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    Im Strudel der Weltbürger

    Freitag, September 30th, 2016

    Lissabon

    R. aus Toronto fiel mir praktisch in den Schoß. Vielleicht war er der Ansicht, ich hätte mich auf dem Sofa im Livin‘ Lisbon Hostel etwas zu breit gemacht. So kam es, dass R. die erste Person in Lissabon wurde, dem ich von meinem neuen Roman erzählte. Und der Kanadier, der seinen gut bezahlten Bankjob geschmissen hatte, um die Welt zu bereisen, hörte zu.

    „Es ist dieses euphorische Aufeinandertreffen der Fernsüchtigen aus aller Welt, die Tage und Nächte in einem Hostel so liebenswürdig machen“, schrieb ich vor viereinhalb Jahren nach meiner Ankunft in Palermo. Seit drei Tagen sitze ich wieder in einem, auf der (nervenzehrenden) Suche nach einem Zimmer in der von Erasmus-Studenten belagerten Stadt.

    Das Personal setzt sich unter anderem aus Australierinnen, Neuseeländerinnen, Niederländern, Briten und Amerikanern zusammen, die Gäste kommen aus Rumänien, Russland, Italien, Malaysia, Deutschland oder Nigeria. Morgens gibt es Pancakes, abends Sangria, bevor die Feierwütigen, die noch genug Energie vom Tag haben, ins Bairro Alto aufbrechen.

    Dort haben sie bei Shots und Bier (sehr viele Shots, sehr günstiges Bier) die Chance, ihre Sicht auf die Welt zu debattieren – und sie ähnelt sich sehr häufig. Es spielt keine große Rolle, dass diese Zufallsbekanntschaften selten von Dauer sind, dass Menschen kommen und gehen. Was zählt, ist der Moment, in dem man ein Gefühl von Freiheit teilt.

    Es liegt in unseren eigenen Händen dafür zu sorgen, dass das, was wir tun, weitmöglichst mit dem übereinstimmt, was wir tun wollen.

    Der alte Mann und die Suppe

    Dienstag, Januar 21st, 2014

    Ich war auf der Flucht vor meiner Putzfrau und meinem knurrenden Magen. Der alte Mann betrat das Lokal Sekunden nach mir und ging direkt auf die Theke zu. Er bat um eine Tomatensuppe – und weil der Wirt ihn fragte, ob’s auch was zu trinken sein dürfe, erkundigte sich der Alte nach der Auswahl an Schnäpsen. Und dann, dann kam er auf mich zugestolpert.

    „Bitte nicht“, flehte ich flüsternd und reflexartig, kehrte in Gedanken zurück zu der noch sehr jungen letzten Erfahrung mit einem einsamen Kerl auf der Suche nach Zerstreuung. Ich selbst wollte allein sein, ich wollte in Ruhe ein Schnitzel essen, vielleicht mein Buch weiterlesen. Ich wollte keine Gespräche führen, nicht mal Monologen lauschen.

    „Darf ich mich setzen?“, fragte der Alte und ich nickte, mir ein freundliches Lächeln abringend. „Haben Sie gerne Spaß?“. war seine nächste Frage und wieder flehte ich. „Lassen Sie uns ein Spiel spielen. Ich stelle Ihnen eine einfache Frage. Die Antwort ist auch einfach, aber Sie müssen schnell antworten. Haben Sie verstanden?“

    Durch meinen Kopf schossen die wildesten Befürchtungen. Keine davon hatte eine Berechtigung. Ich beantwortete die Frage richtig. Und die blitzschnell darauffolgende auch. Ich hatte gewonnen. Mein Preis: sein Lächeln. Und dann, dann begann er zu erzählen.

    Erzählte von seiner Frau, die er geheiratet habe, als er 18 war. Das war 1950. Erzählte kurz von den Kindern, die alle aus dem Haus seien. Erzählte von dem Loch im Magen, mit dem seine Frau im Krankenhaus um die Ecke liege. Erzählte davon, was für eine wunderbare Köchin sie doch gewesen sei. „Aber ich kann ja heute nicht mehr so viel essen wie früher.“

    Der alte Mann lachte über einen eigenen Spruch, mehrfach. „Ganz schlecht“, sei der Schnaps gewesen. „Weil er so schnell weg war. Ganz schlecht.“ Der alte Mann lobte die Suppe, mehrfach. „Weil die immer noch heiß ist.“ Der alte Mann berichtete, wie ihn seine Frau zum Schweigen bringt, mehrfach. „Wenn ich nicht ruhig bin, kocht sie nicht mehr.“

    Ich saß daneben und mimte den höflichen Tischnachbarn. Doch das Flehen in meinem Kopf verhallte nicht. „Erzählen Sie mir etwas aus Ihrem Leben. Ich glaube Ihnen alles“, sagte der Alte irgendwann. Mir fiel nichts ein.

    Irgendwann fragte ich mich, wogegen ich mich eigentlich sträubte. Woher dieses Misstrauen kam, dass ich dem Fremden entgegenbrachte. Warum ich ihm nicht einfach freundlich begegnen konnte, mit Interesse und Menschlichkeit. Wogegen ich mich abschottete. Ich ließ alles geschehen. Danach ging es mir besser.

    Als der Alte seinen Hut nahm, um zu gehen, schüttelte er mir die Hand, mehrfach. „Vielleicht begegnen wir uns ja mal wieder“, sagte er. Ich blieb zurück in der Ruhe. Und hatte Gelegenheit, nachzudenken.