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    Vom Leben und Lesen

    Sonntag, November 30th, 2014

    Sonntagabend in der Stille. Die Woche ist hart gewesen. Die davor war es auch. Zurückgekehrt von den Zerrungen der Wochenendsportberichterstattung kehre ich zurück in eine Wohnung, die ich versehentlich in meiner Abwesenheit seit heute Morgen angeheizt habe – welch eine Energieverschwendung! Ich lasse mich fallen und erinnere.

    Es sind Buchwochen in Stuttgart. Mit Anstrengung hat das an sich wenig zu tun, zumindest nicht für mich, weil ich nicht las, sondern schrieb, oder besser: fertig geschrieben und überarbeitet habe, fürs Erste, bis der Lektor ins Spiel kommt. Und doch sind die Buchwochen Teil meiner Anstrengung gewesen, denn zwischendurch hörte ich zu, den Kollegen, vier an der Zahl.

    Ich hörte zu, weil ich den Vergleich suchte, den Austausch, weil ich Fragen stellen wollte. Ich hörte zu, weil mich die Typen reizten, weil mich ihre Bücher bewegt hatten. Drei Österreicher und ein Schweizer, Thomas Glavinic, Arno Camenisch, Robert Seethaler und Michael Köhlmeier, lasen in meiner Stadt – und jeder für sich brachte mich zum lächeln.

    Glavinic

    Da kam der Wiener Glavinic und berichtete, wie sich sein 2001 erschienener Kameramörder als Hardcover lächerliche 1200-mal verkaufte und sie ihn schon vom verlegerischen Hof jagen wollten, bevor ein Film und ein Taschenbuch kamen und die Zahl der über den Ladentisch gehenden Bücher in den sechsstelligen Bereich katapultierten.

    „Es passieren manchmal seltsame Dinge in dieser Branche“, sagte der 42-Jährige und las aus Das größere Wunder, in dem er seinen Protagonisten Jonas auf den Mount Everest schickt, ohne jemals dort gewesen zu sein, angespornt von der Erfahrung, seit mehr als 20 Jahren Bücher über das Höhenklettern verschlungen zu haben.

    Da kam der (gebürtige) Wiener Seethaler, der seinen erfrischend schnörkellosen Roman Ein ganzes Leben eigentlich Eine einfache Geschichte nennen wollte und sich darüber ausließ, wie schwierig es sei, einfach zu schreiben: „Es ist eine Qual. Ich muss es mir hart erarbeiten, mir jedes Wort aus der Seele schnitzen.“

    Und weil der Schauspieler Seethaler spielen kann, weil er seine rauchige Stimme einzusetzen weiß, konnte man im völlig überlaufenen Buchcafé den Eindruck gewinnen, es laufe ein Tonband, wenn man die Augen schloss und lauschte. Ich tat es, blendete den einen Sinn aus, um den anderen zu schärfen – und ließ mich gefangen nehmen.

    Koehlmeier

    Da kam der Graubündener Camenisch, der wie ein Derwisch durch vier seiner mehrsprachigen Werke pfiff, mit einem virtuos-symphonischen Lese- und Vortragsstil, der mitriss, Und der erzählte, wie er erst reichlich Umwege nehmen musste, bis er zu seinem Autorendasein fand, bis er entdeckte: „Wenn ich schreibe, wenn ich lese, fühle ich mich zu Hause.“

    Und da kam der Vorarlberger Köhlmeier und hatte mit der SWR-2-Moderatorin zu kämpfen, die partout wissen wollte, wie viel an seinem Roman Zwei Herren am Strand über die ganz private gemeinsame Selbsthilfegruppe von Winston Churchill und Charlie Chaplin gegen ihre Depressionen der Wahrheit entspräche, wie viel erfunden und wie viel recherchiert sei.

    Erst geduldig, und später immer hartnäckiger sprach Köhlmeier über die Gleichwertigkeit von Finden und Erfinden, über die „Kraft innerer Zustimmung“, die manches zu Realität werden lasse, weil der Leser es dem Autor glauben möchte.

    Der Tag seines Besuchs im Literaturhaus war der Tag, an dem ich einen vorläufigen Schlussstrich ziehen durfte, einen erfüllenden aber doch niederschmetternden, weil er eben wieder mal ein Ende besiegelte. Und Köhlmeier erzählte vom Loch, das auch er kenne, das am Ende eines Projekts warte – und dem man am besten entrinne, indem man etwas Neues beginne.

    Das war der Köhlmeier-Moment, in dem ich am heftigsten lächelte, am heftigsten den Kopf nickte, am heftigsten gähnte. Weil er mir aus dem Herzen sprach, wie seine Kollegen zuvor es getan hatten. Ich liebe diesen Schwermut, diesen Witz, dieses Leben, dieses Lesen. Ich kann es nicht erwarten, tiefer darin einzutauchen. Es wird passieren. Bald.

    Fotos: CC-BY-SA 2.0 Heinrich-Böll-Stiftung / Thomas Glavinic (fotografiert von Stephan Röhl) und CC-BY-NC-ND 2.0  Literaturhaus Salzburg / Michael Köhlmeier)