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    Das Tun und das Lassen

    Dienstag, April 28th, 2015

    „Und was tust du sonst so?“, fragte G. und irritierte mich. Hatte ich nicht eben erklärt, dass ich meinen Roman überarbeite, obendrein anfangs des Jahres zwei Agenturen gegründet hätte, die es aufzubauen gilt, in die ich viel Zeit zu investieren hätte, ohne viel Geld herauszubekommen, dass ich also parallel noch Geld zu verdienen hätte, außerhalb der Agenturen?

    Aber vor allem: Dass ich diesen Roman überarbeite!

    Es war Gründonnerstag und wir saßen in der Lieblingskneipe. Im Raucherraum qualmten die Menschen gedrängt, auch um uns herum nahm der Geräuschpegel  zu. Es war April, schweinekalt und eklig draußen, aber April, Frühling quasi. Die Menschen drängten ins Öffentliche, drängten zum Tun. „Puh, ähm, also“, begann ich zu stottern. „Sonst tue ich gerade wenig.“

    Das war natürlich ein Euphemismus. Denn was ich sonst so tat, war in erster Linie nichts. In den Wochen zuvor hatte ich mehrere Gründe gefunden, nicht ins Fitnessstudio zu gehen. Ich hatte viele Gründe gefunden, mich an mein Manuskript zu klammern, an den Satz-für-Satz-Durchgang, an die stete Selbstdisziplinierung, die verdammt viel Disziplin verlangte.

    Ich hatte sonst also wenig getan – doch ich fühlte mich ganz wunderbar dabei. Er sei gerade „etwas im Freizeitstress“, verriet G. Später sprachen wir über Entschleunigung und Hamsterräder. Ich angelte mir ein Stück Pizza und lächelte. Zuhause setzte ich mich wieder vor den Computerbildschirm.

    Wenn ich von hier, meinem Schreibtisch aus, zum Fenster hinausschaue, sehe ich den Kubus der Landwirtschaftlichen Sozialversicherung, an dem jeden Tag um genau 23.59 Uhr die Lichter ausgehen.

    Ich habe diese Lichter in den vergangenen Wochen häufig ausgehen sehen, weil ich hier, an meinem Schreibtisch, saß und überarbeitete. Und überarbeitete. Und überarbeitete. 300 Seiten lang. Am Ende kämpfend – und doch zufrieden, ja fast glücklich.

    Nun, da ich fertig und durch bin, blicke ich zurück und nach vorn. Der Frühling ist inzwischen da, ich weiß es, ich habe ihn am Wochenende in Köln und Bonn gesehen, beim Tun für ein neues Projekt, einem für die Agentur Nummer eins. Ich habe ihn auch fotografiert, wie das folgende Foto zeigt.

    Der Frühling ist da, das Manuskript auf dem Weg zu Testlesern und Agentur. Es ist also Zeit, wieder mehr sonst so was zu tun. Ich muss unbedingt G. davon berichten.

    Das Leben in der Dauerschleife

    Montag, Mai 26th, 2014

    Da ist dieser Hunger, der eher eine Sehnsucht ist als ein dringend zu stillendes Bedürfnis. Und doch ist er stark, zieht einen mit. Also isst du – und ja, du wirst satt. Und nein, es ist nicht so, als wolltest du dich gleich wieder übergeben. Doch geschmackliche Offenbarungen, die sind selten.

    Die Rede ist – natürlich – von Büchern, von guten Stoffen, die einen packen, die einen reißen, die einen nicht loslassen. Beschäftigungspersistenz ist für mich das Qualitätsmerkmal. Wenige Romane besaßen die Kraft, meine Kriterien zu erfüllen. Replay – Das zweite Spiel von Ken Grimwood ist der jüngste Neuzugang auf meiner Liste für die Ewigkeit.

    Zeit

    Zur Handlung: Jeff Winston ist 43, als im Oktober 1988 sein Herz versagt. Doch der Tod muss warten. Jeff erwacht 1963 als 18-Jähriger am College, zurückgeworfen in der Zeit. Sein Erwachsenenleben beginnt erneut, Geschichte wiederholt sich. Nach dem ersten Schock wird Jeff klar: Vorwissen ist Macht.

    Vor einigen Jahren hatte ich die Idee zu einem Plot, in dem ein Mann einen Unfall erleidet, statt zu sterben aber die Chance erhält, die Dinge geradezurücken, die er am meisten bereut. Kaum etwas ist so faszinierend wie der Konjunktiv. „Wie sähe mein Leben aus, hätte ich damals . . .“

    Ken Grimwood treibt das Gedankenspiel auf die Spitze. Denn es bleibt nicht bei Jeff Winstons einmaligem Replay. Der Protagonist findet sich bald in einer Dauerschleife wieder. Er lebt und stirbt und lebt und stirbt, immer auf der Suche nach einer Antwort, nach einer Erklärung, nach einer Aufgabe.

    Der Realitätsbezug dieser fantastischen Geschichte auf einer Metaebene gibt dem Roman Feuer. In seinem ursprünglichen Leben ist Jeff ein Versager und Langweiler, gescheitert in fast allem. Er verkörpert die Entfernung unseres Selbst von unseren Träumen und Idealvorstellungen der eigenen Person.

    Die unterschiedlichen Leben, die Jeff nach seinem Eintritt in die Dauerschleife durchlebt, markieren dagegen den Griff nach dem Glück und die ungeheuren Frustrationen, mit denen man konfrontiert ist, sobald sich Träume nicht erfüllen – oder, teilweise noch schlimmer: wenn sie es tun.

    Replay – Das zweite Spiel ist ein Füllhorn. Überall wartet die Option abzuschweifen, die Geschichte zu nehmen und sie zu kneten, sie zu zerpflücken, sie neu zusammenzusetzen. Es wird philosophisch – existenziell, nihilistisch, epikureisch -, ohne abstrakt zu werden. Der Spannungsbogen passt.

    Wenn du gut schreiben willst, musst du viel lesen, sagen etablierte Schriftsteller häufig. Ich lese gerne, ich lese viel. Das Glücksgefühl, einen Roman nicht aus der Hand legen zu wollen, sich nicht an ihm satt lesen zu können, ist selten. Ach wie schön sind diese Ausnahmen.

    Foto: CC BY-NC-SA 2.0 Je Kemp / pocket watches

    Was vom Jahre übrig bleibt

    Freitag, Dezember 28th, 2012

    „Dies und das ist wirklich gut, aber . . .“, sagen sie. Und: „Gewöhnen Sie sich an Rückschläge. Sie werden noch einige erleben.“ Vergessen dabei nie zu betonen: „Verlieren Sie Ihren Glauben nicht. Seien Sie geduldig“. Man vernimmt die Worte, lässt sie zirkulieren, saugt das Mut machende auf, registriert aber vor allem eines: man steht mit leeren Händen da.

    Denkt man.

    Und dann denkt man genauer darüber nach. Fängt an zu vergleichen: das Bild der Entscheidungsträger mit dem eigenen. Erste Entwürfe mit den letzten. Die Erwartungen an ein Jahr voller genussvoller Momente selbstgewählter Isolation mit seinen Realitäten. Die verschiedenen Optionen fürs Heute, Morgen und Übermorgen miteinander.

    Man erkennt: sich als missverstandende Unentdeckung aufzuführen wäre purer Narzissmus, zu behaupten, alles sei umsonst gewesen, weinerliche Selbstverleugnung. Die Resultate, die man sich erhofft hat, werden – wahrscheinlich – noch eine kleine oder große Weile auf sich warten lassen. Aber das heißt nicht, dass sie nicht kommen werden.

    Das Schriftstellerleben ist wie das Leben selbst: ein ewiger Lernprozess, eine stetige Weiterentwicklung, eine erst mit dem Tod endende Neuerfindung. Das mag manchmal ermüdend sein oder niederschmetternd. Aber es ist auch herrlich spannend.

    Insofern: auf ein Neues!

    Und dann spricht der Tod

    Freitag, April 20th, 2012

    Die anfängliche Skepsis habe ich mit dem Autor geteilt. Jürgen Domian hat ein Sachbuch geschrieben. Der Mann also, dessen Talkradio-Sendung seit 17 Jahren auch im WDR-Fernsehen läuft – eine Sendung, um die ich meist einen großen Bogen gemacht habe. Es ist nicht sein erstes Buch, aber diesmal hat er nach den Sternen gegriffen. Domian hat das ultimative Interview geführt, ein Interview mit dem Tod.

    Und ich fragte mich, wie er sich selbst, ob das funktionieren kann: Fragen zu stellen und selbst Antworten zu geben, die „dem größten Mysterium unserer Existenz gerecht werden“. Die Antwort darauf ist eigentlich unmöglich, aber mein subjektives Gefühl sagt mir: es kann. Oder vielleicht besser: es ist ein beachtenswerter Versuch geworden.

    Das liegt daran, dass Domian auf ein breites Fundament an philosophiehistorischem Wissen zurückgreifen vermag. Beim Lesen seines sehr persönlichen Buches ist zu spüren, wie viele Tage und Nächte er sich in all den Jahren den Kopf zerbrochen haben muss. Antwortsuchende sind mir grundsätzlich sympathisch. Domian hat – auch das kann nur eine subjektive Aussage sein – einige kluge Schlüsse gezogen.

    Und ich musste bei all der Ernsthaftigkeit des Themas schmunzeln, mehrfach gleich. Weil sich einiges, was ich bei Domian wiederentdeckte, mit Thesen eigener Werke deckt. Beispiel: seine Auseinandersetzung mit Religion und Atheismus und mein Tod des armen Teufels.

    Die Suche nach dem richtigen individuellen Lebensweg und die Trennung von Dingen, die zählen und denen, die es nicht tun, sind aus meinem Wandeln und Schaffen nicht wegzudenken. Mein durch zwei Tumoroperationen nicht unwesentlich autobiografisch geprägtes Roman-Manuskript Das Leben mit Tom ist ein einziger Versuch des Bewusstwerdens.

    Und dann verfolgt mich, gerade in dieser Stadt des Zerfalls und der Vitalität, nach wie vor permanent Wim Wenders – von dem ich mich gerne verfolgen lasse. Erst gestern habe ich mir Palermo Shooting erneut angeschaut, jenes filmisches Interview mit dem Tod. Ob Domian den Film wohl kennt?