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  • Lücken schlagen mit Robert Menasse

    Auszug aus Die hauptstadt von Robert Menasse

    Der Buchpreisträger schreibt über Senf. Ganz kurz nur, ganz am Anfang von Die Hauptstadt – keinem guten Anfang, wie der Erzähler findet. Aber einen solchen könne es ohnehin nicht geben. Wegen des Problems der Vorgeschichte. Die, schreibt Robert Menasse, müsse man ausblenden, käme man am Ende doch sonst nie zum Anfang.

    Der Erzähler irrt. Es ist ein guter Anfang. Weil er einen zum lächeln bringt. Zumindest, wenn der Eine – wie ich – selbst Autor ist. Und wenn er es gewohnt ist, mit sich selbst und seinen Testlesern darüber zu debattieren, was Vorgeschichte ist, also irrelevant, und was wichtig zum Verständnis der Charaktere.

    Robert Menasse bricht im weiteren Verlauf immer wieder in die Vorgeschichte seiner Figuren auf. Und wer den Anfang seines ausgezeichneten Romans im Kopf hat, der kneift die Augen zusammen und fürchtet: Gleich rutscht er aus, der Menasse, auf dem selbst auferlegten schmalen Grat. Aber er stürzt nicht in die Tiefe. Er hält das Gleichgewicht.

    Die talentierten Menasse-Geschwister

    Die Hauptstadt ist ein vergnügliches Werk eines überzeugten Europäers, kämpferisch in seiner authentisch wirkenden Absurdität. „Überschätzt“, urteilte hingegen neulich ein Kollege – welch böses Wort! – und unkte, Roberts kleine Schwester Eva sei eigentlich die talentiertere der beiden.

    Letzteres mag vielleicht sogar wahr sein, noch fehlen mir die Vergleiche. Zum Einstieg ins Literaturjahr könnte ich mir trotzdem kein besseres Buch vorstellen. Weil ich, wann immer ich ein wenig Zeit habe, das Bedürfnis verspüre, nach ihm zu greifen. Tagsüber in der Stadtbahn, nachts vor dem Einschlafen, oder wenn ich gerade selbst schreiben will, aber nicht weiß wie.

    Der Umgang mit den Leerstellen

    So geschehen an diesem Mittwoch, während meines zweiten Literaturtags 2018. Da grübelte ich über meinen Beitrag zum Würth-Literaturpreis. Weniger über die Handlung, die steht. Sondern darüber, wie ich sie erzähle, aus welcher Perspektive etwa. Und was alles hineingehört oder verzichtbar ist, nicht nur in Sachen Vorgeschichte, sondern auch bei der Geschichte selbst.

    Die erste fundamentale Lektion, die mir ein alter Recke nach Prüfung eines meiner Romananfänge lehrte, war die, etwas zu erzählen, ohne es zu erzählen. Also mit Lücken zu arbeiten, wahlweise auch Leerstellen genannt. Dem Leser somit, anders als in einem journalistischen Text, Informationen vorzuenthalten. Auf dass er selbst auf den Trichter kommen möge.

    Mit Geduld und Spucke …

    Doch ich scheiterte schon am Anfang, der ja ein guter sein muss, den Leser zum Lächeln bringen oder ihn bannen sollte, um ihn nicht sofort wieder zu verlieren. Also stemmte ich mich aus meinem Schreibstuhl, warf mich aufs Sofa und angelte mir meinen Menasse. Um zu lesen und dabei passiv nachzudenken.

    Das Vertrauen darauf, von der Lösung gefunden zu werden, gehört zu den Grundtugenden des Autors. Diesmal dauerte es nur eine Viertelstunde. Zurück im Schreibstuhl, zurück am Schreibtisch, legte ich los. Der Anfang ist gemacht.

    Dass der Anfang nur ein Absatz ist, knapp 1000 Zeichen lang, mir also noch ein weiter Weg bevorsteht? Geschenkt. Der nächste Literaturtag kommt bestimmt.

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