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  • Posts Tagged ‘Testleser’

    Bevor es beginnt

    Sonntag, Februar 9th, 2014

    Mein Kopf ist ein Gefängnis. Er hat Gedanken eingeschlossen. Ich schäme mich nicht zuzugeben, dass in meinem Kopf gefoltert wird. Weil manche Gedanken sich mir verweigern. Ihr Geheimnis nicht beichten wollen. Speziell jene, die im Zusammenhang mit meinem aktuellen Roman stehen. Ich wusste, er ist längst nicht perfekt. Ich wusste nicht warum.

    Und weil die Betriebsblindheit eine mächtige Gesellin ist, ich aber vollstes Vertrauen in die Versiertheit meiner Testleser hegte, saß ich in den vergangenen Wochen wie auf heißen Kohlen. Weil ich mir Klarheit wünschte. Und weil ich endlich diesen letzten Überarbeitungsdurchgang starten wollte, der den Roman der Perfektion ein bisschen näher bringen soll.

    Am Montag wird es soweit sein. Von Montag an werde ich mich eingraben, werde Verbindungen zur Außenwelt kappen, temporär zumindest, werde dem Prolog den Kampf ansagen und allem was danach kommt. Und um vorher meinen Geist zu besänftigen, ging ich ins Mineralbad und in die Sauna.

    Leuze

    Beim Spazieren durch die Dunkelheit einer zwar nicht von Kälte, wohl aber von Nässe leergefegten Bad Cannstatter Saunalandschaft hoffte ich letzte Klarheiten zu finden. Denn die Testleser äußerten sich zwar überraschend einhellig, ihre Hinweise waren hilfreich, die letzten Entscheidungen aber muss ich treffen, die letzten Puzzleteile ich zusammensetzen.

    Es ist die etwas eigenwillige Struktur meiner Geschichte, die Gedankenakrobatik (Gefängnissport!) von mir verlangte. Und wo, dachte ich mir, wenn nicht beim Schwitzen und beim Entspannen könnte ich die letzten Bremsen besser lösen? In der Küche stehen Bananen, Multivitaminsaft-Flaschen, eine Dose Nüsse und eine Packung Haribo-Schnuller.

    Es kann beginnen. Morgen dann.

    Foto: CC BY-NC-ND 2.0 Stefan Baudy / Leuze

    Was vom Jahre übrig bleibt (2013 Ed.)

    Montag, Dezember 30th, 2013

    „Dein Buch ist gut, vielleicht sehr gut“, schreibt die erste Testleserin und führt in zwei tief gehenden E-Mails auf, was sie an meinem aktuellen Roman gefesselt und beschäftigt hat, welche Fragen er für sie aufwirft, aber auch, wo sie Nacharbeitungsbedarf sieht. Ihr Fazit streichelt meine Seele, ihre Hinweise motivieren mich.

    Sie ist nur die erste von sieben, auf deren Meinungen ich warte, mit einer Mischung aus Vorfreude, Ungeduld und Furcht. Dieser Roman, der ein Jahresprojekt war, wird mich ins neue Jahr begleiten, weil ich mir dessen bewusst bin, dass ich ihn noch einmal werde überarbeiten müssen, bevor er in die Welt geht, auf die Suche.

    Insofern bilden diese Tage – oder dieser eine, der morgen, der ganz plötzlich gekommen ist – anders als 2012 keinen richtigen Abschluss, keinen Schnitt, sondern höchstens einen sanften Übergang. Vieles, was ich in diesem Jahr angegangen bin, ließ sich nicht realisieren. 2014 wird es neue Anläufe geben, neue Herausforderungen.

    Zu scheitern aber war schon immer ein Teil des Weges. Ist es bei jedem Schriftsteller, der mit etwas Glück und viel Können irgendwann aus der Versenkung steigt. Ich baue nicht darauf, dass das bei mir 2014 der Fall sein wird. Das Geschäft verlangt Sitzfleisch. Schön wäre ein Silberstreif, aber auch ohne: ich schreibe weiter.

    Etwa an der zur Veröffentlichung vorgesehenen Erzählung, das zweite Projekt, das mich ins neue Jahr begleitet. Auch diese Kurzgeschichte verlangt noch ein paar Gedanken, einige Feinschnitte, einen konzentrierten Schliff. Ich habe die erste Januarwoche dafür ins Auge gefasst.

    Insofern: auf ein Neues!

    Vom Strampeln am Ende des Jahres

    Dienstag, Dezember 17th, 2013

    Wer die Augen schließt, hört und spürt nur noch. Hört ein leises Surren, spürt ein sanftes Vibrieren, hört auch ab und zu ein Kratzen im Schnee. Wer dann die Augen öffnet, während er im Sessel lümmelt, weil er ahnt, dass der Gipfel hinter dem letzten Hügel naht, wem daraufhin die Sonne vom Horizont entgegenstrahlt, der schmeckt sie wieder, die Freiheit.

    Savognin

    Getriezt von der Jahresendmüdigkeit, habe ich das vergangene Wochenende auf der Skipiste in Savognin verbracht und für zwei herrlich abseitige Tage all die Dinge von mir geschoben, die mich daheim in Stuttgart auf Trab halten. Wenige Tage vor Weihnachten sind die wenigsten Aufgaben erledigt, die erledigt sein sollten. Nur für Philip gilt das nicht.

    Philip, das Blogschlagwort für den Roman, der lange Zeit auch diesen Namen im Arbeitstitel trug, bis mir ein besserer einfiel (ein besserer Arbeitstitel, nicht Name), Philip also ist abgehakt. Für dieses Jahr zumindest. Philip, ich nenne ihn hier weiter so, alles andere wäre ja verwirrend, liegt bei den Testlesern. Bis die ihr Urteil sprechen, hat Philip Sendepause.

    Ich werde 2014 weiter an ihm feilen, weil Sendepausen enden müssen, anderenfalls hießen sie nicht Sendepausen, sondern Sendeenden. Trotzdem fühlt sich die Übergabe an die Erstkritiker bereits wie ein Ende an. Und jedes Ende, nicht nur das eines Jahres, auch die von Projekten oder Projektphasen, lassen mich ausgelaugt zurück.

    Es ist dieses mehrfach beschriebene Phänomen vom Fall in ein Loch. Umhüllt von einem Schleier sitze ich darin und verharre, ergebe ich zuweilen diesem Schicksal, ärgere mich nur ab und zu über Antriebslosigkeit. Diesmal jedoch will ich mir den Schleier vom Kopf reißen, will aus dem Loch nach oben kraxeln, will wieder auf den Füßen stehen.

    Es ist keine Zeit für Jahresendmüdigkeit. Es gibt viel zu tun.

    Des Autors Blindenhunde

    Mittwoch, Oktober 17th, 2012

    Im Geschwindigkeitsrausch des Herbstes fällt es mir schwer, wieder zur Ruhe zu kommen. So viel ist bereits passiert, so viel wird noch passieren. Doch diese zweite Oktoberhälfte ist reserviert für die Stille. Ich sitze in meinem Wohnzimmer und versuche, nicht so häufig meinen Blick den goldenen Dingen da draußen zuzuwenden. Nur der Vordergrund zählt.

    Im Vordergrund liegt das Manuskript meines Romans. Tom beschäftigt mich wieder, ein letztes Mal, bevor ich auf die Jagd nach einem Verlag gehe. Ich habe aufgehört zu zählen, die wievielte Überarbeitung es insgesamt ist. Doch es ist die erste, die von außen motiviert ist. Die Testleser haben ihre Urteile gefällt. Jetzt gilt es ihnen gerecht zu werden.

    Das Phänomen ist ebenso faszinierend wie grausam: die Blindheit für die eigenen Fehler. Das mag in vielen Lebenslagen gelten, beim Schreiben eines großen zusammenhängenden Werkes macht es einen besonders hilflos. Stringenz, Glaubwürdigkeit, Ausarbeitung der Charaktere, Botschaft – all das sollte stimmen.  Und zwar in den Augen der Leser.

    Also besorgte ich mir zwei: einen Profi und einen vertrauenswürdigen Amateur. Nach dem vielversprechenden Seminar in Berlin buchte ich bei der Akademie für Autoren ein Einzelcoaching bei der freien Lektorin Bettina Traub. Ein weiteres Paket ging an meinen ehemaligen Teamleiter bei der Stuttgarter Zeitung, Jürgen Brand.

    Gehofft hatte ich auf Gnadenlosigkeit – und ich habe sie bekommen, verpackt in die Bestätigung, durchaus auf einem richtigen, auf einem guten Weg zu sein, nur eben nicht am Ende. Man sprach über schiefe Bilder, wackelnde Aussagen, ins Leere laufende Erklärungen und mangelnde Klarheit. Man sprach über das Große und das Kleine.

    Das Spannende daran war, zu erleben, wie sich die Urteile meiner Testleser teilweise gegenseitig negierten. Bei all den Widersprüchlichkeiten, die diese Branche kennzeichnen, verunsicherte mich das überhaupt nicht. Es ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass jeder Kunst und Kultur anders rezipiert, abhängig von seinen persönlichen Umständen.

    Ich habe meine Erkenntnisse aus ihren Hinweisen gezogen. Ich bin wieder bereit fürs Überarbeiten. Meine Blindenhunde haben mir das neuerliche Sehen gelehrt.

    Und so verabschiede ich mich für die nächsten Tage – und gehe tauchen.