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    Die WM der erhitzten Gemüter

    Donnerstag, Juni 28th, 2018

    S. vor Schloss Schönbrunn in Wien

    Kalt und windig war es in Wien – und wir viel zu luftig angezogen. Die Frauen deckten sich deswegen spontan mit winterfester Kleidung ein, die Männer bissen (mangels Ware) auf die Zähne und stürmten der Zugluft entgegen. Schließlich gab es viel zu sehen: den Prater, den Stephansdom, die Hofburg oder die Sachertorte im Demel zum Beispiel.

    Wir wanderten und wir neckten uns. S. etwa (oben zu sehen vor Schloss Schönbrunn, aber nicht zu verwechseln mit S., siehe Brandenburg und Dubrovnik) konnte es gar nicht leiden, wenn man sie fotografierte. Auch ihren Reißverschluss (ebenfalls oben vor Schloss Schönbrunn zu sehen) durfte man nicht anfassen.

    Dann aber lernten wir unsere wahren Feinde kennen: Denn es war Fußball-WM und Deutschland spielte gegen Schweden.

    Zwischen Bangen und Lästern: Die WM im WUK

    Der Wiener H., der an dieser Stelle künftig häufiger erwähnt werden könnte, entführte uns zum Public Viewing (Englisch für öffentliche Leichenschau) ins WUK. Drinnen auf dem Teppich – draußen war’s zu frisch – erklärte er uns feierlich, er fiebere einem deutschen Sieg entgegen. Weil er 1:0 getippt hatte.

    Natürlich nur deswegen.

    Links, rechts, hinter und vor uns platzierten sich ansonsten bunt durchmischt zwei Lager. Deutsche, die für Deutschland waren und Österreicher, die gegen Deutschland waren. Aus Prinzip. 94 Minuten lang johlten und lästerten die Menschen aus Lager zwei. Dann kam Toni Kroos. Und Lager eins hüpfte.

    Ich hüpfte auch. Hinterher zitterten mir die Knie. Ich fand das selbst ein wenig lächerlich.

    Wenn die Nachspielzeit den Tipp massakriert

    Die WM kehrt das Schlechteste im Menschen hervor. Zumindest dann, wenn nationale Gefühle im Spiel sind – die internationalen Pressestimmen der Schadenfreude nach dem Ausscheiden gegen Südkorea belegen das, die deutschen Reaktionen auf das Scheitern von Holland und Italien in der Qualifikation ebenso.

    Man liest und hört in diesen Tagen ständig von Morddrohungen, Beleidigungen und Pöbeleien und kommt als vernunftbegabter Mensch eigentlich nicht umhin, den Kopf zu schütteln. Die WM ist ein Spiegel einer Zeit voller Unflätigkeiten geworden.

    Wie viel Hass in einem selbst steckt, kann jeder, der wie H. und ich oder Leser M. (der an dieser Stelle ganz herzlich gegrüßt sein soll) daran erkennen, wie er reagiert, wenn ein Tor in der achten Minute der Nachspielzeit seinen Tipp in dem WM-Tippspiel massakriert, in dem wir (alle außer vielleicht M.) sowieso nicht gewinnen werden.

    Die Entspannung nach dem Ausscheiden

    Die kalte Dusche der gestrigen Vollkatastrophe gegen den Zwerg Südkorea wirkte bezeichnenderweise im ersten Moment erhitzend – wie soll man als WM-Zuschauer auch sonst auf Jogis Aufstellung oder die zahnlose Leistung seiner Spieler reagieren?

    Langfristig erfüllt sie aber vielleicht (hoffentlich) ihren Zweck: Als deutscher Fan kann man den Rest der WM nun einigermaßen entspannt sehen – vorausgesetzt freilich, die eigenen Tipps stimmen endlich mal.

    Und S. (nicht die S. oben im Bild) meinte dann gestern nach dem Abklingen ihrer WM-Enttäuschung, vielleicht sei dieses Scheitern aus internationalen Gesichtspunkten doch gar nicht so übel: „Dann denken die anderen wenigstens nicht wieder, wir Deutschen müssten überall unsere Dominanz zeigen.“