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    Im Liegestuhl beim Wetterleuchten

    Dienstag, Juni 27th, 2017

    Halb stöhnend, halb seufzend ließ sich die Dame auf den Stadtbahnsitz fallen und schubste sich den Schweiß von der Stirn. Die Frau gegenüber war ihr fremd, doch geteiltes Leiden schafft Verbindung. Sekunden später plapperten sie los, sehnten den Regen herbei, die Abkühlung. „Mein Boden ist so hart, ich kann nicht mal Unkraut zupfen“, jammerte die eine. „Das ist einfach kein Wetter für uns“, stimmte die andere zu.

    Halb mitleidig, halb amüsiert saß ich dahinter und lächelte in mich hinein. Auch mir stand der Schweiß auf der Stirn, doch die Angewohnheit des meteorologischen Dauernörgelns ist mir fremd. Ich mag den Sommer, besonders an Tagen wie diesen, an denen ich abends auf einer Open-Air-Bühne Theaterstücke sehen und das Wetter beim Leuchten bewundern kann.

    Ein Wetterleuchten gab es am Samstag auch im Literaturhaus Stuttgart. Der Sommermarkt der unabhängigen Verlage war seines Namens würdig, dem Wetter sei Dank. Neben Planschbecken und Liegestühlen bauten 40 kleine, aber feine Buchhäuser ihre Stände auf – und zeigten, wie erfrischend es sein kann, sich als Literaturfreund in die Nische zu wagen.

    In Zeiten, in denen nach gängiger Vorstellung soziale Reichweiten wichtiger sind als Inhalte und die Profit-Kalkulation das verlegerische Gespür vernebelt, braucht es Überzeugungstäter wie Joachim von Zepelin und Christian Ruzicska vom Secession Verlag, die exemplarisch stehen für die Mitaussteller des Wetterleuchtens. Weil sie verlegen, was sie begeistert. Nicht was der Bankberater empfiehlt.

    Zepelin war früher Journalist. Er floh vor Sparzwängen und Todesengeln. Und vermisst nichts. Da hatten wir schon ein Gesprächsthema mehr.

    Ein Tag lang auf Entdeckungsreise gehen, sich überraschen lassen, mit Verlagsmenschen plaudern, Lesungen lauschen, mit dem Autorenkollegen Frank O. Rudkoffsky im Liegestuhl lümmeln und einen Eistee schlürfen – das war der perfekte Sommertag. 2018 wird es definitiv wieder ein Wetterleuchten im Literaturhaus geben. Ich bin dabei.

    Dann muss nur noch das Wetter passen.

    Stochern im Nebel

    Donnerstag, Juli 21st, 2016

    Nebel

    Im Autoradio sprachen sie über Tiere in der Politik. Minutenlang. Passive und aktive. Beömmelten sich über Clintons Kater Socks oder den mexikanischen Bürgermeister Clay Henry – eine Ziege mit großer Liebe zu Bier. C. und ich lauschten eine Weile, dann schalteten wir um. Auf dem Klassiksender lief Shostakovich. Das untermalte die Fahrt bedeutend passender.

    Etwas mehr als 48 Stunden dauerte unser Wochenendtrip auf den Ring of Kerry in Irland. Die Stimme des Piloten hatte im Lautsprecher leise und abgehackt geknistert. Dennoch glaubten wir das Versprechen eines „Mix aus Sonne und Wolken“ verstanden zu haben. Stattdessen: Nebel. Die vollen 48 Stunden lang. Unübersehbar. Überall entlang der engen Straßen.

    Wir lernten den Unterschied zwischen Mist und Fog. Wir lernten den Fog lieben. „Gebt mir hinterher nicht die Schuld“, sagte der Kartenverkäufer an den Kerry Cliffs. Wir dachten nicht daran. Wir liefen über menschenleere Pfade zur Absperrung. Der Duft des Meeres kroch in unsere Nasen, wo sich zuvor schon der Torfgeruch einquartiert hatte. Wir stoppten und schwiegen.

    Ein paar Tage später erzählte mir P., in Deutschland sei an dem Tag Sommer gewesen. Er meinte wohl, mich neidisch machen zu können. Das Gegenteil war der Fall. Sicher wäre es interessant gewesen, Skellig Michael zu sehen. Sicher hätten wir uns nicht gegen Sonnenstrahlen auf unserer Haut gewehrt. Doch der Nebel verschluckte alles, auch Wünsche. Und schenkte uns: Ruhe.

    Am Abend haute mir ein lachender Fremder an der Theke des Pubs seine Pranke auf die Schulter. „Niemand kommt wegen des Wetters nach Irland, sondern wegen unserer Kultur und unserer Natur.“ Ich war hundemüde, erschlagen von einem Alltag, von dem mir erst auffiel, wie anstrengend er gewesen war, nachdem ich mich weit von ihm entfernt hatte. Ins Bett wollte ich nicht.

    Insgeheim hatte ich gehofft, das Wochenende würde mir etwas Klarheit für die stagnierende Entwicklung des neuen Romans schenken. Anderswo zu sein hat schon häufig Steinbrocken aus dem Weg geräumt. Dieses Mal klappte es nicht. Ich stochere weiter im Nebel. Aber ich empfange ihn voller Gastfreundschaft. Gewisse Dinge muss man nehmen, wie sie sind.

    Nebel kann so schön sein.