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    Was vom Jahre übrig bleibt (Episode IV)

    Donnerstag, Dezember 31st, 2015

    Griechenland

    A. starrte mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Aber sie hatte sich nicht verhört. „Ich habe endlich die ersten vier Absagen von Verlagen bekommen“, hatte ich kurz zuvor zu ihr gesagt. Und ja, ich verstand diese Absagen tatsächlich als frohe Nachricht. Alles ist besser als Stillstand.

    Fast ein Jahr lang habe ich nach der Manuskript-Abgabe gewartet, habe mich mit meiner Ungeduld gebalgt, habe gegrübelt, was ich tun kann oder sollte. Als mir im Dezember meine Agentin von den ersten Reaktionen der Verlage auf meinen aktuellen Roman berichtete, war ich froh.

    Natürlich wäre ich noch froher gewesen, hätten die (durchaus namhaften) Verlage abseits von Lob und Kritik nichts von den allgegenwärtigen eingeschränkten Spielräumen bei Verlagsprogramm und -plätzen geschrieben, aber immerhin schrieben sie etwas.

    Gut ein Dutzend Verlage hat noch nicht geschrieben. Meine Ungeduld werde ich nach 2016 mitnehmen. Dass dies der vor einem Jahr an dieser Stelle geäußerten Erkenntnis widerspricht, die meisten Dinge würden sich am besten entwickeln, „wenn man ihnen die Zeit gibt zu reifen“, ist eine andere Geschichte. Aber was wären wir ohne Widersprüche?

    2015 ist ein literarisches Pausenjahr gewesen. Zu Weihnachten schrieb ich das Märchen über Die gute Schlangenkönigin, ab und zu (etwa im Griechenland-Urlaub) grübelte ich über neue und alte Stoffideen, aber am Ende war ich doch fast ausschließlich in (durchaus spannende) Brotjobdinge involviert.

    Ob sich das 2016 ändern wird? Ich wieder mehr Zeit – und wichtiger: mehr Kraft und Inspiration – haben werde, in fiktionale Welten aufzubrechen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass das Leben zu schade ist, um sich mit Dingen zu beschäftigen, die die Lebensfreude hemmen.

    Und ich bin mir sicher: Das neue Jahr wird, in der Gesamtheit seiner Komponenten. wie das alte – ein Abenteuer.

    Insofern: Auf ein Neues!

    Der Geist und die Balanceakte

    Freitag, Oktober 30th, 2015

    Balanceakt

    Der Nebel grüßte schon auf der Schwäbischen Alb. In München war er kurz mal weg, in Passau wieder da. Und oben in Finsterau, auf 1032 Metern, hüllte er mich komplett ein. „Da unten könnten Sie jetzt ein Schloss sehen“, sagte mein Fahrer.

    Ich spähte vergebens.

    Sechseinhalb Stunden war ich da bereits unterwegs, sechseinhalb Stunden fuhr ich später zurück. Dazwischen lag eine Pressekonferenz für das Nordic Paraski Team Deutschland und den SV Finsterau, im Februar 2016 Gastgeber des Weltcups für Langläufer und Biathleten mit Behinderung.

    Auf dem Weg zurück klappte ich mein Netbook auf und starrte aus dem Fenster in die Finsternis, den Akku langsam ersterben lassend. Ich wollte schreiben. Ich dachte, mein Geist wäre willig, doch er war schwach. Mein Geist war erschöpft von einer Überdosis Abwechslung.

    Ich musste an den Schriftstellerkollegen denken, von dem ich gelesen hatte, wenn er schreibe, schreibe er zwei Wochen am Stück äußerst konzentriert, aber keinesfalls mehr, weil er sonst Gefahr laufe, den Verstand zu verlieren.

    Ich musste ans Frühjahr denken, in dem ich, eingehüllt in einen zerlumpten Schlafsack aus den frühen 90ern, an meinem Schreibtisch saß und schrieb, mehr als zwei Wochen lang. Schrieb, als wäre ich im Wahn.

    Ich musste an die vorangegangenen zwei Wochen denken, an die Zugfahrten nach Kirchzarten und Köln, an den Flug nach Kopenhagen und an jenen zurück am Tag darauf, an Trips mit Blicken aus Fenstern auf sich schnell wandelnde Landschaften.

    Mein nach Minuten der Nichtbeachtung schwarz gewordener Bildschirm verbarg eine monströse To-do-Liste. Ich dankte ihm dafür, war mir doch bewusst, dass ich sie früh genug wieder würde betrachten müssen. Deshalb verzichtete ich darauf, den Punkt „richtige Balance für die Dinge finden“ zu ergänzen.

    Ich saß nur da und fragte mich, wie es wäre, den Posten abzuhaken. Unglaublich wohltuend? Oder unglaublich langweilig?

    Foto: CC BY-NC 2.0 kylesteed / the balancing act

    Feierabende? Eine Kopfsache

    Samstag, Januar 31st, 2015

    Die Zeit drängte, denn der Redaktionsschluss nahte und das Interview war noch nicht freigegeben. Also schrieb ich J. eine Nachricht. „Hast du meine Mail gesehen?“, fragte ich den Manager, dessen Schützling ich zuvor befragt hatte. „Melde mich gleich“, schrieb er, meldete sich, gab ein paar Änderungen durch, bedankte sich, sagte: „Und jetzt mach Feierabend.“

    Ich musste schlucken, ich musste lachen. „Noch nicht ganz“, presste ich hervor. „Noch lange nicht“ wäre die passendere Antwort gewesen. Ich schob mir schnell 15 Fischstäbchen in den Ofen, loggte mich in den Streaming-Dienst ein, machte Mittagspause gegen 19 Uhr. Zwei Sitcom-Folgen später flog der Teller in die Spüle – und ich zurück an die Arbeit.

    Mir ist aufgefallen: Menschen, die einen 9-to-5-Job haben, wobei die Uhrzeiten austauschbar sind – Menschen also, die feste Arbeitszeiten mit Anfängen und Enden gewohnt sind, fällt es schwer nachzuvollziehen, was ich eigentlich tue. An Tagen wie diesen, wenn ich nachts um 2 im Bett liege und runterzukommen versuche, verstehe ich es selbst nicht mehr genau.

    Mein Kopf ist ein Gemischtwarenladen, die Regale gefüllt mit zahllosen Gedanken. Unerledigtes treibt mich in den Wahnsinn. Dummerweise gibt es da immer Unerledigtes, erst recht, wenn man auf die Idee kommt, sein Brotjobsleben mal wieder völlig auf den Kopf zu stellen, in der vagen Hoffnung, irgendwann einmal mehr Zeit fürs literarische Arbeiten zu haben.

    Gestern Abend, nach dem redaktionellen Feierabend, setzte ich mich auf die Pressetribüne der Ludwigsburger Bundesliga-Basketballer, die im Herbst in dem Magazin gewürdigt werden sollen, dessen Inhalt ich verantworte. Es wurde dramatisch – auf dem Feld. Vor mir auf dem Tisch lag ein zerfledderter Block, den ich mit Plotideen für ein neues, altes Projekt bekritzelte.

    Dieses Projekt, für das zurzeit viel zu wenig Zeit bleibt, steckt in meinem Kopf und kratzt. „Entwickel mich“, flötet, wimmert, flüstert, brüllt es – je nach Stimmungslage. Es ist ein hartes Stück Arbeit, irgendwann tatsächlich Feierabend zu machen.