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  • In der Ruhe Brandenburgs

    Die Möwe 1, ein schwimmendes Ferienhaus auf dem Gräbendorfer See in Brandenburg

    „Ich weiß nicht, weswegen ich aufgeregter bin: wegen der Hochzeit oder weil du meine Heimat kennenlernst“, schrieb S. Da waren es noch wenige Tage bis zur kirchlichen Trauung ihrer Schwester in der Niederlausitz, der Braut und Trauzeugin kurz nach dem Abitur den Rücken gekehrt hatten. Aber Heimat bleibt Heimat, egal wie weit man sich von ihr entfernt.

    Das Fest konnte also nur dort sein. Mit mir, dem Städter, der sich jüngst mit einem schockierenden Bekenntnis botanischen Nichtwissens disqualifiziert hatte – so schockierend, dass es an dieser Stelle unspezifiziert bleiben soll. Und nun war ich auf dem Sprung ins Niemandsland, ein Teil Brandenburgs, so jwd, dass sich selbst mobile Daten kaum hintrauen.

    Was, wenn ich das ganz schrecklich finden würde?

    „In Brandenburg, in Brandenburg …“ 

    „Es gibt Länder, wo was los ist. Es gibt Länder, wo richtig was los ist. Und es gibt: Brandenburg“, singt Rainald Grebe und die Besungenen finden es zum Schießen. Jedenfalls die, die ich kenne: S., ihre Schwester, ihre besten Freunde. Lustig, weil treffend, so lautet ihr Urteil. Das ist nicht gerade einladend.

    In Döbern, dem Ort der Kindheit von S., ihrer Schwester und ihren Freunden, gibt es eine Straße mit Bushaltestelle am Waldrand, an dem der Städter das Gefühl hat, mit gut Glück verliere sich hierher einmal am Tag ein Bus. Und zweimal ein Mensch mit Haustier.

    Döbern hatte Anfang der 80er-Jahre mal 5000 Einwohner, heute sind es noch 3200 und auf der Hauptstraße reiht sich ein leerstehendes Haus ans nächste. Im geschichtsträchtigen Glaswerk arbeiteten kurz vor der Wende noch mehr als 1700 Menschen. Fünf Jahre später waren es noch rund 120.

    Seliges Plätschern am See

    Orte der Einsamkeit gibt es in Brandenburg offenbar viele. Der Milanhof im Spreewald, auf dem die Hochzeitsfeier stattfand, liegt irgendwo im Nirgendwo. Im Teich quaken Frösche, bis der Storch angestiefelt kommt. Und am Gräbendorfer See, auf dem sich S. und ich von der Hochzeitsfeier erholten, muss man sich Sorgen um den Umsatz eines Strandcafé-Besitzers machen.

    Wir verbrachten 24 Stunden auf einem zum schwimmenden Ferienhaus ausgebauten Hausboot, saßen auf der Terrasse in der Sonne, sprangen von dort aus ins 16 Grad kalte Wasser und hörten dem Plätschern der Wellen zu, wie ein Monat zuvor in Dubrovnik, nur diesmal gänzlich ungestört.

    Zwei Tage später schlängelten wir uns durch die Hackeschen Höfe in Berlin und bereuten es. Wenn S. sich Sorgen gemacht haben sollte, die Ruhe Brandenburgs wäre zu viel für mich, den Städter, war das unbegründet. Ich genoss sie, ließ mich von ihr inspirieren zu einer (neuen) Geschichte über Schönheit.

    Aus der alten Idee mache ich einfach einen Roman.

     

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