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    Was vom Jahre übrig bleibt (2017)

    Samstag, Dezember 30th, 2017

    Oberhalb des Circus Maximus in Rom

    Keine Frage, unbedingt! Den Giardino degli Aranci, den Orangengarten also, müsse ich mir anschauen, sagte meine römische Herbergsmama Laura und schickte mich hinaus in die Stadt. Mein Bus war voll und brauchte lange, aber irgendwann erreichte er sein Ziel.

    Sein Ziel war freilich nicht mein Ziel. Ich musste noch eine Weile laufen, bevor ich den Aventin erklommen hatte. Oberhalb des Circus Maximus hielt ich kurz inne und erfreute mich am makellos blauen Oktoberhimmel, dann schritt ich weiter voran. Vor dem Stillstand steht die Bewegung.

    Still stehen, oder besser: still sitzen, wollte ich dann unter den Bäumen des Gartens. Schließlich war ich nach Rom geflogen, um mir Zeit zur Ruhe zu nehmen. Die Ruhe zum Schreiben, die Ruhe zum Überarbeiten, die mir in den Mühlen des Alltags in der Heimat in diesem Jahr wieder zu häufig fehlte.

    Meriten eines Jahres

    Wenn ich (wie zuletzt immer rund um Silvester) zurückblicke auf das vorangegangene Jahr, dann fällt meine literarische Bilanz eigentlich positiv aus. Die Schreibarbeit war ein Motivationsschub, ich habe einen Roman fertiggestellt und einem Lektor sowie einer Agentin meines Vertrauens vorgelegt.

    Trotzdem: Was bleibt, ist vor allem das Gefühl, im November und Dezember gehetzt gewesen zu sein. Das Pflichtgefühl kann ein gieriger Genosse sein. Es zerrt an einem, es ist selten befriedigt, es fordert immer mehr. Es gab viel zu tun abseits der Literatur. Und es blieb wenig Zeit für die schönen Künste.

    Das darf nicht sein, das muss sich ändern.

    Der gute Vorsatz für 2018: 52 Literaturtage

    Kurz nach Weihnachten stand ich unter der Dusche und mit dem Shampoo verschwand auch die Anspannung im Abfluss. Ich kenne diese flüchtigen Momente, in denen alles leicht wird. Und ich sehe immer wieder, wie sie mir durch die Finger rinnen. So ist der Lauf der Zeit.

    Den Tag und die Woche klug zu strukturieren und dem Plan konsequent zu folgen, ist eine Herausforderung, an der ich regelmäßig scheitere. Der ich mich aber trotzdem immer wieder stelle. Dem Gefühl, mehr schaffen zu wollen, in einem doppelten Sinne, begegne ich ständig. Zu selten hallt es nach.

    So entstand die Idee, mir 2018 jede Woche (mindestens) einen Tag freizuräumen, an dem ich der Literatur Priorität schenke. Und über diese Literaturtage im Blog zu berichten – ein bisschen Druck muss sein. Am 4. Januar lege ich los. Es wird ein Literaturfest.

    Insofern: Auf ein Neues!

    Gehör finden mit Vernunft und Zorn

    Dienstag, November 28th, 2017

    Der neue Vorstand des VS Baden-Württemberg

    Ich bin in den neuen Vorstand des VS Baden-Württemberg (Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller) gewählt worden. Eine solche Aufgabe hatte ich eigentlich nicht vor 2021 für mich vorgesehen. Jetzt habe ich sie doch früher übernommen. Weil mich das Team überzeugt hat.

    Und weil ich Ziele habe. Dass sich der Schriftstellerverband hierzuländle wieder mehr einmischt, wieder häufiger die Stimme erhebt. Mein Tatendrang soll mich tragen.

    Drei Jahre ist es her, da habe ich erstmals eine VS-Aufgabe übernommen, damals als Delegierter für den Bundeskongress in Berlin. Im Zug saß die VS-Landesvorsitzende Christine Lehmann neben mir – und bearbeitete mich sanft. Sie würde mich gerne für den Vorstand gewinnen, meinte sie. Ich versprach, darüber nachzudenken.

    Eine Doppelspitze für den Verband

    Nun endete Christine Lehmanns erste Amtsperiode. Sie ist wiedergewählt worden und bildet gemeinsam mit Martin von Arndt eine neu etablierte Doppelspitze. Beide stehen nicht im Verdacht, reine Unterhaltungsliteratur zu produzieren und sich aus öffentlichen Debatten herauszuhalten. Mir gefällt das.

    Autoren wollen Gehör finden. Ich bin überzeugt, dass man dabei auch etwas Substanzielles zu sagen haben sollte. Dass man eine Stimme braucht. Keine belehrende, aber eine aufrechte. Autoren sollten Standpunkte haben, sollten Wunden identifizieren und ihren Finger hineinlegen.

    Der VS, als Vertretung der Schriftsteller, sollte auch zu hören sein. Denn zu debattieren gibt es viel.

    Den passenden Ton treffen

    Gehör zu finden ist in Zeiten der totalen Reizüberflutung und der penetranten Schreihälse allerorts eine Herausforderung, für Autoren genauso wie für ihren Verband. Das heißt aber nicht, dass man schweigen sollte.

    Die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ist mein Steckenpferd, sie ist Teil meines Brotjobs geworden und Teil meines Ehrenamts, für das Nordic Paraski Team Deutschland und die Künstlervereinigung fundus artifex.

    Als Schriftsteller liegt mir die Stimme der Vernunft näher als die Stimme des Zorns. Aber manchmal muss man auch sachlich fundiert zornig sein.

    In diesem Sinne: Man liest sich.

    Im Bild oben: Der neue Vorstand des VS Baden-Württemberg, von links: Iris Caren von Württemberg, Martin von Arndt, Nicolai Köppel, Christine Lehmann, Eva Ehrenfeld, Marc Bensch. Claudia Gabler war wegen Krankheit entschuldigt. Foto: Siegfried Heim, verdi

    Der Anstieg und die Leere

    Donnerstag, April 20th, 2017

    Einst führten alle Wege nach Rom. In meine Wohnung führen immerhin zwei, abhängig davon, welche Straßenbahnhaltestelle ich zum Aussteigen wähle. Da ist der Weg durch Garten und Hintertüre. Und da ist der zweite, etwas längere, beständig aufsteigende. In den vergangenen Wochen habe ich stets ihn gewählt. Denn er führt direkt zum Briefkasten.

    Ich stieg aus der Bahn aus und die Treppenstufen hinauf, die in meine Straße führen, an den Anfang des Anstiegs zum letzten Haus vor dem Wald, in dem ich hause. Und während ich einen Fuß vor den nächsten setzte, ratterten die Gedanken, was ich im Briefkasten finden und was es aus mir machen würde.

    Meist fand ich nur Leere.

    Ich bekomme nicht viel Post. Und wenn, zerrt sie mich selten auf emotionale Achterbahnfahrten. Der Brief, auf den ich wartete, war dazu in der Lage, dessen war ich mir sicher. Ich hatte mich auf ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg beworben. Zum dritten Mal. Es war meine letzte Chance.

    Bei den vergangenen Versuchen war die Absage bereits Ende oder schon Anfang März eingetrudelt. Ich glaubte also, ungefähr einschätzen zu können, wann ich mit einer Antwort rechnen konnte, in der Hoffnung, es wäre diesmal eine positivere.

    Also begann ich Mitte März damit, meinen Nachhauseweg zu verlängern, mit pochendem Herzen den Schlüssel ins Schloss zu führen und den Briefkasten zu öffnen.

    Irgendwann begann ich mir zu wünschen, wieder nichts zu finden, weil ich glaubte, je länger es dauerte, desto größer seien die Chancen, dass ich zu den Auserwählten gehöre.

    Irgendwann begann ich zu glauben, sie hätten meine Bewerbung schlichtweg vergessen.

    Bis Dienstag. Bis ich wieder den längeren Weg wählte. Bis ich den Umschlag fand. Kein gewöhnlicher weißer Umschlag, sondern ein farblich veredelter. Ein verdächtig dünner farblich veredelter Umschlag. Ein Umschlag, den ich zunächst verschlossen ließ. Bis zu meinem Sofa.

    Und als ich die Worte las, die sich immer und überall ähneln, spürte ich keinen Verdruss. Ich verfluchte weder die Jury noch die Götter der Gerechtigkeit (jedenfalls beide nicht lang). Ich lehnte mich zurück und schloss für einen Moment die Augen.

    Kurz darauf begann die Suche nach neuen Wegen.

    Was vom Jahre übrig bleibt (Twentysixteen)

    Freitag, Dezember 30th, 2016

    Lissabon

    D. war zufällig in Lissabon – zum Saufen und zur Kultur auf hohem Niveau, wie er schrieb. Für den Samstag waren wir verabredet, also bestieg ich in meinem Schreibexil einen Bus. Die Fähre brachte mich zum Cais do Sodré, von wo aus ich an den Praça do Comércio spazierte und mich ans Wasser setzte.

    Im Schein von Portugals kraftstrotzender Herbstsonne lauschte ich eine Weile den Wellen und einer Straßenband von den Kapverden, die den Sound der Ferne spielte. Und weil ich D. telefonisch nicht erreichte – der erholte sich gerade noch vom hohen Niveau des Vortages – stapfte ich los. Ohne Ziel.

    Eine Stunde später tauchte die nicht mehr ganz so kraftvolle portugiesische Herbstsonne bei ihrem Untergang die Stadt in ein Licht, von dem man wünschte, es würde nie erlöschen. Aber alles hat seine Zeit, alles endet: Sonnenuntergänge, Tage, Nächte, Schreibklausuren im Ausland.

    Wenn ich heute im deutschen Winter mit schniefend-triefend-verschnupfter Nase auf die Wochen in Lissabon zurückblicke, tue ich das nicht voller Wehmut, sondern mit einem Lächeln. Ich bedauere es nicht, nicht mehr dort zu sein.

    Es erschüttert mich auch nicht, dass 2016 unglücklich endet – mit der Rückmeldung der Agentur, die den Roman nicht vertreten will, weil sie seine Marktchancen im schwierigen Segment der Gegenwartsliteratur als zu gering einschätzt.

    Ich werde mir, sobald ich mich der Überarbeitung gestellt habe, neu überlegen müssen, ob und wie ich ihn unterbringe. Dieses Gefühl des Scheiterns und des Neujustierens weicht nicht von meiner Seite. Es scheint kein Ende zu nehmen. Ich lächle auch darüber, weil ich weiß, dass es irgendwann enden wird.

    2016 ist in vielerlei Hinsicht ein Jahr des Schreckens und der Verzweiflung gewesen, voll globalem Terror, Krieg, Leid, voll Trump, Erdogan und Brexit. Man ist geneigt, ihm ein gepfeffertes Fuck You! entgegenzubrüllen.

    Aber ich habe schon vor Jahren beschlossen, mir zuvorderst über die Dinge Gedanken zu machen, die ich unmittelbar beeinflussen kann. Das habe ich getan, auf der Suche nach dem persönlichen Glück – und zeige 2016 nun nicht den Mittelfinger, sondern winke.

    Und selbst wenn es 2017 wieder nicht klappen sollte mit dem Romandebüt, werde ich nicht verzagen. Meine Zeit wird kommen. Früher oder später.

    Insofern: Auf ein Neues!

    Im Strudel der Weltbürger

    Freitag, September 30th, 2016

    Lissabon

    R. aus Toronto fiel mir praktisch in den Schoß. Vielleicht war er der Ansicht, ich hätte mich auf dem Sofa im Livin‘ Lisbon Hostel etwas zu breit gemacht. So kam es, dass R. die erste Person in Lissabon wurde, dem ich von meinem neuen Roman erzählte. Und der Kanadier, der seinen gut bezahlten Bankjob geschmissen hatte, um die Welt zu bereisen, hörte zu.

    „Es ist dieses euphorische Aufeinandertreffen der Fernsüchtigen aus aller Welt, die Tage und Nächte in einem Hostel so liebenswürdig machen“, schrieb ich vor viereinhalb Jahren nach meiner Ankunft in Palermo. Seit drei Tagen sitze ich wieder in einem, auf der (nervenzehrenden) Suche nach einem Zimmer in der von Erasmus-Studenten belagerten Stadt.

    Das Personal setzt sich unter anderem aus Australierinnen, Neuseeländerinnen, Niederländern, Briten und Amerikanern zusammen, die Gäste kommen aus Rumänien, Russland, Italien, Malaysia, Deutschland oder Nigeria. Morgens gibt es Pancakes, abends Sangria, bevor die Feierwütigen, die noch genug Energie vom Tag haben, ins Bairro Alto aufbrechen.

    Dort haben sie bei Shots und Bier (sehr viele Shots, sehr günstiges Bier) die Chance, ihre Sicht auf die Welt zu debattieren – und sie ähnelt sich sehr häufig. Es spielt keine große Rolle, dass diese Zufallsbekanntschaften selten von Dauer sind, dass Menschen kommen und gehen. Was zählt, ist der Moment, in dem man ein Gefühl von Freiheit teilt.

    Es liegt in unseren eigenen Händen dafür zu sorgen, dass das, was wir tun, weitmöglichst mit dem übereinstimmt, was wir tun wollen.

    Die letzte Nacht mit Gigi Buffon

    Dienstag, Juni 28th, 2016

    Lissabon

    M. brüllte. Stichelte. Frohlockte. „Gigi“, erklärte er mir, „ist der beste Torhüter der Welt.“ Anfangs hatte ich noch gelächelt, ja sogar gelacht. Bevor Balotelli kam. Doch je länger das Spiel dauerte, desto mehr wünschte ich mir, das Schicksal würde sie bestrafen. M. und Buffon. Das Schicksal oder Thomas Müller. Aber am Ende traf nur Özil. Kurz vor Schluss. Per Elfmeter (!). Zum Anschlusstreffer. Zu wenig.

    Das Halbfinal-Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der letzten Fußball-Europameisterschaft jährt sich heute zum vierten Mal. Es war mein letzter Abend in Palermo, ein Abend voller Ironie. Die Deutschen flogen nach Hause, ich flog nach Hause – und die Italiener feierten. Ich habe es ihnen letztlich gegönnt, schon bald nach dem Abpfiff. Weil ich sie lieb gewonnen hatte.

    Vier Jahre sind eine Ewigkeit. Sie kommen mir zumindest so vor. Weil so viel geschehen ist seit der Zeit auf Sizilien. Man übersieht das, was passiert und nicht passiert, dieses große Ganze, ganz gerne einmal, während man damit beschäftigt ist, sich mit den zahllosen Fragmenten des Alltags zu beschäftigen. Aus irgendeiner Ecke fliegt immer eine Blendgranate.

    Ich ging damals nach Palermo, um ihnen für ein paar Monate auszuweichen. Um allein zu sein, um neue Perspektiven zu erlangen, um konzentriert an einem Roman zu erarbeiten. Die Perspektiven haben sich wieder verschoben, die Konzentration war häufig anderswo gefangen, der Roman ist noch immer nicht veröffentlicht. Aber die Erinnerung ist geblieben.

    „Du machst das bald mal wieder“, schwor ich mir damals. Und verschob es doch Jahr für Jahr aufs nächste Jahr. Die Gespräche mit J., die in ihrer Kompromisslosigkeit so erfrischend ist, müssen jüngst etwas getriggert haben. Denn beim Anblick schöner Aufnahmen der Mini-Serie The Night Manager stand kürzlich wie aus dem Nichts fest: Es ist an der Zeit.

    Und so breche ich Ende September auf, nach Lissabon diesmal, für zwei Monate. Ich kenne die Stadt nicht, aber ich kannte auch Palermo nicht. Ich habe noch keine Unterkunft, aber ich hatte auch für Palermo keine, bevor ich dort war. Was mich nach Lissabon zieht, sind die Schwärmereien anderer, das Fernweh und die Sehnsucht nach der Zurückgezogenheit als Schriftsteller.

    Die Einfälle für den neuen Roman sind bisher nur ein zartes Pflänzchen. Aber es wird wachsen, spätestens im portugiesischen Herbst. Und wenn nächsten Samstag Thomas Müller auf Gigi Buffon zustürmen wird, werde ich telepathische Grüße an M. schicken. Damals war das Duell ein Schlusspunkt. Jetzt steigert es die Vorfreude auf den neuen Anfang.

    Foto: mhx – Lisbon Sunset (via flickr, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

    Neun Minuten für die Ewigkeit

    Sonntag, März 27th, 2016

    Leipzig

    Die Nervosität versetzte mich. Ich nahm es ihr nicht übel. Ich hatte nicht auf sie gewartet, hatte sie nur erwartet. Doch als sie nicht aufkreuzte, stellte ich mich in die Reihe der Wartenden und blickte nach vorn. Wartete und blickte noch entschlossener nach vorn. In die Gesichter der Lektorinnen.

    Eigentlich bin ich schon vor diesem Trip zur Buchmesse nach Leipzig reif für die Hängematte gewesen, in der ich diese Ostern baumele. Doch diese Reise, diese Extraschicht zu verpassen, hätte ich mir nicht verziehen. In den Messehallen lauerten Gelegenheiten. Komprimiert auf neun Minuten.

    Der Bundesverband junger Autorinnen und Autoren (BVjA) hatte zum Speeddating mit Verlagen geladen und ich mich kurzerhand entschlossen, meinen Hut namens Tom in den Ring zu werfen. Und – hurra, ein geeignetes Druckmittel! – ihn zu diesem Zweck endlich final zu überarbeiten.

    So saß ich am Tag vor den Dates (gleichzeitig der Tag nach dem verzweifelten Versuch, auf die Schnelle noch einen gelungenen Pitch zu zaubern) im Café Central A. und A. gegenüber, die sich freundlicherweise bereit erklärten, meine Probelektorinnen zu mimen. Inklusive kritisch-konzentrierter Blicke.

    Und so saß ich in der Nacht nach dem Tag vor den Dates auf A.’s Bettsofa und schmiss das Resultat meines verzweifelten Versuchs vom Tag vor dem Tag vor den Dates noch einmal um. Ein paar Stunden später weckte mich die Helligkeit, die durchs Fenster ohne Jalousie winkte.

    Die Nervosität winkte nicht. Dabei könnte man meinen, sie kreisele mit einem Baseballschläger vor der Nase rum, wenn man einen Roman zu verkaufen versucht, in den man mehrere Jahre seines Lebens investiert hat.

    Stattdessen fühlte ich mich selbstgewiss. Weil ich diese Veröffentlichung nicht um jeden Preis brauche. Weil ich zufrieden bin mit den Dingen. Weil mich die Überzeugung trägt, dass es irgendwann klappen wird mit dem Romandebüt.

    Vielleicht war das genau die Lockerheit, die es brauchte.

    Ein volles Leben

    Montag, Februar 29th, 2016

    Bensch Blog Foto

    Da sind diese Menschen, denen Beine, Arme oder das Augenlicht fehlen. Die trotzdem mit Langlaufskiern Anstiege hinaufklettern oder Abfahrten hinunterstürzen, als wäre es nichts. Die zwar einander Konkurrenten sind, sich aber trotzdem nicht mit bissiger Rivalität begegnen, sondern mit Respekt und Herzlichkeit.

    Eine Woche lang Teil des Weltcup-Zirkus im paralympischen Ski Nordisch gewesen zu sein und das deutsche Nordic Paraski Team als Pressesprecher zu begleiten, war wie Urlaub. Ein sehr anstrengender Urlaub, die Tage begannen früh und endeten spät, aber dennoch: Wie Urlaub, weil so wundervoll wohltuend.

    Die Begegnungen dieser Woche in Finsterau im Bayerischen Wald werde ich noch mit mir tragen, wenn der Alltag auch schon mit seinen kalten, feuchten Fingern nach mir greift. Also morgen früh, gleich nach dem Aufwachen. Keine Atempause – es geht voran. Mein Leben ist mal wieder voll.

    Viele Projekte verlangen gerade meine Aufmerksamkeit. Kleine wie das Porträt über die Darts-Legende Rod Harrington, dessen Deadline stündlich näher rückt. Oder große wie die Produktion des Buches Wenn die Milbe auf den Käse kotzt – Die 33 verblüffendsten Museen Deutschlands, das Mitte April erscheint.

    Die schiere Zahl der Projekte wird überraschenderweise nicht weniger, wenn man eine Woche lang durch den Bayerischen Wald krebst. Aber es sind diese großen und kleinen Zwischentöne abseits der großen und kleinen Projekte, die das Leben spannend machen. Voll ja, aber auch erfüllt.

    Was vom Jahre übrig bleibt (Episode IV)

    Donnerstag, Dezember 31st, 2015

    Griechenland

    A. starrte mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Aber sie hatte sich nicht verhört. „Ich habe endlich die ersten vier Absagen von Verlagen bekommen“, hatte ich kurz zuvor zu ihr gesagt. Und ja, ich verstand diese Absagen tatsächlich als frohe Nachricht. Alles ist besser als Stillstand.

    Fast ein Jahr lang habe ich nach der Manuskript-Abgabe gewartet, habe mich mit meiner Ungeduld gebalgt, habe gegrübelt, was ich tun kann oder sollte. Als mir im Dezember meine Agentin von den ersten Reaktionen der Verlage auf meinen aktuellen Roman berichtete, war ich froh.

    Natürlich wäre ich noch froher gewesen, hätten die (durchaus namhaften) Verlage abseits von Lob und Kritik nichts von den allgegenwärtigen eingeschränkten Spielräumen bei Verlagsprogramm und -plätzen geschrieben, aber immerhin schrieben sie etwas.

    Gut ein Dutzend Verlage hat noch nicht geschrieben. Meine Ungeduld werde ich nach 2016 mitnehmen. Dass dies der vor einem Jahr an dieser Stelle geäußerten Erkenntnis widerspricht, die meisten Dinge würden sich am besten entwickeln, „wenn man ihnen die Zeit gibt zu reifen“, ist eine andere Geschichte. Aber was wären wir ohne Widersprüche?

    2015 ist ein literarisches Pausenjahr gewesen. Zu Weihnachten schrieb ich das Märchen über Die gute Schlangenkönigin, ab und zu (etwa im Griechenland-Urlaub) grübelte ich über neue und alte Stoffideen, aber am Ende war ich doch fast ausschließlich in (durchaus spannende) Brotjobdinge involviert.

    Ob sich das 2016 ändern wird? Ich wieder mehr Zeit – und wichtiger: mehr Kraft und Inspiration – haben werde, in fiktionale Welten aufzubrechen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass das Leben zu schade ist, um sich mit Dingen zu beschäftigen, die die Lebensfreude hemmen.

    Und ich bin mir sicher: Das neue Jahr wird, in der Gesamtheit seiner Komponenten. wie das alte – ein Abenteuer.

    Insofern: Auf ein Neues!

    Das Alte, das Neue und das Ewige

    Sonntag, November 29th, 2015

    Treppen

    Die Treppen haben sich nicht verändert. Sind noch genauso wie ’91 bei der ersten Begegnung. Oder wie 2000, nach dem Abi. Und warum sollten sie auch verändern? Es sind schließlich Treppen.

    Mein altes Gymnasium oberhalb der Treppen dagegen verändert sich. Sie bauen es um. Zurzeit sind die Naturwissenschaften dran. Ein ganzer Trakt, versteckt hinter Bauabsperrungen. Für Schüler und Lehrer eine Belastung. Aber was ist das für ein Symbol! Die Schule, ein Ort der Bewegung, der Veränderung.

    Es war irgendwann Ende der 90er, da sah ich den Film Mr. Holland’s Opus mit einem zurecht oscarnominierten Richard Dreyfuss als Musiklehrer einer High School. Holland sieht drei Jahrzehnte lang Schüler kommen und gehen – und bleibt selbst stehen, so zumindest seine Wahrnehmung.

    Ich wollte nie Lehrer werden. Schüler gingen mir schon auf die Nerven, als ich selbst noch einer war. Doch hätte es nicht die Abneigung gegenüber diesen kleinen Biestern gegeben, der Holland-Effekt hätte mich vom Lehramtsstudium abgehalten.

    Immer wieder aufs Neue immer wieder neuen Schülern das immer gleiche einzutrichtern, diese ermüdenden Kämpfe mit ihnen auszutragen, sie groß werden und weiterziehen zu sehen, während man selbst an diesem einen Ort verbleibt – das, glaubte ich damals, wäre mein größter Horror.

    Jedes Jahr am Samstag vor dem ersten Advent ist an meiner alten Schule ein Weihnachtsbazar. Und ich bin jedes Jahr dort. Ich gehe hin, tatsächlich mit klopfendem Herzen, und plaudere mit Lehrern, die mich prägten. Manche werden grauer, andere sehen noch immer so aus wie anno 1992.

    „Ich kann dir gar nix Neues erzählen“, sagte eine von Letzteren – lachend und strahlend – als wir uns an der Kuchentheke trafen. Ich hätte ihr viel erzählen können. Tat es aber nicht. Staunte mehr über meinen Drang, den Kontakt zu einem Lebensabschnitt zu halten, der mir einst konstant schlechte Laune bereitet hatte.

    So sehr mir mein Leben neue Herausforderungen stellt, mich auf neue Pfade und in neue Projekte schickt, so sehr brauche ich wahrscheinlich diesen Anker. Die Erinnerung an die Zeit, an den Ort, an die Schwüre, mit denen der Weg begann.

    Feierabende? Eine Kopfsache

    Samstag, Januar 31st, 2015

    Die Zeit drängte, denn der Redaktionsschluss nahte und das Interview war noch nicht freigegeben. Also schrieb ich J. eine Nachricht. „Hast du meine Mail gesehen?“, fragte ich den Manager, dessen Schützling ich zuvor befragt hatte. „Melde mich gleich“, schrieb er, meldete sich, gab ein paar Änderungen durch, bedankte sich, sagte: „Und jetzt mach Feierabend.“

    Ich musste schlucken, ich musste lachen. „Noch nicht ganz“, presste ich hervor. „Noch lange nicht“ wäre die passendere Antwort gewesen. Ich schob mir schnell 15 Fischstäbchen in den Ofen, loggte mich in den Streaming-Dienst ein, machte Mittagspause gegen 19 Uhr. Zwei Sitcom-Folgen später flog der Teller in die Spüle – und ich zurück an die Arbeit.

    Mir ist aufgefallen: Menschen, die einen 9-to-5-Job haben, wobei die Uhrzeiten austauschbar sind – Menschen also, die feste Arbeitszeiten mit Anfängen und Enden gewohnt sind, fällt es schwer nachzuvollziehen, was ich eigentlich tue. An Tagen wie diesen, wenn ich nachts um 2 im Bett liege und runterzukommen versuche, verstehe ich es selbst nicht mehr genau.

    Mein Kopf ist ein Gemischtwarenladen, die Regale gefüllt mit zahllosen Gedanken. Unerledigtes treibt mich in den Wahnsinn. Dummerweise gibt es da immer Unerledigtes, erst recht, wenn man auf die Idee kommt, sein Brotjobsleben mal wieder völlig auf den Kopf zu stellen, in der vagen Hoffnung, irgendwann einmal mehr Zeit fürs literarische Arbeiten zu haben.

    Gestern Abend, nach dem redaktionellen Feierabend, setzte ich mich auf die Pressetribüne der Ludwigsburger Bundesliga-Basketballer, die im Herbst in dem Magazin gewürdigt werden sollen, dessen Inhalt ich verantworte. Es wurde dramatisch – auf dem Feld. Vor mir auf dem Tisch lag ein zerfledderter Block, den ich mit Plotideen für ein neues, altes Projekt bekritzelte.

    Dieses Projekt, für das zurzeit viel zu wenig Zeit bleibt, steckt in meinem Kopf und kratzt. „Entwickel mich“, flötet, wimmert, flüstert, brüllt es – je nach Stimmungslage. Es ist ein hartes Stück Arbeit, irgendwann tatsächlich Feierabend zu machen.

    Was vom Jahre übrig bleibt (Vol. III)

    Mittwoch, Dezember 31st, 2014

    Teck

    Dick eingepackt saßen R. und ich in den Gemäuern der Burg Teck, aßen Mandarinen und Gouda. Der Nebel zog an unseren Augen vorbei und es regnete. Bald aber klarte es auf – und als wir unseren Abstieg über den Hexenweg gen Bissingen begannen, fragte sie mich, da es Mitte Dezember sei, wie ich das Jahr im Rückblick so empfände.

    Und ich dachte an Weichen, an den Freitag zuvor, an die zurückliegenden drei Wochen, an die E-Mail aus Hamburg, an Veränderungen, an alte und neue Wege, an Hirngespinste, ans Anpacken. Fast ein ganzes Jahr lag hinter mir, voller Eindrücke – positiv wie negativ -, voller Reisen, voller erschöpfter Abende – und alles fokussierte sich auf eine Winzigkeit an Zeit.

    Ich habe das Gefühl, dass – je älter ich werde -, die Zeit immer unwirklicher wird. Man könnte meinen, dass mich das in eine Art Panik versetzt, Dinge, die sich nicht kontrollieren lassen, neigen schließlich dazu, einen zu verunsichern. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Gelassenheit ist mein Schutzraum.

    Die meisten Dinge nämlich entwickeln sich am besten, wenn man ihnen die Zeit gibt, zu reifen.

    Insofern: Auf ein Neues!

    Vol. I (2012)
    Vol. II (2013)

    Foto: CC BY-NC-SA 2.0 eddybox43 / teck castle

    Die Sache mit den Türen

    Mittwoch, April 30th, 2014

    „Wenn sich eine Türe schließt, öffnet sich eine andere.“ Heißt es. Doch irgendwie scheinen gerade alle Schlüssel verlegt zu sein. Oder die Öffnungszeiten haben sich geändert und ich es nicht gemerkt. Geklopft habe ich sehr wohl. Vielleicht war es ein ungünstiger Zeitpunkt. Oder die Menschen auf der anderen Seite hören schlecht. Temporär. Oder grundsätzlich.

    Door

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich immer irgendwo irgendwas ergibt.“ Sagte ich gern. Bis vor kurzem noch. Weil es stimmte. Dann stimmte es plötzlich nicht mehr. Und ich stellte mir die Frage, wie sehr mancher Zuhörer dereinst das Bedürfnis hatte unterdrücken müssen, mir eins in die Fresse zu schlagen, während ich blöd rumweisheitete.

    Einen Monat ist es her, da trottete ich durch Budapest, atmete unbelastete Luft, hatte Zeit zum Nachdenken – und beschloss: Der April, der wird großartig. Arbeitsintensiv und effektiv. Zielstrebig und zukunftsweisend. Jetzt kann ich diesen elenden Ork von einem Monat nicht schnell genug hinter mich bringen. Tanz in den Mai? Mit Vergnügen.

    Am vergangenen Wochenende saß ich mit einer Freundin zusammen, die eine ähnliche Durststrecke erlebt hat, bezeichnenderweise ebenfalls in der Verlagsbranche. Sie saß allerdings in einem anderen Raum mit verschlossenen Türen fest, von der gegenüberliegenden Seite kommend. Eine der Türen, an die sie klopfte, ist ihr nun geöffnet worden. Wenn auch vorerst nur temporär. Einlass ist diesen Freitag.

    „Vielleicht musst du so etwas durchmachen, musst du an Grenzen stoßen, damit du daraus lernst“, sagte sie sinngemäß, bevor wir Italienisch essen und den wundervollen Film Her anschauen gingen, Nahrung für Körper und Geist. Und natürlich hat sie recht. Denn – Zitat aus einem anderen großen Film, Vanilla Sky: „Das Süße ist niemals so süß ohne das Bittere.“

    Ich weiß, dass viele Tausende diese Erfahrung mit den verschlossenen Türen machen, zumal unter jenen, die ihre Träume unter dem Himmel aufhängen. Die sich auf dieses Spiel mit dem Klopfen einlassen und nur den dumpfen Hall einer Stimme hören, die sagt: „Wir melden uns. Vielleicht. Und wenn wir uns nicht melden, ist das auch eine Meldung.“

    In solchen Momenten hilft nur eines: Irgendwann eben an die nächste Türe gehen. Wieder klopfen – und zwar bloß nicht zaghaft. Denn das Trost spendende an der Sache mit den Türen ist doch, dass sich immer wieder eine neue findet. Zum Jahresende 2013 schrieb ich noch über das Warten auf den Silberstreif. Es hat sich seitdem wenig geändert. Na und?

    Du magst es als Durchhalteparole belächeln, aber ich halte mich an den Fußball-Philosophen Oliver Kahn: „Niemals aufgeben. Immer weitermachen. Immer weiter, immer weiter„, hat der einmal gesagt, nachdem jemand es wagen wollte, ihm eine Türe vor der Nase zuzuschlagen.

    Was man daraus lernen kann: Wenn du hart genug arbeitest, siehst du irgendwann auch das Licht durch einen Türspalt. Dann brauchst du nur noch einen schnellen Fuß.

    Foto: CC BY-NC-SA 2.0 KaddlSudhl / Mystery behind the door

    Der alte Mann und die Suppe

    Dienstag, Januar 21st, 2014

    Ich war auf der Flucht vor meiner Putzfrau und meinem knurrenden Magen. Der alte Mann betrat das Lokal Sekunden nach mir und ging direkt auf die Theke zu. Er bat um eine Tomatensuppe – und weil der Wirt ihn fragte, ob’s auch was zu trinken sein dürfe, erkundigte sich der Alte nach der Auswahl an Schnäpsen. Und dann, dann kam er auf mich zugestolpert.

    „Bitte nicht“, flehte ich flüsternd und reflexartig, kehrte in Gedanken zurück zu der noch sehr jungen letzten Erfahrung mit einem einsamen Kerl auf der Suche nach Zerstreuung. Ich selbst wollte allein sein, ich wollte in Ruhe ein Schnitzel essen, vielleicht mein Buch weiterlesen. Ich wollte keine Gespräche führen, nicht mal Monologen lauschen.

    „Darf ich mich setzen?“, fragte der Alte und ich nickte, mir ein freundliches Lächeln abringend. „Haben Sie gerne Spaß?“. war seine nächste Frage und wieder flehte ich. „Lassen Sie uns ein Spiel spielen. Ich stelle Ihnen eine einfache Frage. Die Antwort ist auch einfach, aber Sie müssen schnell antworten. Haben Sie verstanden?“

    Durch meinen Kopf schossen die wildesten Befürchtungen. Keine davon hatte eine Berechtigung. Ich beantwortete die Frage richtig. Und die blitzschnell darauffolgende auch. Ich hatte gewonnen. Mein Preis: sein Lächeln. Und dann, dann begann er zu erzählen.

    Erzählte von seiner Frau, die er geheiratet habe, als er 18 war. Das war 1950. Erzählte kurz von den Kindern, die alle aus dem Haus seien. Erzählte von dem Loch im Magen, mit dem seine Frau im Krankenhaus um die Ecke liege. Erzählte davon, was für eine wunderbare Köchin sie doch gewesen sei. „Aber ich kann ja heute nicht mehr so viel essen wie früher.“

    Der alte Mann lachte über einen eigenen Spruch, mehrfach. „Ganz schlecht“, sei der Schnaps gewesen. „Weil er so schnell weg war. Ganz schlecht.“ Der alte Mann lobte die Suppe, mehrfach. „Weil die immer noch heiß ist.“ Der alte Mann berichtete, wie ihn seine Frau zum Schweigen bringt, mehrfach. „Wenn ich nicht ruhig bin, kocht sie nicht mehr.“

    Ich saß daneben und mimte den höflichen Tischnachbarn. Doch das Flehen in meinem Kopf verhallte nicht. „Erzählen Sie mir etwas aus Ihrem Leben. Ich glaube Ihnen alles“, sagte der Alte irgendwann. Mir fiel nichts ein.

    Irgendwann fragte ich mich, wogegen ich mich eigentlich sträubte. Woher dieses Misstrauen kam, dass ich dem Fremden entgegenbrachte. Warum ich ihm nicht einfach freundlich begegnen konnte, mit Interesse und Menschlichkeit. Wogegen ich mich abschottete. Ich ließ alles geschehen. Danach ging es mir besser.

    Als der Alte seinen Hut nahm, um zu gehen, schüttelte er mir die Hand, mehrfach. „Vielleicht begegnen wir uns ja mal wieder“, sagte er. Ich blieb zurück in der Ruhe. Und hatte Gelegenheit, nachzudenken.

    Was vom Jahre übrig bleibt (2013 Ed.)

    Montag, Dezember 30th, 2013

    „Dein Buch ist gut, vielleicht sehr gut“, schreibt die erste Testleserin und führt in zwei tief gehenden E-Mails auf, was sie an meinem aktuellen Roman gefesselt und beschäftigt hat, welche Fragen er für sie aufwirft, aber auch, wo sie Nacharbeitungsbedarf sieht. Ihr Fazit streichelt meine Seele, ihre Hinweise motivieren mich.

    Sie ist nur die erste von sieben, auf deren Meinungen ich warte, mit einer Mischung aus Vorfreude, Ungeduld und Furcht. Dieser Roman, der ein Jahresprojekt war, wird mich ins neue Jahr begleiten, weil ich mir dessen bewusst bin, dass ich ihn noch einmal werde überarbeiten müssen, bevor er in die Welt geht, auf die Suche.

    Insofern bilden diese Tage – oder dieser eine, der morgen, der ganz plötzlich gekommen ist – anders als 2012 keinen richtigen Abschluss, keinen Schnitt, sondern höchstens einen sanften Übergang. Vieles, was ich in diesem Jahr angegangen bin, ließ sich nicht realisieren. 2014 wird es neue Anläufe geben, neue Herausforderungen.

    Zu scheitern aber war schon immer ein Teil des Weges. Ist es bei jedem Schriftsteller, der mit etwas Glück und viel Können irgendwann aus der Versenkung steigt. Ich baue nicht darauf, dass das bei mir 2014 der Fall sein wird. Das Geschäft verlangt Sitzfleisch. Schön wäre ein Silberstreif, aber auch ohne: ich schreibe weiter.

    Etwa an der zur Veröffentlichung vorgesehenen Erzählung, das zweite Projekt, das mich ins neue Jahr begleitet. Auch diese Kurzgeschichte verlangt noch ein paar Gedanken, einige Feinschnitte, einen konzentrierten Schliff. Ich habe die erste Januarwoche dafür ins Auge gefasst.

    Insofern: auf ein Neues!

    Die Zeit, die Zeit und die Listen

    Samstag, März 30th, 2013

    Ich weiß nicht genau, wann das anfing mit den To-do-Listen. Die älteste, die in meinen Computer-Archiven lagert – aus irgendwelchen nostalgischen Gründen – ist fast auf den Tag genau zehn Jahre alt. Sie umfasst 39 Punkte, auf ihr stehen Namen von Menschen, die mich längst verlassen haben und zeitlose Dinge wie Steuererklärung, VG Wort und Falschparken.

    Vor ein paar Jahren gewöhnte ich mir an, einen digitalen Kalender zu führen, integriert in ein Word-Dokument. Meine To-do-Liste ist beweglich geworden – und unsterblich, denn die Aufgaben wandern tageweise weiter, wenn sie unerledigt bleiben. Einige von ihnen bleiben monatelang unerledigt.

    Es betrifft nicht nur die Filme, die ich sehen oder die Bücher, die ich lesen will – darunter auch den jüngsten Roman von Martin Suter, der noch nicht mal in meinem vollgequetschten Regal der ungelesenen Bücher steht. Die Entsorgung eines unbrauchbaren Eimers Farbe vom Einzug stand schon 2011 im Kalender. Sie leidet unter seiner niedrigen Priorität.

    Eigentlich ist das Jammern über die verlorene Zeit genauso albern wie jenes über das Wetter, wenn nicht sogar ein Stückchen alberner. Denn gerade der freie Mensch sollte sich als Herr seiner Zeit nicht oder zumindest so wenig wie möglich versklaven lassen von Pflichten und Zwängen.

    Und doch sehe ich getriezt von Erschöpfung die Zeit traurig dahinrinnen, ohne sie zu greifen zu bekommen. Weil mich meine Projekte im doppelten Sinne fesseln, mich gleichermaßen faszinieren und gefangen nehmen. Eigentlich wollte ich längst den neuen Roman entwickelt haben.

    Eigentlich müsste ich zurück nach „Palermo“.

    Wege nach und aus Frankfurt

    Samstag, Oktober 13th, 2012

    Von all den Erkenntnissen, die mich meine Studienzeit gelehrt haben, ist eine am hartnäckigsten haften geblieben: dem Glück jagt man am effektivsten hinterher, wenn man einen kleinen Schritt vor den nächsten setzt. In den vergangenen eineinhalb Jahren hat sie sich mit dem mehrfach betonten Glauben vermählt, dass der Weg beim Gehen entsteht.

    Nicht zu wissen, wohin dieser Weg führt, ist eine unmittelbare Konsequenz, die mich nicht im Mindesten beunruhigt oder stört. Ich habe den permanenten Dunst vor meinen Augen akzeptiert, das Vorantasten von einer Nebelbank in die nächste, den gelegentlichen Aufprall auf verschlossene Türen. Weil die Erfahrung zeigt, dass sich irgendwo in der Nähe eine offene findet.

    Die Frankfurter Buchmesse zu besuchen war eine jener Entscheidungen in die Ungewissheit hinein. Was ich wollte war, meiner Nachfolgerin, der Gewinnerin von You want to read in Frankfurt 2012, Ursula Kirchenmayer, zuzuhören und zu gratulieren. Was ich hoffte war, vor oder hinter den Ständen mit dem einen oder anderen jungen (oder auch älteren) Verlagsmenschen ins Gespräch zu kommen.

    Man hatte im Vorfeld meine Erwartungen gedämpft. Als unveröffentlichter Autor auf die Buchmesse zu gehen? Kann man vergessen! Verleger und Lektoren hätten viel zu viele Termine, um sich auch noch mit den Unverlangten zu beschäftigen. Es gibt Kollegen mit Doppelleben die behaupten, es hinge alles davon ab, ob man sich als Journalist oder Autor vorstelle.

    Doch die Journalistenkarte wollte und musste ich nicht ausspielen. Es haben sich auch so Gespräche ergeben. Gespräche und Kontakte über bereits bestehende. Zaghafte Kontakte nur, aber das ist nicht nur system-, sondern auch theorieimmanent. Entscheidend ist: der Weg ist ein Stück weiter entstanden, ich bin ein Schrittchen vorangekommen.

    In welche Richtung? Das weiß ich nach dem nächsten Schritt. Oder dem übernächsten.

    Mein Minikochbuch

    Samstag, Oktober 6th, 2012

    Liebe Leser, die ihr mich persönlich kennt. Jetzt nicht erschrecken: Ich sattle nicht um, habe nicht völlig die Nerven verloren, die Belletristik in die Tonne getreten. Werde nicht zum Jamie Oliver oder Tim Mälzer. Deswegen ist das Foto da unten auch ganz unschuldig. Es ist eine Ausnahme. Es ist ein Geschenk. Zur Hochzeit von I. und M.

    Just in diesem Moment, in dem dieser Artikel erscheint (es lebe die Planungsmöglichkeit) beginnt im schönen Schwarzwald eine Trauung. Und weil Hochzeitsmanagerin C. die wundervolle Idee hatte, das Paar mit einem Rezeptbuch zu erfreuen, habe ich zur Bratpfanne gegriffen.

    Liebe Leser, die ihr mich nicht persönlich kennt. Ihr müsst wissen, dass ich nicht der geborene Koch bin, auch nicht der geborene Feinschmecker. Aber wenn es darum geht, Scaloppine Milanese zuzubereiten, weiß ich was ich tue. Gut, das behaupten Dutzende andere auch – jeder mit einem anderen Weg -, aber mir schmeckt meiner.

    Man tue also folgendes: zwei (oder auch mehr, je nach Hunger und Mitesser) dünn geschnittene Kalbsschnitzel kaufen, dazu Mozzarella, (Kirsch-)Tomaten und passierte ebensolche sowie Pasta, am besten Spaghetti oder Linguine. Olivenöl steht hoffentlich schon daheim, genau wie unverzichtbare Gewürze: Salz, Pfeffer, Oregano.

    Mengen- und Zeitangaben sind zu vernachlässigen, ich koche nach Gefühl. Olivenöl in die Pfanne und die Schnitzel natur mehrfach wenden, bis sie gut gebraten sind. Das merkt man in der Regel. Dann einige gehälftete Kirschtomaten und die Mozzarella auf dem Fleisch verteilen, mit den passierten Tomaten ablöschen, würzen und den Deckel drauf.

    Während das Fleisch köchelt die Pasta ins kochende Wasser auf der Platte daneben werfen. Ein paar Scheiben Brot schneiden (zum Austunken der Soße) und CD-Player bzw. Media Player vorbereiten. Mein Vorschlag: Andrea Bocelli. Und dann: willkommen in Italien. Buon Appetito.

    Liebe I. und lieber M.: Möge eure Liebe auf ewig nicht nur durch den Magen gehen.

    Tourist in der eigenen Stadt

    Montag, August 20th, 2012

    Mitte und Ende der Achtziger, als ich noch klein war und meine Großmutter lebte, besuchten wir ab und an ihre Schwester. Wir liefen Stuttgarts Kessel ein Stück runter und kletterten einige Stäffele wieder hinauf. Auf dem Weg fischte meine Oma in ihrer Strickjacke nach Bonbons, bis wir angekommen waren – am Fuße der Karlshöhe.

    Dort lebte meine Großtante in einem Pflegeheim – erst in der Sektion für die Fitten, die Selbstständigen, später dann in jener, aus der nicht nur der Geruch einen unter Zehnjährigen schnell wieder vertrieb. Ins Grüne, auf die benachbarte Anhöhe – eine von wundervoll vielen in der Heimatstadt – gingen wir nicht mehr. Die Geschwister waren zu gebrechlich geworden.

    Auf Sizilien kam es häufig vor, dass ich aus dem Haus getreten und losgelaufen bin, meistens hinunter Richtung Meer, Richtung Foro Italico, manchmal auch weiter, quer durch die engen Gassen Palermos. Ich habe mir vorgenommen, das auch in Stuttgart wieder zu tun. Mir die Zeit zu nehmen und loszulaufen. Vergangene Woche lief ich auf die Karlshöhe.

    Ich lief erst ein wenig herum, suchte nach Erinnerungen, blickte dann in die Ferne und lehnte mich an einen Baum. Kramte die Kurzgeschichte aus meinem Rücksack hervor, die überarbeitet werden wollte. Ich brauchte lange, weil ich mich oft ablenken ließ von der Sonne und den Menschen um mich herum, aber ich hatte Zeit.

    Es ist ein Luxus, den ich mir viel häufiger leisten möchte: sich als Tourist in der eigenen Stadt zu fühlen.

    Das ABC der Planenden

    Mittwoch, August 1st, 2012

    D. ließ mich reden. Lauschte meinen sizilianischen Berichten. Lächelte mal. Oder nickte. Streute hin und wieder einen seiner gefürchteten Zwischenrufe ein. Hörte sich aber alles an. Und wollte am Ende nur wissen, wie ich mir die nahe Zukunft vorstelle. Ich zuckte mit den Achseln. Und sagte: „Ich lasse alles auf mich zukommen.“

    Ich ernte, gerade bei Älteren, Stirnrunzeln für solch eine Äußerung. Bei manchen sammle ich Respekt, aber das ist die Minderheit. Die Mehrheit verfolgt mich mit ihren Fragen: „Und? Wie geht’s weiter? Fängst du jetzt wieder bei der Zeitung an?“ Die Mehrheit schüttelt den Kopf über meine Antwort.

    Ja, mein journalistisches Ich hat inzwischen die eine oder andere Kinokritik geschrieben, auch eine Reportage zum Ferienbeginn und ein Portrait über den Trainer des Olympiateilnehmers Frank Stäbler. Aber mein journalistisches Ich ist für dieses Jahr in den Hintergrund getreten.

    Und obwohl meine Ersparnisse beharrlich schmelzen – erst recht, seitdem ich Palermo verlassen habe -, obwohl die ersten Nackenschläge angekommen sind und an mir knabbern: daran wird sich nichts ändern. 2012 ist noch nicht vorbei. Und momentan habe ich einen Roman zu überarbeiten.

    Freilich: totale Schwerelosigkeit existiert auf Erden nicht. Irgendwann wird irgendwie wieder Geld reinkommen müssen. Im Stillen feile ich seit Wochen an einem Plan – man könnte ihm den Buchstaben b geben. „Du brauchst keinen Plan B, du brauchst einen Plan A“, hat D. dazu gesagt. Und ich habe versucht es wegzulächeln.

    Es ist – unter normalen Bedingungen – nicht planbar, als Schriftsteller Geld zu verdienen, geschweige denn genug Geld. Es ist nicht realistisch. Für neunundneunzigkommanochwas Prozent derer, die Schreiben, weil sie davon leben wollen, ist es im besten Falle ein Hobby mit Zubrot.

    Ich weiß das. Trotzdem berühre ich das Pläneschmiedeeisen nur mit Widerwillen. Versuche einen Mittelweg zu finden. Schwanke vor ärgerlicher Inkonsequenz. Klammere mich an die Überzeugung, dass es immer einen Weg gibt, auch kurzfristig. Ärgere mich über Zwänge.

    Das Leben könnte so einfach sein. Ist es aber nicht. Oder doch?

    Gepflastert mit Schrott

    Samstag, April 14th, 2012

    Los ging es Dienstagnacht, etwa um zwei. Da lag ich im Bett und suchte nach einer Idee für eine Kurzgeschichte „von oben“, als Beitrag für den Wortlaut 2012 des österreichischen Senders fm4. Als die Idee dann kam, drehte ich mich um, knipste die Nachttischlampe an und schrieb bis halb fünf.

    Drei Nächte später, gestern, verabschiedete sich Der Freund und die Not (Arbeitstitel) ins Postfach meiner Testleserin. Es ist so schnell gegangen, weil ich mich von der Grundidee einer alten Geschichte habe inspirieren lassen. Sie ist zwei Jahre alt. Eine Ewigkeit also.

    Ich erinnerte mich, wie ich sie damals im Sommer 2009 schrieb, ganz begeistert von ihr war und grob beleidigt, als sie bei einem Wettbewerb durchfiel. Als ich sie am Dienstag erneut las, war ich entsetzt. Und fasziniert, im selben Moment. Es ist erstaunlich, wie mangelhaft die Geschichte in Wirklichkeit war, voller zweifelhafter Bilder und banaler Beschreibungen.

    Und so ziehe ich eine mutmachende Erkenntnis: möglicherweise werde ich als Schriftsteller nie wirklich gut sein, aber immer besser. Mein Weg entsteht beim Gehen. Und mag er auch gepflastert mit Schrott sein, ich strebe der Allee entgegen.

    Das letzte Kapitel

    Sonntag, April 1st, 2012

    „Fa caldo“, sagte N. – ganz schön heiß da draußen. Ich schaute zum Fenster raus, sah nur die bekannten Wohnhausmauern, zuckte mit den Schultern. Wir trafen uns um 16.30 Uhr für eine kleine Tour – und als ich zur Wohnungstür heraustrat wusste ich, was er gemeint hatte.

    Als ich am 1. März nach Palermo flog, hatte ich mir in den Kopf gesetzt, zunächst und vor allem meinen Roman zu schreiben, in Ruhe und in Freiheit. Im Schnitt drei Seiten täglich, 21 in der Woche, das war mein Ziel. Viereinhalb Wochen und 180 Seiten später – im Schnitt fast doppelt so viel wie geplant – stehe ich vor dem letzten Kapitel.

    Ich hätte im März mehr rausgehen können, mehr Menschen kennenlernen, mehr Orte bereisen, mehr Italienisch sprechen, mehr Beobachten und Lernen. Ich habe hauptsächlich gearbeitet, mir immer wieder einen Schuss Inspiration geholt, wenn ich sie gebraucht habe. Ich wollte erst schreiben, den Rückenwind nutzen. Und wenn ich dazu die meiste Zeit in einem abgedunkelten Hinterhofzimmerchen verbringen musste.

    Spätestens Ende nächster Woche vollziehe ich den Perspektivenwechsel. Das Leben mit Tom ist natürlich noch längst nicht beendet – nur der erste Entwurf steht vor dem Abschluss. Es muss noch viel gefeilt, viel geschliffen werden. Aber das hat Zeit. Das braucht Abstand.

    Ich biege bei meinem Schreibmarathon auf die Zielgerade ein. Und freue mich auf kühle Getränke dahinter. Fa caldo.

    Der Horizont kommt näher

    Donnerstag, Februar 16th, 2012

    Der Anruf platzte mittenrein in meine zurzeit ohnehin holprigen Versuche, meine italienische Sprachkompetenz aufzupeppen. Danach war an Lernen nicht mehr zu denken. Der Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg (kurz: FdS) hat meinen Antrag auf ein Arbeitsstipendium genehmigt und unterstützt mich in den kommenden vier Monaten in Palermo.

    Das ist nicht nur aus finanziellen Gründen eine Erleichterung. Es ist auch ein weiterer Mutmacher. Denn maßgeblich für die Frage, ob jemand beim FdS als förderungswürdig gilt, ist allein die Arbeitsprobe, die er anonym einreicht. Mit ihr allein befassen sich die Jurymitglieder, die Vita spielt keine Rolle.

    Das Leben mit Tom hat damit, nach der Auszeichnung durch die Jungen Verlagsmenschen im vergangenen Oktober, ein weiteres Mal Anerkennung gefunden. Ich habe gelernt in kleinen Schritten zu denken. Nun finde ich mich ein Stück weiter als vorgestern. Oder als Montag. Die Lesung in der Stadtbibliothek ist auf positive Resonanz gestoßen. Dem Publikum schien es genauso viel Spaß gemacht zu haben wie den Künstlern.

    Einige Zuschauerreaktionen wird man in der März-Ausgabe des Lift-Stadtmagazins lesen. Die Stuttgarter Nachrichten blicken schon heute zurück (links unten: „Dichten, singen, reisen“) StN-Volontär Christian Ignatzi hatte sein kurzes Interview eigentlich für den Dienstag angekündigt, wurde dann aber krank. Unser Gespräch verschob sich dadurch ein wenig – auf nach den Anruf des FdS.

    Nacht mit Morgen

    Donnerstag, Januar 5th, 2012

    Den ersten Weckruf um 6.30 Uhr kämpfte der Autopilot nieder, beim zweiten war es eine halbe Stunde später und ich ehrlich entsetzt. Die Dusche danach war ein Tropfen auf dem heißen Stein. In der Nässe der Finsternis kündigte Orkan Andrea ihren Besuch an. An der Stadtbahnhaltestelle saß neben mir eine Frau. Sie las in dem Buch Es kommt nicht darauf an, wer Du bist, sondern wer Du sein willst. Ich war in dem Moment ein wandelnder Zombie auf dem Weg zum Arzt, ich wäre gerne ein Schlafender gewesen.

    Noch vor einem Monat hatte ich über die Nächte ohne Morgen spekuliert, die ich erleben würde, sobald ich mich meines halbwegs geregelten Tagesablaufs entledigt hatte. Am Montag erhielt ich ein nachträgliches Abschiedsgeschenks von M. aus der Redaktion. „Frauen und ihre Autoren“ heißt der Text. Er handelt vom Alltag der Gattin, die ihren angetrauten Schriftsteller morgens am Schreibtisch findet, verloren in einer zeitlosen Welt der Ideen, getrieben vom Drang, diesen einen Gedanken niederzuschreiben, der ihm in der Nacht begegnet war. Ihn festzuhalten, bevor er entwischt. Und den nächsten, weil der sich wie selbstverständlich aus dem ersten ergibt.

    Ich habe mich gestern Nacht nicht an den Schreibtisch gesetzt. Ich habe mir den Schreibtisch ins Bett geholt. Weil mir diese eine Idee gekommen war und durch meinen Kopf rannte wie ein lärmendes Balg. Ich musste sie verfolgen. Der Preis für die Zähmung war das morgendliche Zombiedasein. Beim nächsten Mal bleibe ich liegen.

    Und es wird nächste Male geben. Schließlich bin ich frei.

    Die Entdeckung der Langsamkeit

    Samstag, Dezember 31st, 2011

    Es gibt Tage, Wochen, Monate, in denen die Zeit rast. Man will sich dann umdrehen und staunen, weil man nicht fassen kann, was da eben geschehen ist, aber man darf nicht. Weil das nächste Unfassbare bereits vor einem steht, weil man sich ihm stellen muss. Im Angesicht des Neuen verfällt das eben noch Große zu Vergangenheitsstaub, ohne dass auch nur halbwegs die Chance bestand, es zu verarbeiten.

    Im Globalen wie im Lokalen kam mir das heute endende Jahr unvergleichlich reich an Eindrücken vor, guten wie schlechten. Möglicherweise täuscht die Perspektive, neigt man doch häufig dazu, das Spürbarste zu überhöhen. Doch am Ende siegt ohnehin das Gefühl.

    Die rührenden Worte, Begegnungen und Geschenke, mit denen gestern für mich eine Ära bei der Zeitung endete, haben mich gepackt. Nun sitze ich in einer Wohnung, in der sich Reste des Jahres türmen. Ich werde sie morgen aufräumen – und mir die Zeit nehmen, über sie nachzudenken. Weil mein Entschluss auch und vor allem ein Abschied von Zwängen ist, die einen vor sich hertreiben. Weil er die Entdeckung einer neuen Langsamkeit ermöglicht. Einer, in der ich mir die Zeit nehmen will zu versuchen, die Zeit zu verstehen.

    In dem Artikel, der gestern in der Innenstadt-Beilage von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten über mich erschienen ist, schreibt Holger Gayer von Anfängen und Enden. Wir haben uns im Interview lange über Symbole und Metaphern unterhalten. Für mich ist dieses Silvester, sind diese vergangenen Tage, ein einziges Symbol. 2012 wird anders.

    Nächte ohne Morgen

    Donnerstag, Dezember 1st, 2011

    Die Fragen mehren sich. „Haben Sie schon gepackt?“, wollen die einen wissen. Ob ich schon eine Wohnung in Palermo habe die anderen. Wann es denn nun los gehe. Wie ich mir alles vorstelle. Auf den Tag drei Monate bevor ich in ein Flugzeug nach Sizilien steige  – mit einem Gepäck, das die Obergrenze für das Gewicht ausreizen wird – antworte ich den Neugierigen mit einem Lächeln, einem Augenzwinkern, einem Hochziehen der Brauen. Oder, ganz häufig: mit einem Nein.

    Einem Nein, weil ich nicht weiß, wie es sein wird. Weil ich nicht weiß, was sein wird. Oder wo oder wann. Ich weiß nur, dass ich mich auf das Ungewisse freue. Ich freue mich darauf, um 23 Uhr nach Hause zu kommen und nicht ans Morgen zu denken. Anfangen zu schreiben und erst aufzuhören, wenn der Fluss in mir ausgetrocknet ist.

    In diesen Herbsttagen, in denen ich Anlauf nehme für den Schlussspurt bei der Zeitung, beobachte ich den Alltag mit hinter dem Kopf verschränkten Armen. Ich muss ein wenig aufpassen, damit nicht anzuecken. Bei der Wahl zwischen Freiheit und Sicherheit werde ich immer ersteres ankreuzen.

    Und irgendwann im Januar werde ich morgens aufstehen und nicht in die Redaktion fahren, sondern an den Mailänder Platz, zum Rendezvous mit der Inspiration. Und um mit dem Ort der Lesung am 13. Februar warm zu werden.

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    Das Ende ist mein Anfang

    Freitag, November 11th, 2011

    Publizierende, das lehrt uns 2011, sollten sich besser selbst auf die Finger klopfen, bevor sie Zitate anderer verwenden, ohne dies zu kennzeichnen. Deshalb zur Klarstellung: dieser Text hat wenig mit dem wundervollen Buch von Tiziano Terzani sowie dem nur unwesentlich weniger wundervollen Film mit Bruno Ganz zu tun. Aber ein bisschen was schon.

    In der heute erschienenen Ausgabe der Innenstadt-Beilage von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten habe ich über eine Meldung aus einem spontanen Einfall (und dem Zwang der einzeiligen Überschrift) heraus Das Ende naht geschrieben. Die Kollegen haben gelacht, zumindest geschmunzelt. Es ging um die letzten Vorstellungen zweier Theaterstücke am renommierten Schauspielhaus.

    In der Redaktion der Stuttgarter Zeitung stehen bedeutsame Veränderungen an. Von Montag an wird die lokale Berichterstattung deutlich ausgebaut. In einer Zeit, in der globale Informationen überall sofort verfügbar sind, muss sich ein auf Papier gedrucktes Medium eben um die Neuigkeiten bemühen, die Spiegel, Bild oder Facebook nicht haben: um die Mikrokosmen. Diese Veränderungen, die ein kleines feines Team in den vergangenen eineinhalb Jahren maßgeblich angestoßen hat, werde ich noch ein wenig begleiten. Doch auch mein Ende naht. Und damit auch mein Anfang.

    Am gestrigen Donnerstag rief mich zwischendurch ganz kurz Alexander Tuschinski an, ein autodidaktischer Stuttgarter Filmemacher und Allroundkreativer, der es in diesem Jahr in der Independent-Filmwelt der USA zu einer beachtlichen Anerkennung gebracht hat. Für den 15. Februar 2012 plant er eine Veranstaltung dreier junger Nachwuchsautoren im hiesigen Literaturhaus. Ich bin einer davon.

    Und es ist bezeichnend, dass ich am Abend, an dem wir die letzte Innenstadt-Ausgabe im alten Zeitalter produziert haben, die Eintrittskarte zu meiner Veranstaltung auf der BuchBasel (siehe Samstag) in meinem Briefkasten fand. Das Ende naht. Der Anfang auch.

    Von Lastern und der Schaffenskraft

    Samstag, Oktober 1st, 2011

    Der Koben der einfachen Antworten in der Lokalredaktion der Stuttgarter Zeitung ist eine kleine Welt für sich. Und immer wieder kommt es vor, dass Kollegen diese dem Tode geweihte Welt entern, wenn ihnen etwas auf dem Herzen liegt oder sie das Bedürfnis nach ein wenig Wärme haben. Sie kommen dann an meinem Tisch vorbei, notgedrungen, denn dieser ist der Tür am nächsten. Und nehmen die Bücher in die Hand, die da liegen, die Straßenbahnlektüren. Runzeln die Stirn, schweigen dezent oder – wie zuletzt häufig – lächeln.

    Die gleiche Reaktion, ein Lächeln, sah ich im Gesicht der Buchhändlerin. Neulich, als ich wieder einmal Lust hatte, Geld für etwas Wertvolles auszugeben und sieben Romane mit nach Hause nahm. „Eine schöne Auswahl“, sagte sie. Eines der Bücher muss für sie eine besondere Bedeutung haben: 2666 von Roberto Bolaño, ein mehr als 1000 Seiten starkes Werk. „Da haben Sie sich etwas vorgenommen“, sagte die Buchhändlerin. Und sprach damit nicht nur die Länge an, sondern Bolaños Schaffenskraft, die auf den Leser ausstrahlt.

    Ich bin noch nicht sonderlich weit gekommen im Vermächtnis des Autors, der 2003 in Barcelona starb, im Alter von gerade einmal 50 Jahren. Aber ich versuche mich täglich etwas weiter hineinzutasten, fasziniert von der Geschichte des Chilenen, der an den Folgen seines Lebens starb. Dem Legastheniker, der in Mexiko City zum avantgardistischen Rebellen wurde, den Pinochet daran hinderte, im Drogenrausch unterzugehen, der bei seiner Rückkehr nach Chile im Gefängnis landete statt auf dem Schlachtfeld gegen den Diktatoren. Der in Spanien erst Tellerwäscher und Campingwächter werden musste, bevor er Schriftsteller sein durfte. Und der dann fünf Jahre später starb, weil kein Lebertransplantat zur Verfügung stand.

    Seine Geschichte hat mich an Verdammt sind sie alle erinnert, den Film aus dem Jahr 1958 mit Frank Sinatra in der Hauptrolle als desillusionierter und liebeskranker Ex-Soldat und Schriftsteller Dave, für den die literaturvernarrte Lehrerin Gwen Segen und Fluch wird. In einer der Schlüsselszenen tadelt Gwen ihre moralisierenden Schüler und spricht über den besonderen Umgang mit zartbesaiteten Kreativen. Deren Eitelkeiten und Sünden – Vielweiberei, Alkohol und Ausflüge in andere Abgründe – müsse man tolerieren. Weil sie nur ein Ventil sind für das Übermaß an Gefühl, das in ihnen steckt.

    Ein Schuss Verrücktheit, ein Schuss Extravaganz hat wohl noch keinem geschadet, der angetreten ist, um etwas Bleibendes zu schaffen. Man sieht, man liest, man hört das nicht nur in der Literatur. Verdammt schade nur, wie tragisch früh solche Geschichten häufig enden. . .