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    Die letzte Nacht mit Gigi Buffon

    Dienstag, Juni 28th, 2016

    Lissabon

    M. brüllte. Stichelte. Frohlockte. „Gigi“, erklärte er mir, „ist der beste Torhüter der Welt.“ Anfangs hatte ich noch gelächelt, ja sogar gelacht. Bevor Balotelli kam. Doch je länger das Spiel dauerte, desto mehr wünschte ich mir, das Schicksal würde sie bestrafen. M. und Buffon. Das Schicksal oder Thomas Müller. Aber am Ende traf nur Özil. Kurz vor Schluss. Per Elfmeter (!). Zum Anschlusstreffer. Zu wenig.

    Das Halbfinal-Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der letzten Fußball-Europameisterschaft jährt sich heute zum vierten Mal. Es war mein letzter Abend in Palermo, ein Abend voller Ironie. Die Deutschen flogen nach Hause, ich flog nach Hause – und die Italiener feierten. Ich habe es ihnen letztlich gegönnt, schon bald nach dem Abpfiff. Weil ich sie lieb gewonnen hatte.

    Vier Jahre sind eine Ewigkeit. Sie kommen mir zumindest so vor. Weil so viel geschehen ist seit der Zeit auf Sizilien. Man übersieht das, was passiert und nicht passiert, dieses große Ganze, ganz gerne einmal, während man damit beschäftigt ist, sich mit den zahllosen Fragmenten des Alltags zu beschäftigen. Aus irgendeiner Ecke fliegt immer eine Blendgranate.

    Ich ging damals nach Palermo, um ihnen für ein paar Monate auszuweichen. Um allein zu sein, um neue Perspektiven zu erlangen, um konzentriert an einem Roman zu erarbeiten. Die Perspektiven haben sich wieder verschoben, die Konzentration war häufig anderswo gefangen, der Roman ist noch immer nicht veröffentlicht. Aber die Erinnerung ist geblieben.

    „Du machst das bald mal wieder“, schwor ich mir damals. Und verschob es doch Jahr für Jahr aufs nächste Jahr. Die Gespräche mit J., die in ihrer Kompromisslosigkeit so erfrischend ist, müssen jüngst etwas getriggert haben. Denn beim Anblick schöner Aufnahmen der Mini-Serie The Night Manager stand kürzlich wie aus dem Nichts fest: Es ist an der Zeit.

    Und so breche ich Ende September auf, nach Lissabon diesmal, für zwei Monate. Ich kenne die Stadt nicht, aber ich kannte auch Palermo nicht. Ich habe noch keine Unterkunft, aber ich hatte auch für Palermo keine, bevor ich dort war. Was mich nach Lissabon zieht, sind die Schwärmereien anderer, das Fernweh und die Sehnsucht nach der Zurückgezogenheit als Schriftsteller.

    Die Einfälle für den neuen Roman sind bisher nur ein zartes Pflänzchen. Aber es wird wachsen, spätestens im portugiesischen Herbst. Und wenn nächsten Samstag Thomas Müller auf Gigi Buffon zustürmen wird, werde ich telepathische Grüße an M. schicken. Damals war das Duell ein Schlusspunkt. Jetzt steigert es die Vorfreude auf den neuen Anfang.

    Foto: mhx – Lisbon Sunset (via flickr, Lizenz: CC BY-SA 2.0)