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  • Der Eisberg und ich

    Kürzlich erhielt ich elektronische Post von einem Verlag. „Gerne hätten wir Ihnen die Gründe für unsere Entscheidung näher erläutert, dies ist aber angesichts der vielen eingehenden Manuskripte leider nicht machbar“, stand darin. Und noch mehr. Viele seltsame Wörter. Dabei hätte ein Satz doch gereicht: „Denken Sie sich hier bitte eine Standardabsage“.

    Es ist keinesfalls so, dass ich frustriert wäre. Oder traurig. Es gab Menschen, die meinten, mich trösten zu müssen, als ich von der Mail berichtete. Ich schaute erst sie verblüfft an und dann mich selbst, verwundert, weil ich keines Trostes bedurfte. Rückschläge und Enttäuschungen pflastern meinen literarischen Weg. Sie können mir schon gar nichts mehr anhaben.

    Ich kann nachvollziehen, wenn ein Verlag darauf verweist,  eine Verpflichtung gegenüber seinen Hausautoren zu haben – auch wenn ich finde, hin und wieder könne man jemanden Neuen ins Haus lassen. Also mich. Zumal der eine oder andere Hausautor irgendwann ja auch mal stirbt. Naturgemäß. Und einen vakanten Stuhl hinterlässt.

    Aber offensichtlich ist mein Manuskript nicht interessant/ unkonventionell/marktgerecht genug, zumindest nicht auf den ersten oberflächlichen Blick. Finden die Verlage. Finde ich nicht. Ist aber egal, was ich finde. Künstlerpech.

    Nun könnte ich den Verlagen die kalte Schulter zeigen. „Veröffentliche den Roman doch einfach selbst. Ist doch kein Ding mehr.“ Den guten Rat höre ich häufig. Und schüttele stets den Kopf. Oder verziehe die Miene. Unmissverständlich.

    Natürlich könnte ich. Werde ich aber nicht. Weil ich nicht an Self-Publishing glaube. Nicht in meinem Fall zumindest. Warum nicht? Bert Brecht kannte die Antwort: „Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht. Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“

    Anders gesagt: Die Self-Publisher bilden einen Eisberg. Oben thronen die Auflagen-Millionäre. Die möglicherweise ebenfalls bei Verlagen abblitzten, sich mit Geschick und hohem Aufwand aber eine Fangemeinde aufbauten, die so gewaltig ist, dass sich die Verlage nun nach ihnen die Finger lecken, sie furchtbar gerne in ihr Haus sperren würden.

    Darunter kommen die, die ganz ordentlich von ihren Erträgen leben können. Die sich vielleicht schon einen Namen gemacht hatten. Die mit einem Projekt, das ihnen am Herzen lag, abblitzten, weil ihr Verlag nicht daran glaubte. Die sich daraufhin dachten: Gut, mache ich es halt selbst. Bleibt schon mehr Gewinn bei mir liegen. Was dann auch der Fall war.

    Dann kommen die, die strampeln müssen, damit es sich lohnt. Die sich aber immerhin noch über der Wasseroberfläche befinden – zu hoch zum Sterben, zu tief zum Leben.

    Und dann kommt der große, große Rest. Unten im Dunkeln.

    Ich schreibe weder Thriller noch Chick-lit, die Art von Literatur also, die sich für gewöhnlich an des Eisbergs Spitze breit macht. Mein Anspruch ist es, mit Anspruch zu schreiben – Leser, die sich in erster Linie berieseln lassen wollen, bekommen bei dem Satz vermutlich Kopfschmerzen. Und den Namen mit Sogwirkung, den habe ich mir auch noch nicht gemacht.

    Also überlasse ich die Sache mit dem Self-Publishing anderen. Enttäusche die Guten-Ratschläger, die eventuell hofften, endlich mal einen Roman von mir zu lesen zu bekommen. Sie werden sich gedulden müssen. Wie ich mich gedulde. Solange, bis ein Verlag die Lust oder den Mut (oder beides) aufbringt und mich veröffentlicht.

    Bis dahin lächle ich Standardabsagen einfach weg.

    Foto: Sebastian We – Eisberge vor Ilulissat (via flickr, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

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