• Home
  • Blog
  • Texte
  • Reaktionen
  • Über mich
  • Impressum
  • Datenschutz

  • Posts Tagged ‘Woody Allen’

    Die römische Tragödie

    Montag, August 27th, 2012

    Am Donnerstag kommt To Rome with Love in die deutschen Kinos. In Italien lief der neue Film von Regisseur-Eichhörnchen Woody Allen bereits im April an – und provozierte vor allem bei linken Intellektuellen wilde Proteste. Aber wie authentisch muss eine romantische Komödie eigentlich sein?

    Quelle: Trailer (Screenshot)

    Ich war erst ein paar Wochen in Palermo, als ich erfuhr, dass der Filmstart von Woody Allens Romprojekt nahte. Die Bilder des wundervollen Midnight in Paris in bester Erinnerung, raffte ich meine spärlichen Italienisch-Kenntnisse zusammen und kaufte mir ein Ticket. Das wird toll, dachte ich mir.

    Toll ist er nun nicht geworden. Aber erwartunsgemäß nett. Erwartungsgemäß vor allem, weil Allen im Prinzip stets die gleiche Geschichte erzählt, nur Orte und Schauspieler variiert und ein paar feine Ideen einbaut – in diesem Fall verkörpert durch den ironischen Handlungsstrang um Roberto Benigni.

    Gefallen hat mir, dem Teilzeitsizilianer, der Film vor allem, weil die italienische Urlaubsstimmung aus jeder Pore trieft. Andere finden das zum Heulen. Allens Kollege Carlo Verdone hält To Rome with Love für einen feuchten Touristentraum (Vorsicht: Italienisch!). Und er ist nicht der einzige.

    Thomas Migge nahm den Film fürs Deutschlandradio auseinander und zählt in seiner Kritik auf, was vielen vor allem italienischen Linken (darunter Dario Fo) so aufstößt: Allen habe quasi vor sämtlichen unübersehbaren Problemen der ewigen Stadt die Augen verschlossen, einen puren Werbefilm gedreht.

    Der Regisseur selbst sieht sein Werk als Liebeserklärung, weil er – typisch amerikanisch – Stadt und Land verfallen ist. Aber ist das verwerflich? Wie viel Dokumentation muss in einem harmlosen Unterhaltungsfilm stecken? Wie viel Kritik muss sein, erst recht in einem eher seichten Werk?

    Man kann alles politisieren, in vielen Fällen sollte man es auch. Kunst mit Anspruch ist ohne Aussage kaum etwas wert, nur ein schnöder Beitrag zum vor sich dahindümpelnden Allerlei. Allens Anspruch aber ist bescheiden: er will unterhalten, ein bisschen Glitter verteilen.

    Dazu bedarf es keiner hundertprozentigen Authenzität, nicht mal neunzig- oder achtzigprozentiger. Die Schlachten um Wahrheit werden anderswo geschlagen. Und wer sich allein von Filmen wie diesem sein Weltbild kreieren lässt, dem ist ohnehin nicht zu helfen.

    Der Zauber des Fernen

    Sonntag, August 21st, 2011

    Dieses Gefühl lässt einen nicht los. Sitzt einem im Nacken, vorgelehnt in der Kinoreihe direkt dahinter. Schnieft, niest und hustet. Flüstert auch: „Das hast Du alles schon einmal gesehen. Vom selben Filmemacher.“ Dann schüttelt man sich kurz, zermalmt den spottenden Begleiter wie eine lästige Stubenfliege – no animals were harmed in the making of this article – und konzentriert sich aufs Wesentliche.

    Ja, in gewisser Weise ist Woody Allen ein Meister der Replikation. Ja, auch sein jüngstes Werk Midnight in Paris weist unzählige Anleihen an frühere Filme auf. Die Sinnkrisen des Protagonisten, seine geisterhaften Begegnungen, die Konflikte zu seinem Umfeld – alles schon gesehen. Dazu diese Musik. Unverwechselbar. Doch Midnight in Paris ist trotzdem eine Schatzkiste. Ein Film wie der flüchtige Kuss der schönen Kaumbekannten, mit der man – beim ersten Date von einem Sommerregen überrascht – kichernd in einen Hauseingang geflüchtet ist. Oder, kürzer formuliert: ein Genuss.

    Quelle: Sony-Classics.com

    Nun ist das mit der Objektivität in künstlerischen Dingen so eine Sache. Wie könnte mir, den es nach Palermo zieht, ein Film nicht gefallen, der von einem verträumten und gelangweilten Drehbuchautoren auf der Suche nach Inspiration in Paris handelt? Gil Pender heißt der Mann, gespielt von Owen Wilson, den Allen in einer Art von dieser Stadt schwärmen lässt, wie er es bislang nur für New York zugelassen hat.

    Pender findet sich, bevormundet von seiner schnippischen Verlobten Inez (Rachel McAdams), des Nachts in den Goldenen 20er Jahren wieder – jener Epoche, in die er sich zurücksehnt, weil ihn die Gegenwart anödet, weil er die Hektik der Moderne missachtet, die Oberflächlichkeit, der fehlende Stil – all die Dinge, die verloren gegangen zu sein scheinen. Ganz plötzlich aber ist all das da – und Pender mittendrin.

    Er lernt F. Scott und Zelda Fitzgerald kennen, hört Cole Porter Klavier spielen, sieht sich dem herrlich dahinschwadronierenden Ernest Hemmingway gegenüber, der ihn mit der Verlegerin Getrude Stein (Kathy Bates) zusammenbringt. Dalí, Picasso, Buñuel oder T.S. Eliot huschen in einem Meer von Andeutungen auch mal durchs Bild – bis schließlich vor allem eine wuselt: Adriana (Marion Cotillard), die Muse und Geliebte von so manchem Meister – und für den Film das Symbol schlechthin.

    Es bleibt dem größten Unsympathen der Gegenwart überlassen, Gil Penders Sehnsucht zu entlarven – in einer Szene, in der zuvor Carla Bruni aufblitzt. Seine Sehnsucht nach der Vergangenheit sei psychologisch zu erklären, sagt der Wichtigtuer Paul, ein Freund von Inez. Als eine irrationale Flucht vor der Realität, bedingt durch die fehlende Fähigkeit, mit selbiger umzugehen. Angestachelt durch den Irrglauben, Inspiration sei zu einem Gut geworden, das sich nicht mehr so leicht finden ließe wie zur Zeit der großen Pariser Bohème.

    Dass Wahrnehmung nicht von Wahrheit kommt, ist selten so zauberhaft auf die Leinwand projiziert worden wie hier.

    Midnight in Paris in der IMDB