• Home
  • Blog
  • Texte
  • Reaktionen
  • Über mich
  • Impressum
  • Datenschutz

  • Posts Tagged ‘Kino’

    Die Authentizität des Sitcomstars

    Mittwoch, Oktober 8th, 2014

    Es war der 15. Juni 2005 und der Sommer hielt Einzug in Stuttgart. A. und ich hielten derweil Einzug ins Kino, einen Film anschauen, der „wie geschaffen zum Küssen“ war. So habe ich es damals im Tagebuch notiert – ohne vergessen zu erwähnen, dass ich A. an diesem Abend (noch) nicht geküsst habe. Der Film, den wir uns anschauten, war Garden State.

    Die Geschichte eines erfolglosen Schauspielers, der nach dem Selbstmord seiner Mutter in die verhasste Heimatkleinstadt in New Jersey zurückkehrt und sich in eine notorisch lügende Epileptikerin verliebt, wurde auf Anhieb einer meiner Lieblingsfilme. Er ist es bis heute geblieben.

    Für den aus der Sitcom Scrubs bekannten Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Zach Braff bedeutete sein Erstling der Durchbruch. Allein: auf einen Nachfolger mussten seine Fans lange warten, in Deutschland bis morgen. Dann startet Wish I Was Here in den hiesigen Kinos.

    WIWH

    Quelle: Trainer (Screenshot)

    Zach Braff musste sich für seinen Neuen eine Menge Kritik anhören. Manche ist nicht unberechtigt, denn der Film ist längst nicht so gut wie sein Vorgänger. Anfangs noch herrlich komisch, gewürzt mit vielen sympathischen Ideen, entwickelt er sich nach und nach zu einem altklugen Wiederaufbereiten tausendfach gestellter existenzieller Fragen.

    Ein großer Teil der Kritik richtete sich aber auf die Entstehung des Films – und da werden die Giftpfeilwerfer unfair. Braff finanzierte Wish I Was Here via Crowdfunding, rief seine Fans bei Kickstarter auf, ihn zu unterstützen, weil er nur so die Chance sah, einen persönlichen Film ohne störenden Einfluss von besserwisserischen Hollywood-Produzenten zu drehen.

    Beim Screening in Berlin plauderte Zach Braff über Kontrolle und Kontrollverluste, wie die Vorstellung dieser Geldgeber die originären Ideen des Filmschaffenden entfremden können. Er plauderte auch über seinen Wunsch zu berühren, Geschichten zu erzählen, die sein Selbst widerspiegeln – und die Fans gefallen sollen, nicht Kritikern.

    Braff wirkte dabei so wundervoll authentisch, dass man gar nicht anders konnte, als ihm das abzunehmen, was er erzählte. Es tut gut, als Konsument den Kreativen zu Gesicht zu bekommen, seine Intention zu hören, sein investiertes Herzblut zu spüren. Zu häufig tendieren wir dazu zu vergessen, wie viel Arbeit hinter einem Werk steckt.

    Und dann ist da noch die erneute persönliche Lehre: Wer etwas zu erzählen hat – und ja, das hat Zach Braff trotz allem – der wird seinen Weg finden. Solange er nicht aufgibt.

    Offizielle Seite (englisch)

    The Help – ein Fehlgriff der Agenten

    Montag, Oktober 31st, 2011

    Das Buch im Film ist ein handfester Skandal. Anomynous, und damit ist nicht Shakespeares Ghostwriter (der neueste Streich des Ehren-Mayas Roland Emmerich) gemeint, lässt in Jackson, Mississippi, Anfang der 1960er Jahre schwarze Hausmädchen zu Wort kommen. Über Segregation, herablassend gönnerhafte Weiße und die modernisierte Sklavenhaltung von Menschen zweiter Klasse.

    Quelle: Trailer (Screenshot)

    Anfang Dezember startet The Help, den ich für das Kinoportal Moviemaze rezensiert habe, in den deutschen Kinos. Nicht wenige sehen in dem Portrait kämpferischer Frauen einen heißen Kandidaten für die Oscars 2012, vor allem wegen der vielen starken Schauspielerinnen, die beim Drehen einen Heidenspaß gehabt haben müssen: Viola Davis, Bryce Dallas Howard und Jessica Chastain zum Beispiel. Die wundervolle Emma Stone ist auch noch dabei.

    Die Entstehungsgeschichte von Film und Romanvorlage aber faszinieren mich am meisten. Da ist dieser Junge (Tate Taylor), aus dem ein Regisseur werden wird. Und da ist dieses Mädchen (Kathryn Stockett), das so gerne Schriftstellerin sein will. Gemeinsam wachsen sie in Jackson, Mississippi auf, werden Freunde und bleiben es. 2001 beginnt Stockett die Arbeiten an einem Buch, braucht fünf Jahre, schickt es fünf Dutzend Literaturagenten und kassiert Absage um Absage.

    Frust macht sich breit, doch der alte Freund, hin und weg vom Manuskript, redet ihr zu, aktiviert obendrein einen Produzenten und beginnt die Arbeiten am Drehbuch, noch bevor sich 2009 Penguin Books erbarmt, Stocketts Gute Geister zu veröffentlichen. Kurz darauf steht das Buch auf der Bestseller-Liste der New York Times – und bleibt dort 103 Wochen.

    Bei solchen Geschichten muss ich lächeln. Weil das Leben – werft mir ruhig Kitschempfänglichkeit vor – manchmal märchenhaft ist. Und weil es für die Unnachgiebigen doch immer irgendwo einen Weg gibt.

    Offizielle deutsche Seite von The Help
    The Help in der IMDB

    Der Zauber des Fernen

    Sonntag, August 21st, 2011

    Dieses Gefühl lässt einen nicht los. Sitzt einem im Nacken, vorgelehnt in der Kinoreihe direkt dahinter. Schnieft, niest und hustet. Flüstert auch: „Das hast Du alles schon einmal gesehen. Vom selben Filmemacher.“ Dann schüttelt man sich kurz, zermalmt den spottenden Begleiter wie eine lästige Stubenfliege – no animals were harmed in the making of this article – und konzentriert sich aufs Wesentliche.

    Ja, in gewisser Weise ist Woody Allen ein Meister der Replikation. Ja, auch sein jüngstes Werk Midnight in Paris weist unzählige Anleihen an frühere Filme auf. Die Sinnkrisen des Protagonisten, seine geisterhaften Begegnungen, die Konflikte zu seinem Umfeld – alles schon gesehen. Dazu diese Musik. Unverwechselbar. Doch Midnight in Paris ist trotzdem eine Schatzkiste. Ein Film wie der flüchtige Kuss der schönen Kaumbekannten, mit der man – beim ersten Date von einem Sommerregen überrascht – kichernd in einen Hauseingang geflüchtet ist. Oder, kürzer formuliert: ein Genuss.

    Quelle: Sony-Classics.com

    Nun ist das mit der Objektivität in künstlerischen Dingen so eine Sache. Wie könnte mir, den es nach Palermo zieht, ein Film nicht gefallen, der von einem verträumten und gelangweilten Drehbuchautoren auf der Suche nach Inspiration in Paris handelt? Gil Pender heißt der Mann, gespielt von Owen Wilson, den Allen in einer Art von dieser Stadt schwärmen lässt, wie er es bislang nur für New York zugelassen hat.

    Pender findet sich, bevormundet von seiner schnippischen Verlobten Inez (Rachel McAdams), des Nachts in den Goldenen 20er Jahren wieder – jener Epoche, in die er sich zurücksehnt, weil ihn die Gegenwart anödet, weil er die Hektik der Moderne missachtet, die Oberflächlichkeit, der fehlende Stil – all die Dinge, die verloren gegangen zu sein scheinen. Ganz plötzlich aber ist all das da – und Pender mittendrin.

    Er lernt F. Scott und Zelda Fitzgerald kennen, hört Cole Porter Klavier spielen, sieht sich dem herrlich dahinschwadronierenden Ernest Hemmingway gegenüber, der ihn mit der Verlegerin Getrude Stein (Kathy Bates) zusammenbringt. Dalí, Picasso, Buñuel oder T.S. Eliot huschen in einem Meer von Andeutungen auch mal durchs Bild – bis schließlich vor allem eine wuselt: Adriana (Marion Cotillard), die Muse und Geliebte von so manchem Meister – und für den Film das Symbol schlechthin.

    Es bleibt dem größten Unsympathen der Gegenwart überlassen, Gil Penders Sehnsucht zu entlarven – in einer Szene, in der zuvor Carla Bruni aufblitzt. Seine Sehnsucht nach der Vergangenheit sei psychologisch zu erklären, sagt der Wichtigtuer Paul, ein Freund von Inez. Als eine irrationale Flucht vor der Realität, bedingt durch die fehlende Fähigkeit, mit selbiger umzugehen. Angestachelt durch den Irrglauben, Inspiration sei zu einem Gut geworden, das sich nicht mehr so leicht finden ließe wie zur Zeit der großen Pariser Bohème.

    Dass Wahrnehmung nicht von Wahrheit kommt, ist selten so zauberhaft auf die Leinwand projiziert worden wie hier.

    Midnight in Paris in der IMDB

    Palermo Writing

    Mittwoch, Juni 1st, 2011

    Es gibt diese eine Szene in Wim Wenders‘ gewohnt eigenwilligem Film Palermo Shooting. „Palermo?“, fragt da der Manager von Starfotograf Finn und in seiner Stimme hört man die nackte Verblüffung. Vielleicht mehr noch: den Zweifel am gesunden Menschenverstand des Klienten. „Hast Du einen blassen Schimmer wo Du das Shooting machen willst?“ Man sieht Campino, der diesen Finn spielt, aus dem Fenster des Fliegers blinzeln. „Nein ich war da noch nie“, antwortet er. „Aber ich gucke gerade Bilder an. Die gefallen mir.“ 2008, drei Tage vor Silvester, habe ich den Film in dem verträumten Stuttgarter Arthaus-Kino gesehen, in dem mich vor mehr als 20 Jahren schon Ronja Räubertochter zum Staunen gebracht hat. Und diese Stadt, diese Idee, ist mir seitdem nicht aus dem Kopf gegangen.

    Ich habe beschlossen, nächstes Jahr für vier Monate nach Palermo zu ziehen. Ich weiß noch nicht wohin. Ich weiß eigentlich überhaupt nichts von dieser Stadt, abgesehen von ihrer geografischen Lage und dem Namen ihres Fußballclubs. Aber ich weiß, dass ich dorthin möchte. Dass ich mich dort von März bis Juni 2012 in die Sonne, ans Wasser, auf Plätze setzen möchte. Dass ich durch die Gassen laufen möchte, um die Eindrücke auf mich einprasseln zu lassen. Dass ich Italienisch sprechen möchte. Und dass ich dort schreiben möchte. Ungebunden. Ungehindert. Kurzgeschichten, Romane, Gedichte, was immer mir einfällt. Also verlasse ich Ende des Jahres die Stuttgarter Zeitung – die Kollegen, das Blatt, die Herausforderungen, die mir ans Herz gewachsen sind – und folge dem Ruf der Ferne. Ich möchte mir in einigen Jahren nicht selbst vorwerfen müssen, keine Risiken eingegangen zu sein. Nicht der Risiken wegen. Sondern der Erfahrung. Der Horizonterweiterung. Des Lebens.