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  • Archive for the ‘Palermo’ Category

    Der lange Atem der Verbundenheit

    Mittwoch, Juli 15th, 2015

    Cefalu

    Ich weiß noch, wie ich V. das erste Mal sah. Sofort eingeschüchtert, stand ich vor ihr und hielt mich an einem schüchternen Lächeln fest. Fast dreieinhalb Jahre ist das jetzt her. Nun ist V. Teil einer Geschichte. Ihre Augen empfangen den Leser am Einstieg einer Reportage über das Reiseziel Palermo.

    Palermo also, wieder Palermo. Immer noch Palermo. Ich habe eine Weile gegrübelt. Es hätte auch Norwegen sein können. Oder Ungarn. Slowenien. Vorarlberg. Andere Teile Italiens. Die Reisen liegen näher in der Vergangenheit, die Eindrücke sind frischer. Doch nein, für diesen Wettbewerb musste es Palermo sein.

    Also wartete ich auf Inspiration. Fand sie in Waldsee. Fing an zu schreiben. Zunächst noch ohne V.s Auftritt. Berauschte mich an einem stilistischen Einfall, mit dem mich Paul Auster gefesselt hatte und den ich übernahm. Schrieb und erinnerte. Schrieb und lächelte. Schrieb und träumte.

    A., die Reisereportagen-Expertin, war semibegeistert vom Text. Ihr war er zu literarisch, zu individuell. Ich dachte darüber nach. Musste ihr recht geben. Konnte mich trotzdem nicht trennen. Schmiedete Pläne, aus dem Fragment etwas Neues zu schaffen, eine Erzählung, einen Romaneinstieg vielleicht sogar. Scheiterte.

    Legte die Version also erst einmal weg. Widmete mich wieder der eigentlichen Aufgabe einer Reportage. Begrub den eigenwilligen Stil. Baute V. ein und schrieb erneut. Lächelte erneut. Träumte erneut. Kehrte zurück in die Stadt, die nur versteht, wer  . . .

    Es kommt vor, dass ich mich in den Ordner mit den Fotos klicke. Jenes da oben aus Cefalù, wo ich einst die Stille suchte und sie auf wunderbare Weise fand, gehört zu meinen Lieblingen.Im Schreiben erfuhr ich aufs Neue: Palermo lässt mich nicht los. Die Insel lockt noch immer.

    Ich sollte mal wieder zurückkehren. So tatsächlich.

    Das Staunen der Lärmgeplagten

    Sonntag, Juni 17th, 2012

    Seitdem ich mit dem Schreiben aufgehört und dem Entspannen angefangen habe, stand ein Besuch in Erice auf der Liste der Dinge, die ich in Sizilien vor meinem Abflug noch tun wollte. In Reiseführen wird das Bergidyll hoch über den Dächern von Trapani mit der autofreien Altstadt angepriesen. Zurecht.

    Wenn ich in den vergangenen Wochen Sizilianern erzählt habe, dass ich nach Palermo gekommen bin, weil ich Ruhe zum Schreiben gesucht habe, erntete ich heftige Reaktionen: meistens kräftige Lachanfälle und Blicke, in denen Zweifel an meinem Verstand oder meiner Sprachkompetenz steckten.

    Die Ex-Kollegin A., die in ihrem Urlaub die Insel kennengelernt hat, schrieb mir vor einigen Tagen, auch ihr habe Palermo gut gefallen. Aber zum Entspannen sei die Stadt ungeeignet. Das stimmt zu einem großen Teil, weil Palermo ein schnaubendes Monstrum ist, dem man sich mit Mühe entziehen muss.

    Orte, an denen das gelingt, gibt es durchaus. Leichter fällt es einem aber tatsächlich in Trapani oder eben in Erice. Als ich mit N. die Serpentinen hinauffuhr und das Auto abstellte, fiel dem Gefährten, der seit 15 Jahren in Palermo lebt, als Erstes eines auf: „Wahnsinn, wie still das hier ist.“

    Möglicherweise hatten wir Glück mit dem Tag oder der Uhrzeit, aber auf dem Weg zum Schloss und in den Parkanlagen Giardini del Balio waren wir nahezu auf uns allein gestellt. Das Meer von oben zu sehen, gibt einem so viel, vor allem aber das Gefühl völliger Freiheit.

    Hinterher konnte am positiven Gesamteindruck nicht einmal die verstörende Tatsache rütteln, dass sie die Gassen der Altstadt mit den Klängen von Fratelli d’Italia oder Yann Thiersens J’y suis jamais allé beschallen.

    James Franco und die Gassenhauer

    Donnerstag, Mai 31st, 2012

    Im Schatten des Amphitheaters von Taormina gibt es einen Ort, an dem bleibt die Zeit stehen. Solange jedenfalls, bis die asiatische Reisegruppe kommt und vor lauter Begeisterung die Kameras zückt. Aber damit muss man leben. Soziopathen haben in diesem Städtchen nichts verloren.

    Es bietet sich an, früh aufzustehen, um ihnen zu entgehen: den Menschen mit Käseknien und Nummernaufklebern – damit auch jeder sieht, ob sie dem Führer mit der Nummer 18 oder 37 folgen. Sie machen die Straße der Sehenswürdigkeiten, den Corso Umberto I, zum Unort. Sie und die Gassenhauer, die aus jedem zweiten Geschäft rauschen. Überall anders wäre die Musik romantisch, hier wirkt sie aufgesetzt.

    Trotzdem hat Taormina und Umgebung viel zu bieten. Vor allem wenn man bereit ist, sich zu bewegen. Der Fußmarsch ins Bergdorf Castelmola ist zwar ein Höllenritt, entschädigt aber mit besten Aussichten. Die weiß man zu schätzen, wenn das T-Shirt nassgeschwitzt von der eigenen Anstrengung ist.

    Und dann sind da noch die Gole Alcantara. In den Schluchten darf man sich ein wenig fühlen wie in einem Film von Danny Boyle, irgendwo zwischen The Beach und 127 Hours.

    Mehrmals am Tag fährt ein Linienbus in den Nationalpark. Bei den öffentlichen Verkehrsmitteln gilt, was überall auf dieser Insel gilt. Der Bus kommt, wenn er kommt, auch mal zehn Minuten zu früh. Und er hält, wenn man ihn anhält.

    . . . und Stille sei mit dir

    Montag, Mai 28th, 2012

    Italiener – zumindest jene, die ich bislang kennengelernt habe – neigen nicht zum Schweigen. Sie reden viel und sie reden schnell. Kombiniert man das mit einer Stadt, in deren Straßen sich gerne einmal doppelt so viele Autos nebeneinander quetschen als vorgesehen, ist klar: zum Kurheilort taugt Palermo nicht.

    Auf der Suche nach Inspiration für einen Kurzgeschichten-Wettbewerb zum 4. Brüggener Literaturherbst bin ich jüngst nach Cefalù aufgebrochen. „Ausgerechnet Cefalù?“, mögen nun Sizilienkenner fragen. Das charmante Küstenstädtchen rund 70 Kilometer östlich von Palermo ist unter Touristen längst kein Geheimtipp mehr.Postkarten finden sich dort leicht. Aber auch die Ruhe, um eine Geschichte zu entwickeln?

    Doch mein Ziel war nicht der Strand oder die Gassen des alten Kerns, ich strebte den Felsen entgegen. Auf standfesten Sohlen ging es in den Parco della Rocca, zu den Trümmern der Festung und ihren alten Mauern. Der Aufstieg ist steinig und steil, aber die Mühen lohnen sich, allein wegen der Aussicht.

    Das Thema des Wettbewerbs lautete übrigens Der Lärm verstummt … bis Stille ist in dir. Und ich packe nun meine Tasche. Morgen beginnt eine neue Tour: Taormina, Siracusa, Catania und Agrigento. Ich rechne mit viel Lärm und viel Stille.

    Mumien und Plappermäuler

    Mittwoch, Mai 9th, 2012

    In der Liste der Orte, die ich in Palermo unbedingt besuchen wollte, hatten Le Catacombe dei Cappuccini von Anfang an einen festen Platz. Es heißt, hinterher sehe man das Leben und den Tod mit einem anderen Blick, was passte, hatte ich doch erst jüngst Jürgen Domians Interview mit dem Tod gelesen.

    Um es vorwegzunehmen: mein Leben und mein Denken hat sich durch den Besuch nicht verändert. Aber vielleicht waren daran die Franzosen, Italiener, Holländer, Briten, Deutschen und Spanier schuld, die mit mir durch die sakralen Hallen tigerten.

    Warum ich mir bei den Nationalitäten so sicher bin? Weil die Menschen nicht zu schweigen wissen, einige nicht einmal zu flüstern. Auch oder erst recht nicht an einem Ort, an dem sie mit Hunderten von mumifizierten Toten konfrontiert sind.

    So ist es schwer, in den Gängen Ruhe zu finden. Mit etwas Glück verschallt das Geplapper in einer anderen Ecke. Dann kann man sie fokussiert bestaunen, die Körperhüllen, die Knochen und die Schädel, die Grimassen, die zurückblieben, als die Verstorbenen aus dem Leben schieden. Und auf dem Boden liest man auf rissigen Steinplatten letzte Botschaften.

    Geschrieben sind sie teils in Italienisch und teils in Latein. In dem Moment habe ich mich wieder geärgert, mich einst in der Schule für Französisch entschieden zu haben – in der Annahme, eine tote Sprache sei zu nichts nütze.