zuzuhören, wie gut das Geschriebene der beiden ausgesprochen klingt, wie bildhaft, wie kunstvoll, wie atmosphärisch, wie fühlbar, wie substanziell. Ich fing an zu vergleichen – und zu grübeln.

    Schreiben geht einher mit ewigen Zweifeln und dem Gefühl, etwas besser gemacht zu haben als beim letzten Mal, aber dennoch etwas besser machen zu können, gäbe es die Chance, noch einmal bei null anzufangen. Besonders stark ist dieses Gefühl, wenn du gerade los gelassen hast und dann bei Kollegen wie Stanišić oder von Arndt im Publikum sitzt.

    Was jetzt wie eine Selbstgeißelung klingt, ist in Wirklichkeit das Gegenteil. Mit Unzugänglichkeiten und Unvollkommenheit konfrontiert zu werden, ist ein Glücksfall. Weil dich das antreibt, weil es dich motiviert, weil es den Prozess des sich permanent Neuerfindens am Laufen hält und ihm Feuer gibt.

    Solange du von Andersschreibenden lernen kannst, ist nichts verloren.

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