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  • Archive for März, 2015

    Das Echo von Camp Nou

    Dienstag, März 17th, 2015

    Die Geschichte meines Clubs im Europapokal ist eine Geschichte voller Schmerz und Tränen. Ich lernte das mit acht, im Mai 1989, als uns die Hand Gottes und ein Grieche namens Germanikos beschissen. Wir standen im Uefa-Cup-Finale gegen Neapel und der Schiedsrichter von Zeus‘ Gnaden hängte nach dem Spiel seine Karriere in einem neuen Haus an den Nagel.

    1991 musste ich mich von einem spanischen Kumpel wegen eines blamablen 2:3 gegen die Nobodys aus Osasuna verhöhnen lassen, im Jahr darauf kamen Leeds, Daum und ein Mann namens Simanic, dessen einziger Einsatz im Profi-Dress auf ewig mit dem Makel verbunden sein wird, der vierte Ausländer auf dem Platz gewesen zu sein.

    Sportlich waren wir weiter, die Uefa setzte ein Wiederholungsspiel an. In Barcelona. Nach dem waren wir draußen.

    Die Jahre verstrichen, der Schmerz und die Tränen blieben. Jogi führte uns noch einmal ins Endspiel, 1998 war das, in Stockholm gegen Chelsea. Gianfranco Zola zerstörte unseren Traum.

    Mit dem Fußball aber ist es wie mit der Liebe. Das Süße ist niemals so süß ohne das Saure. Daran denkst du, wenn du mit 200.000 Menschen auf dem Schlossplatz stehst, dir die Knie nach zehn Stunden Stehen wegzuknicken drohen und auf der Bühne Fanta Vier und Armin Veh die Meisterschaft besingen.

    Du denkst daran, wenn du tags darauf über die A81 bretterst, mit You’ll never walk alone in der Dauerschleife.

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    Du denkst daran, wenn du in der saukalten Nacht des 17. März 2010 in den temporär gesperrten Gästeblöcken des ansonsten leergefegten Camp Nou sitzt, ganz oben unterm Himmel.

    Wenn Messi und Co. deinen Club mit 4:0 abgeschossen haben. Wenn du das standesgemäße Opfer katalanischer Zaubermäuse bist. Wenn einer von 5000, der mit dem lautesten Organ, plötzlich die Umba anstimmt und ihm alle folgen. Wenn danach Wir sind die Jungs aus Cannstatt durch die Schüssel tönt.

    Wenn zwei Dutzend verdutzte Ordner dich anstarren, weil sie nichts anzufangen wissen mit diesen deutschen Losern, die sich vor Lachen fast bepissen ob des Halls von Camp Nou, die sich später verstreuen, über die Rambla schwanken in der Überzeugung, die Erinnerung an diese Nachspielzeit Jahrzehnte später noch im Herzen zu tragen.

    Es gibt da diesen Spruch: Und aus dem Chaos sprach eine Stimme zu mir: „Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!“, und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer.

    Vor zwei Jahren sangen wir Stuttgart international, kann man nur besoffen sehen. Inzwischen hilft nicht mal mehr der übelste Schnaps, um sich die Lage schön zu saufen. Schmerz und Tränen sind unser ständiger Begleiter.

    Und dennoch: Die Zuversicht verlässt uns nicht. Es wird wieder aufwärts gehen, früher oder später. Wir tragen die Sehnsucht in uns, bald wieder internationale Luft zu schnuppern. Einmal mit dem VfB an die Anfield Road . . .

    So ist das mit der Liebe. Sie ist irrational. Sie kennt keine Grenzen.

    Das Orm und ich

    Dienstag, März 3rd, 2015

    Seine Fantasie ist beneidenswert, sein Blick auf den Literaturbetrieb hoch amüsant. Ich habe, auf dringende Empfehlung von Sportredakteur M., Walter Moers‘ Stadt der träumenden Bücher gelesen. So kam ich in Kontakt mit diesem Kunstwort, an das ich seitdem häufig denke: das Orm.

    Dieses Orm ist, wie vieles aus Moers‘ Welten, nicht einfach zu übersetzen, ohne Gefahr zu laufen, der Bedeutung nicht gerecht zu werden. Inspiration ist definitiv ein zu grober Hilfsbegriff. Wenn einen Schriftsteller das Orm befällt, ist das für ihn gleichermaßen Segen wie Fluch.

    Die Ideen, die ihn dann durchfluten, drängen nämlich aufs Papier. Sie müssen raus, andererseits droht der Kopf des Infizierten zu platzen. Man könnte es als Zustand des Wahns bezeichnen. Denn in seiner Rastlosigkeit verliert für den Schreibenden alles andere seine Bedeutung.

    Ich habe mich in den vergangenen Februar-Wochen zeitweise wie im Wahn gefühlt. Das alte Tom-Projekt, das eine radikale Überarbeitung, praktisch eine Neuerfindung, verlangte, nahm mich gefangen und ließ mich nicht mehr los – bis ich mich wegen anderer Verpflichtungen zum Lösen zwingen musste.

    Nun ist dieser Verpflichtung genüge getan und ich lehne mich für einen Moment zurück, wage mich vorsichtig wieder hinein ins Manuskript. Moers‘ Orm lässt einen so brillant schreiben wie niemals zuvor. Doch ich möchte nicht nachlesen, was ich geschaffen habe. Erst muss ich es zu Ende bringen.

    Ich kann also nicht sagen, ob ich ihm wirklich begegnet bin, dem Orm. Aber so oder so: Der Februar war eine Erfahrung.