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    Das Leben in der Dauerschleife

    Montag, Mai 26th, 2014

    Da ist dieser Hunger, der eher eine Sehnsucht ist als ein dringend zu stillendes Bedürfnis. Und doch ist er stark, zieht einen mit. Also isst du – und ja, du wirst satt. Und nein, es ist nicht so, als wolltest du dich gleich wieder übergeben. Doch geschmackliche Offenbarungen, die sind selten.

    Die Rede ist – natürlich – von Büchern, von guten Stoffen, die einen packen, die einen reißen, die einen nicht loslassen. Beschäftigungspersistenz ist für mich das Qualitätsmerkmal. Wenige Romane besaßen die Kraft, meine Kriterien zu erfüllen. Replay – Das zweite Spiel von Ken Grimwood ist der jüngste Neuzugang auf meiner Liste für die Ewigkeit.

    Zeit

    Zur Handlung: Jeff Winston ist 43, als im Oktober 1988 sein Herz versagt. Doch der Tod muss warten. Jeff erwacht 1963 als 18-Jähriger am College, zurückgeworfen in der Zeit. Sein Erwachsenenleben beginnt erneut, Geschichte wiederholt sich. Nach dem ersten Schock wird Jeff klar: Vorwissen ist Macht.

    Vor einigen Jahren hatte ich die Idee zu einem Plot, in dem ein Mann einen Unfall erleidet, statt zu sterben aber die Chance erhält, die Dinge geradezurücken, die er am meisten bereut. Kaum etwas ist so faszinierend wie der Konjunktiv. „Wie sähe mein Leben aus, hätte ich damals . . .“

    Ken Grimwood treibt das Gedankenspiel auf die Spitze. Denn es bleibt nicht bei Jeff Winstons einmaligem Replay. Der Protagonist findet sich bald in einer Dauerschleife wieder. Er lebt und stirbt und lebt und stirbt, immer auf der Suche nach einer Antwort, nach einer Erklärung, nach einer Aufgabe.

    Der Realitätsbezug dieser fantastischen Geschichte auf einer Metaebene gibt dem Roman Feuer. In seinem ursprünglichen Leben ist Jeff ein Versager und Langweiler, gescheitert in fast allem. Er verkörpert die Entfernung unseres Selbst von unseren Träumen und Idealvorstellungen der eigenen Person.

    Die unterschiedlichen Leben, die Jeff nach seinem Eintritt in die Dauerschleife durchlebt, markieren dagegen den Griff nach dem Glück und die ungeheuren Frustrationen, mit denen man konfrontiert ist, sobald sich Träume nicht erfüllen – oder, teilweise noch schlimmer: wenn sie es tun.

    Replay – Das zweite Spiel ist ein Füllhorn. Überall wartet die Option abzuschweifen, die Geschichte zu nehmen und sie zu kneten, sie zu zerpflücken, sie neu zusammenzusetzen. Es wird philosophisch – existenziell, nihilistisch, epikureisch -, ohne abstrakt zu werden. Der Spannungsbogen passt.

    Wenn du gut schreiben willst, musst du viel lesen, sagen etablierte Schriftsteller häufig. Ich lese gerne, ich lese viel. Das Glücksgefühl, einen Roman nicht aus der Hand legen zu wollen, sich nicht an ihm satt lesen zu können, ist selten. Ach wie schön sind diese Ausnahmen.

    Foto: CC BY-NC-SA 2.0 Je Kemp / pocket watches