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  • Archive for the ‘Andersschreibende’ Category

    Lücken schlagen mit Robert Menasse

    Donnerstag, Januar 11th, 2018

    Auszug aus Die hauptstadt von Robert Menasse

    Der Buchpreisträger schreibt über Senf. Ganz kurz nur, ganz am Anfang von Die Hauptstadt – keinem guten Anfang, wie der Erzähler findet. Aber einen solchen könne es ohnehin nicht geben. Wegen des Problems der Vorgeschichte. Die, schreibt Robert Menasse, müsse man ausblenden, käme man am Ende doch sonst nie zum Anfang.

    Der Erzähler irrt. Es ist ein guter Anfang. Weil er einen zum lächeln bringt. Zumindest, wenn der Eine – wie ich – selbst Autor ist. Und wenn er es gewohnt ist, mit sich selbst und seinen Testlesern darüber zu debattieren, was Vorgeschichte ist, also irrelevant, und was wichtig zum Verständnis der Charaktere.

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    Zurück nach Barcelona

    Freitag, März 31st, 2017

    Als Erstes habe ich es auf meinem Nachttisch gesucht, dann im Wohnzimmer. Beides vergebens. Ich musste es wohl bei meiner Mutter liegengelassen haben, als ich in ihrer Abwesenheit Pflanzen goss und die Katze streichelte. Nach ihrer Rückkehr stellte sich heraus: Ich täuschte mich.

    Konnte es im Auto meines Vaters sein, mit dem ich Tage zuvor essen gefahren war? Oder lag es doch auf meinem Schreibtisch, verdeckt von Charakterbeschreibungen und Überarbeitungsideen des eigenen Romans? Nein. Und nein. Tat es nicht.

    Ganz langsam begann ich mir, Sorgen zu machen. So ein Buch verschwindet in der Regel nicht auf eigene Faust. Es ist keine vernachlässigte Freundin. Doch Christoph Ransmayrs Cox oder der Lauf der Zeit war nicht aufzufinden – bis mein Blick auf meine Sporttasche fiel und mir der Griff hinein gebrauchte Socken und Erleichterung bescherte.

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    Das Orm und ich

    Dienstag, März 3rd, 2015

    Seine Fantasie ist beneidenswert, sein Blick auf den Literaturbetrieb hoch amüsant. Ich habe, auf dringende Empfehlung von Sportredakteur M., Walter Moers‘ Stadt der träumenden Bücher gelesen. So kam ich in Kontakt mit diesem Kunstwort, an das ich seitdem häufig denke: das Orm.

    Dieses Orm ist, wie vieles aus Moers‘ Welten, nicht einfach zu übersetzen, ohne Gefahr zu laufen, der Bedeutung nicht gerecht zu werden. Inspiration ist definitiv ein zu grober Hilfsbegriff. Wenn einen Schriftsteller das Orm befällt, ist das für ihn gleichermaßen Segen wie Fluch.

    Die Ideen, die ihn dann durchfluten, drängen nämlich aufs Papier. Sie müssen raus, andererseits droht der Kopf des Infizierten zu platzen. Man könnte es als Zustand des Wahns bezeichnen. Denn in seiner Rastlosigkeit verliert für den Schreibenden alles andere seine Bedeutung.

    Ich habe mich in den vergangenen Februar-Wochen zeitweise wie im Wahn gefühlt. Das alte Tom-Projekt, das eine radikale Überarbeitung, praktisch eine Neuerfindung, verlangte, nahm mich gefangen und ließ mich nicht mehr los – bis ich mich wegen anderer Verpflichtungen zum Lösen zwingen musste.

    Nun ist dieser Verpflichtung genüge getan und ich lehne mich für einen Moment zurück, wage mich vorsichtig wieder hinein ins Manuskript. Moers‘ Orm lässt einen so brillant schreiben wie niemals zuvor. Doch ich möchte nicht nachlesen, was ich geschaffen habe. Erst muss ich es zu Ende bringen.

    Ich kann also nicht sagen, ob ich ihm wirklich begegnet bin, dem Orm. Aber so oder so: Der Februar war eine Erfahrung.

    Der Mikrokosmos der anderen

    Samstag, Februar 14th, 2015

    Der ICE quetschte sich gemächlich an bemalten Häuserwänden vorbei, einmal quer durch die City, im touristenfreundlichen Tempo. Vom Ostbahnhof aus zog ich meinen Rollkoffer etwa 500 Meter zum Hotel und direkt weiter zur ver.di-Bundesverwaltung, am nächsten Tag ging es den gleichen Weg zurück.

    Für zwei Tage Schriftstellerkongress in Berlin saßen Christine Lehmann und ich am vergangenen Wochenende mehr als zwölf Stunden im Zug. Von der Hauptstadt hatten wir am Ende kaum etwas gesehen – abgesehen von der Spree am Paula-Thiede-Ufer und dem Fernsehturm aus der Ferne.

    Paula

    Trotzdem: Für mich hat es sich gelohnt. Nicht, weil der Kongress besonders eindrucksvoll gewesen wäre – ich habe dazu einen Beitrag für den Landesverband des VS verfasst. Auch nicht, weil ich auf der Zugfahrt zurück den Schreibfluss fand, von dem ich noch immer zehre. Sondern wegen der Begegnungen.

    Ich hatte mich nicht um die Aufgabe als Delegierter gerissen, aber ich hatte sie als Gelegenheit zum Austausch, zu neugierigen Fragen, zu Beobachtungen gesehen. Der schriftstellerische Einzelgänger muss hin und wieder raus, die Welt sehen. Und wenn es nur in den Mikrokosmos der anderen Einzelgänger geht.

    Am Dienstag, zwei Tage nach der Rückkehr also, setzte ich, der Journalist, mich im Schatten des Stuttgarter Tagblattturms mit den Autorenkollegen Susanne Glanzner und Björn Springorum zusammen. Ich hatte den Auftrag, sie zu ihrem gemeinsamen Romanprojekt zu befragen, das am 9. März erscheint.

    Wir sprachen über Herangehensweisen und Strukturen, über Auseinandersetzungen mit dem eigenen Schreiben und dem des Co-Autoren, über die Eigenheiten des Literaturbetriebs und über die Zeit, die Zeit fürs und beim Schreiben. Hinterher war ich nicht nur gut gelaunt, ich war angefixt.

    Ich spürte den Drang, der etwas Wundervolles ist. Eilte nach Hause. Setzte mich an den Schreibtisch. Und die Worte flossen.

     

    Vom Leben und Lesen

    Sonntag, November 30th, 2014

    Sonntagabend in der Stille. Die Woche ist hart gewesen. Die davor war es auch. Zurückgekehrt von den Zerrungen der Wochenendsportberichterstattung kehre ich zurück in eine Wohnung, die ich versehentlich in meiner Abwesenheit seit heute Morgen angeheizt habe – welch eine Energieverschwendung! Ich lasse mich fallen und erinnere.

    Es sind Buchwochen in Stuttgart. Mit Anstrengung hat das an sich wenig zu tun, zumindest nicht für mich, weil ich nicht las, sondern schrieb, oder besser: fertig geschrieben und überarbeitet habe, fürs Erste, bis der Lektor ins Spiel kommt. Und doch sind die Buchwochen Teil meiner Anstrengung gewesen, denn zwischendurch hörte ich zu, den Kollegen, vier an der Zahl.

    Ich hörte zu, weil ich den Vergleich suchte, den Austausch, weil ich Fragen stellen wollte. Ich hörte zu, weil mich die Typen reizten, weil mich ihre Bücher bewegt hatten. Drei Österreicher und ein Schweizer, Thomas Glavinic, Arno Camenisch, Robert Seethaler und Michael Köhlmeier, lasen in meiner Stadt – und jeder für sich brachte mich zum lächeln.

    Glavinic

    Da kam der Wiener Glavinic und berichtete, wie sich sein 2001 erschienener Kameramörder als Hardcover lächerliche 1200-mal verkaufte und sie ihn schon vom verlegerischen Hof jagen wollten, bevor ein Film und ein Taschenbuch kamen und die Zahl der über den Ladentisch gehenden Bücher in den sechsstelligen Bereich katapultierten.

    „Es passieren manchmal seltsame Dinge in dieser Branche“, sagte der 42-Jährige und las aus Das größere Wunder, in dem er seinen Protagonisten Jonas auf den Mount Everest schickt, ohne jemals dort gewesen zu sein, angespornt von der Erfahrung, seit mehr als 20 Jahren Bücher über das Höhenklettern verschlungen zu haben.

    Da kam der (gebürtige) Wiener Seethaler, der seinen erfrischend schnörkellosen Roman Ein ganzes Leben eigentlich Eine einfache Geschichte nennen wollte und sich darüber ausließ, wie schwierig es sei, einfach zu schreiben: „Es ist eine Qual. Ich muss es mir hart erarbeiten, mir jedes Wort aus der Seele schnitzen.“

    Und weil der Schauspieler Seethaler spielen kann, weil er seine rauchige Stimme einzusetzen weiß, konnte man im völlig überlaufenen Buchcafé den Eindruck gewinnen, es laufe ein Tonband, wenn man die Augen schloss und lauschte. Ich tat es, blendete den einen Sinn aus, um den anderen zu schärfen – und ließ mich gefangen nehmen.

    Koehlmeier

    Da kam der Graubündener Camenisch, der wie ein Derwisch durch vier seiner mehrsprachigen Werke pfiff, mit einem virtuos-symphonischen Lese- und Vortragsstil, der mitriss, Und der erzählte, wie er erst reichlich Umwege nehmen musste, bis er zu seinem Autorendasein fand, bis er entdeckte: „Wenn ich schreibe, wenn ich lese, fühle ich mich zu Hause.“

    Und da kam der Vorarlberger Köhlmeier und hatte mit der SWR-2-Moderatorin zu kämpfen, die partout wissen wollte, wie viel an seinem Roman Zwei Herren am Strand über die ganz private gemeinsame Selbsthilfegruppe von Winston Churchill und Charlie Chaplin gegen ihre Depressionen der Wahrheit entspräche, wie viel erfunden und wie viel recherchiert sei.

    Erst geduldig, und später immer hartnäckiger sprach Köhlmeier über die Gleichwertigkeit von Finden und Erfinden, über die „Kraft innerer Zustimmung“, die manches zu Realität werden lasse, weil der Leser es dem Autor glauben möchte.

    Der Tag seines Besuchs im Literaturhaus war der Tag, an dem ich einen vorläufigen Schlussstrich ziehen durfte, einen erfüllenden aber doch niederschmetternden, weil er eben wieder mal ein Ende besiegelte. Und Köhlmeier erzählte vom Loch, das auch er kenne, das am Ende eines Projekts warte – und dem man am besten entrinne, indem man etwas Neues beginne.

    Das war der Köhlmeier-Moment, in dem ich am heftigsten lächelte, am heftigsten den Kopf nickte, am heftigsten gähnte. Weil er mir aus dem Herzen sprach, wie seine Kollegen zuvor es getan hatten. Ich liebe diesen Schwermut, diesen Witz, dieses Leben, dieses Lesen. Ich kann es nicht erwarten, tiefer darin einzutauchen. Es wird passieren. Bald.

    Fotos: CC-BY-SA 2.0 Heinrich-Böll-Stiftung / Thomas Glavinic (fotografiert von Stephan Röhl) und CC-BY-NC-ND 2.0  Literaturhaus Salzburg / Michael Köhlmeier)