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  • Posts Tagged ‘Eurotour13’

    Der Holzstuhl vor der Blockhütte

    Montag, September 9th, 2013

    Natürlich schrieb ich. Ich schreibe immer. Diesmal war es rein journalistisch. Die Stuttgarter Zeitung druckte meinen Bericht von der Weltmeisterschaft im Tisch-Eis-Hockey noch während ich in Voss das Panorama genoss. Doch nicht das Schreiben lockte mich zuvorderst nach Norwegen, auch nicht die wundervoll kuriose Sportart. Das Wegkommen war es.

    Voss

    Norwegen ist ein schöner Ort um wegzukommen. Ein Land, in dem Statistiken zufolge etwas mehr als 13 Menschen auf einen Quadratkilometer kommen, lädt regelrecht zum Wegkommen ein. Zum Vergleich: in Deutschland trampeln – ja: trampeln! – sich nach den jüngsten Zahlen auf der gleichen Fläche 225 Bürger auf den Füßen herum.

    Ich ging nach Norwegen, um nach Monaten des Schaffens an Kurzgeschichten, Büchern, Magazinen und Tageszeitungen in einem Holzstuhl vor einer Blockhütte zu lümmeln und mich nicht an dem Lärm zu stören, der sich vom Flugzeug in der Ferne nähert. Weil dieser Lärm keine Macht über die Friedfertigkeit der Stille um ihn herum hat.

    Ich ging nach Norwegen mit dem festen Vorsatz, mich zehn Tage von allem fernzuhalten, was außerhalb des Resorts geschah, in dem die WM-Teilnehmer residierten. Fernhalten wollte ich mich vor allem von Facebook, Twitter und jenen anderen Kanälen der verlernten Schweigsamkeit.

    Es wäre eine zu bequeme Ausrede zu behaupten, nur der Auftrag für die Zeitung hätte mich davon abgehalten, alle Verbindungen zur Virtualität zu kappen. Ich blieb online. Aber ich war auch weg. Saß alleine in einer kleinen Dorfkirche am Fjord und lauschte dem Nichts.

    Als ich zurückkam, war ich müder als vor meinem Abflug. Weil in dieser bunten Gemeinschaft der Tisch-Eis-Hockey-Spieler Menschen zusammenfanden, die im Weg-Sein erwachten. Weil sie ihre Tage mit Intensität füllten und mich mitrissen. Es gab diese Momente auf dem Balkon vor der Blockhütte, doch ich nahm mir nicht viele. Ich fühlte mich auch ohne sie wohl.

    Norwegen ist ein schöner Ort um wegzukommen.

    Mit Stephen King in Slowenien

    Samstag, August 10th, 2013

    In diesem niemals stillstehenden Prozess der permanenten Weiterentwicklung will man als Schreiberling vor allem eines sein: lernfähig. Vieles geschieht automatisch, anderes nicht. Das ist der Grund, warum ich Ende vergangenen Jahres Schreibratgeber durchforstete. Ein Buch blieb damals außen vor: Das Leben und das Schreiben von Stephen King.

    Von mehreren Seiten empfohlen, schrieb ich es auf die bereits einmal erwähnte To-do-Liste, wollte es mir aus der Bibliothek ausleihen – bis ich irgendwann mehr zufällig entdeckte, dass das Buch bereits in meinem Regal stand. Irgendwann musste ich es geschenkt bekommen haben, angefangen zu lesen, weggelegt und vergessen.

    Es muss wohl schon einige Jahre her sein, definitiv in einer Zeit, in der ich noch keinen Gedanken daran verschwendete, Schriftsteller zu werden, in der ich noch an den Journalismus glaubte und für ihn brannte. Als ich vor rund einem Monat nach Maribor aufbrach, um dort zu schreiben, nahm ich es mit.

    Einen daraus entnommenen Rat hatte mir eine Lektorin und Freundin schon vorher mitgegeben: Egal wie du dich fühlst, egal wie motiviert und wie inspiriert du bist, schreibe 2000 Wörter am Tag. Ich hielt nicht viel von diesem Rat, mir missfällt der Zwang, ich halte ihn für kontraproduktiv. Aber ich habe mich beobachtet, ich habe meine Wörter zählen lassen.

    Wenn ich in den vergangenen fünf Wochen tagsüber im von nahezu jeglicher Ablenkung befreitem Maribor oder nach meiner Rückkehr in Stuttgart trotz zahlreicher Ablenkung schrieb, kamen unterm Strich meist mehr als 2000 Wörter heraus. Nachts lag ich dann im Bett, las und lächelte.

    Kings Buch ist – wie sein Leben und seine Entwicklung – eine erfrischende Reise. Seine handwerklichen Tipps sind anschaulich und wo er dogmatische Züge annimmt, lässt er einem doch die Freiheit, ihm zu folgen oder nicht. Ich zog vieles aus dem Buch, ohne das Gefühl zu haben, ein Lehrbuch zu lesen. Das macht es so anders, so besonders.

    Seit gestern liegt die Erstfassung meines neuen Romans komplett vor. In knapp zwei Wochen beginnt die nächste Tour auf meiner Europatour 2013: Norwegen. Anders als Graz und Maribor kommt der Reise nach Voss nicht die Aufgabe der Inspiration zum Schreiben in der Fremde zu, sondern der des Abschaltens, des Vergessens, der Entschleuinigung.

    Irgendwann im Oktober, mit genügend nötigem Abstand zu meinem Manuskript, will ich mit dem Überarbeiten beginnen. Der erste Schritt wird sein, das Ding einmal zu lesen – und zwar nach Stephen King wie beim ersten Mal, als wäre ich Leser und nicht Autor. Der Gedanke gefällt mir, aber die Aufgabe wird verdammt schwer.

    Käse – Glocken – Spiele

    Montag, Juli 8th, 2013

    Die Parteien scharren schon mal mit den Hufen. Sie schnauben noch gedämpft. Aber das wird sich ändern. Am 19. Juli beginnt die Tarifrunde für Journalisten bei Tageszeitungen. Es wird zum Streik kommen, da muss man kein Prophet sein. Und es wird mindestens so bitter werden wie vor zwei Jahren. Und das war schon bitter genug.

    Viel ließe sich jetzt schreiben über den Verlegerverband und das Schimpfwort Qualitätsmedien, über Arbeitsbedingungen gerade von Freien, über Innovationsschwächen fachblinder Gewinnmaximierer, über Wertschätzungslegastheniker und Stimmungstäler. Aber ich will darüber nicht schreiben. Es würde mich nur wütend machen.

    Journalisten müssten die Realität akzeptieren – die Forderung hört man von Verlegerseite immer wieder. Ich schaffe mir fürs Erste lieber wieder eigene Realitäten. Am 19. Juli bin ich in Maribor, meine Eurotour fortsetzen. Vergangenes Wochenende führte die mich schon halb geschäftlich und halb privat nach Savognin und Zürich. Es war erfrischend.

    Das Timing für diese Reisen nach mehrwöchiger Arbeit im Brotjob könnte kaum besser sein. Die Käseglocke, unter die ich mich zu verkriechen gedenke, wird mich abschirmen von all den miesen Vibes, die durch die deutsche Tageszeitungslandschaft flattern. Unter meiner Glocke ist es still, unter ihr gehört mein Streben dem neuen Roman. Ich habe die Arbeit vermisst.

    Und vor allem: ich will die Erstfassung abschließen, diesen Sommer noch, im Idealfall innerhalb der nächsten sechs Wochen. Auch dabei besteht die Gefahr eines Stimmungstiefs, die Gefahr, sich zu verbeißen, temporär an Grenzen zu stoßen. Aber wenigstens sind das dann keine fremdverschuldeten und von außen auferlegten.

    Die Botschaft des Berges

    Sonntag, Juni 2nd, 2013

    Natürlich versteckte sich irgendwo in meinem Rucksack ein Stadtplan, aber er sollte nur im Notfall zum Einsatz kommen. Wer ziellos dahinschreitet, erlebt größere und schönere Überraschungen. Anderswo ist das mein Leitsatz. Und als ich dann zum Abendessen auf der Halbinsel Ortigia von Siracusa aufbrach, lief ich direkt in den Sonnenuntergang.

    Das ist auf den Tag genau ein Jahr her. Heute endet mit dem Rückflug von Graz nach Stuttgart Teil eins meiner Europatour 2013. Ziemlich verregnet war der Trip, nicht ganz so wie die Woche in Deutschland, aber doch recht nass. Fürs Schreiben war es förderlich. Und es gab sie trotzdem, die Sonnentage, die mich in die Altstadt lockten.

    Graz

    Mein erster zielloser Gang führte mich an die Mur, mein zweiter auf den Schlossberg. Wasser und Berg, das sind die Orte, die mich anziehen, egal wo ich bin, egal wo ich hinfahre. Über Brücken zu gehen und die Strömung zu beobachten, auf Aussichtsplattformen zu klettern und das Gesamtgefüge zu bewundern – das sind meine Ziele.

    Natürlich hätte es die Möglichkeit gegeben, mit dem Aufzug auf den Schlossberg zu fahren. Aber wie hätte ich das tun können? Nein, bei solchen Ausflügen muss man das vom Schweiß klatschnasse T-Shirt am Rücken kleben spüren, man muss laufen, bis man den Ort gefunden hat, an dem man Rast machen und das Notizbuch herausholen will.

    Unweit des Uhrturms in Graz hatte jemand Yolo auf einen Steinpfosten geschrieben. Es fiel mir erst auf, nachdem ich mich dort niedergelassen hatte, aber ich fand es passend. Aus dem Gartenrestaurant hinter mir kamen Alpenmusik-Klänge und selbst das fügte sich auf erschreckende Art und Weise ein in meine Gefühlslage: Genau so will ich leben.

    Frische Luft für meine Lungen

    Samstag, Mai 25th, 2013

    Sie sagen mir, ich hätte den Regen und die Kälte mitgebracht, schauen traurig aus dem Fenster, frösteln sogar ein wenig. Und ich sitze daneben und lächle. Weil ich weiß, dass sie es nicht ernst meinen. Aber mehr noch: weil ich die Augen schließen und durchatmen kann, gestärkt von einem Teller traumhaft leckerer Ćevapčići.

    Als ich zuletzt von Schneeflocken Ende April schrieb, ahnte ich nicht, dass es sich Ende Mai noch immer wie Spätwinter oder Frühherbst anfühlen würde (um die ARD-Tagesthemen zu zitieren). Ich ahnte auch nicht, dass ich meine Tage als selbst kranke journalistische Krankheitsvertretung verbringen würde. Zeit und Muse zum Romanschreiben: quasi nicht vorhanden.

    Doch es gab da dieses Ziel, dieses Datum, das – je näher es rückte – meine Vorfreude steigerte und meinen Puls senkte: gestern habe ich mich in eine äußerlich niedliche, innerlich beengte Maschine der Tyrolean Airlines gesetzt und mich nach Graz bringen lassen. Dorthin kehre ich morgen, nach einem Kurztrip ins benachbarte Maribor, zurück.

    Graz ist für mich ein Mini-Palermo. Weil ich wieder fremde Luft in der Lunge spüren werde, weil ich wieder weg bin vom schwäbischen Alltag, von Verantwortung und Routine, von meinem Bett und meinem Schreibtisch, von dem Vogel, der – benebelt vom Balztanz, ständig gegen meine Fensterscheibe donnert, weil er sein Spiegelbild für einen Rivalen hält.

    Ich bin weggefahren, um an einem kärglichen Tisch in einem Jugendhotelzimmer zu schreiben, am besten wieder sechs Seiten im Schnitt pro Tag, wie vergangenes Jahr. Ich bin weggefahren, um durch die Stadt zu laufen, mit dem ledernen Notizbüchlein in der Hintertasche meiner Jeans, auf der Suche nach Eindrücken aus dem Leben.

    Viele Schriftsteller schätzen die Abgeschiedenheit oder die Fremde, weil sie frei macht. Immer wieder in sie eintauchen zu können war mein Grund, mich von festen Arbeitsverhältnissen zu lösen. Die Woche in Graz wird schneller vorüber sein als mir lieb ist. Aber sie ist nur der Anfang meiner Europatour 2013. Es gibt so viel zu erleben, so viel zu schreiben.