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  • Posts Tagged ‘Fernweh’

    Hüpfend zwischen Paralleluniversen

    Dienstag, August 30th, 2016

    TEH

    Im Hintergrund das Rauschen der Autos auf der Straße vor dem Büro, neben mir das enervierende Brummen des Arbeits-PCs, auf der anderen Seite eine Sporttasche. Die machte keine Geräusche, schrie aber trotzdem. Voller Schadenfreude. „Und du Häuflein Elend willst mich heute noch in die Hand nehmen?“ Ich war wohl der einzige, der sie deswegen prusten hörte.

    Zurückkommen kann hart sein. Am Sonntag bin ich nach einer Woche im Paralleluniversum der Tisch-Eis-Hockey-WM 2016 im niederbayerischen Bad Griesbach zurückgekommen. Am Montag saß ich wieder am Schreibtisch und bemühte mich, nicht gähnend über dem Berg an Arbeit zusammenzubrechen, der sich einstweilen dort gestapelt hatte.

    Leider stapelte er nur metaphorisch, er hätte sonst ein hübsches Kopfkissen ergeben. Also erklomm ich ihn tapfer – wiederum metaphorisch – und flüchtete währenddessen vor meiner Furcht. Denn je länger ich kletterte, desto näher kam ich dem Feierabend und damit dem Sport. Badminton am Montagabend nach dem Urlaub, die Sporttasche hörte gar nicht mehr auf zu kichern.

    Ich habe es überlebt, das Kichern genauso wie den Sport. Jetzt geht es weiter, immer weiter. Denn eigentlich dient die Arbeit nach dem Zurückkommen lediglich der Vorbereitung für das nächste Weggehen, einer Auszeit ganz anderen Ausmaßes. Lissabon, zwei Monate lang, von Ende September an. In nicht einmal einem Monat geht es los, bin ich weg.

    Dass ich bislang abgesehen von „Bom dia“ und „Obrigado“ noch kein drittes portugiesisches Wort beherrsche und nicht weiß, wo ich unterkommen werde, wirft mich nicht um. Auch nicht, dass ich vor meinem Abflug noch Hochzeiten und Lesungen in der Fremde besuchen muss, gleichzeitig aber zwei Stipendienbewerbungen fertiggestellt und Plotlöcher gefüllt werden wollen.

    Der Roman, der mich die nächsten Monate beschäftigen wird, gräbt schon längst Maulwurftunnel in meinem Kopf und ich lasse es zu, berauscht von der (Vor-)Freude auf die Ferne. Und wenn mich das Unerledigte wieder zu erdrücken droht, schließe ich kurz die Augen oder vergrabe mein Gesicht in meinen Händen.

    Nur an eines möchte ich nicht denken: ans Zurückkommen.

    Die letzte Nacht mit Gigi Buffon

    Dienstag, Juni 28th, 2016

    Lissabon

    M. brüllte. Stichelte. Frohlockte. „Gigi“, erklärte er mir, „ist der beste Torhüter der Welt.“ Anfangs hatte ich noch gelächelt, ja sogar gelacht. Bevor Balotelli kam. Doch je länger das Spiel dauerte, desto mehr wünschte ich mir, das Schicksal würde sie bestrafen. M. und Buffon. Das Schicksal oder Thomas Müller. Aber am Ende traf nur Özil. Kurz vor Schluss. Per Elfmeter (!). Zum Anschlusstreffer. Zu wenig.

    Das Halbfinal-Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der letzten Fußball-Europameisterschaft jährt sich heute zum vierten Mal. Es war mein letzter Abend in Palermo, ein Abend voller Ironie. Die Deutschen flogen nach Hause, ich flog nach Hause – und die Italiener feierten. Ich habe es ihnen letztlich gegönnt, schon bald nach dem Abpfiff. Weil ich sie lieb gewonnen hatte.

    Vier Jahre sind eine Ewigkeit. Sie kommen mir zumindest so vor. Weil so viel geschehen ist seit der Zeit auf Sizilien. Man übersieht das, was passiert und nicht passiert, dieses große Ganze, ganz gerne einmal, während man damit beschäftigt ist, sich mit den zahllosen Fragmenten des Alltags zu beschäftigen. Aus irgendeiner Ecke fliegt immer eine Blendgranate.

    Ich ging damals nach Palermo, um ihnen für ein paar Monate auszuweichen. Um allein zu sein, um neue Perspektiven zu erlangen, um konzentriert an einem Roman zu erarbeiten. Die Perspektiven haben sich wieder verschoben, die Konzentration war häufig anderswo gefangen, der Roman ist noch immer nicht veröffentlicht. Aber die Erinnerung ist geblieben.

    „Du machst das bald mal wieder“, schwor ich mir damals. Und verschob es doch Jahr für Jahr aufs nächste Jahr. Die Gespräche mit J., die in ihrer Kompromisslosigkeit so erfrischend ist, müssen jüngst etwas getriggert haben. Denn beim Anblick schöner Aufnahmen der Mini-Serie The Night Manager stand kürzlich wie aus dem Nichts fest: Es ist an der Zeit.

    Und so breche ich Ende September auf, nach Lissabon diesmal, für zwei Monate. Ich kenne die Stadt nicht, aber ich kannte auch Palermo nicht. Ich habe noch keine Unterkunft, aber ich hatte auch für Palermo keine, bevor ich dort war. Was mich nach Lissabon zieht, sind die Schwärmereien anderer, das Fernweh und die Sehnsucht nach der Zurückgezogenheit als Schriftsteller.

    Die Einfälle für den neuen Roman sind bisher nur ein zartes Pflänzchen. Aber es wird wachsen, spätestens im portugiesischen Herbst. Und wenn nächsten Samstag Thomas Müller auf Gigi Buffon zustürmen wird, werde ich telepathische Grüße an M. schicken. Damals war das Duell ein Schlusspunkt. Jetzt steigert es die Vorfreude auf den neuen Anfang.

    Foto: mhx – Lisbon Sunset (via flickr, Lizenz: CC BY-SA 2.0)