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    Vom Ende der Frist

    Samstag, April 30th, 2016

    Bühne

    Es wird ein heißer Tanz heute Abend. Nicht da draußen irgendwo, bei all den Maianbetern und Walpurgisnachtgeistern. Mein April endet in meiner Wohnung, an meinem Schreibtisch, über meiner Tastatur. Ich muss eine Kurzgeschichte schreiben.

    Ich muss sie heute schreiben, weil da diese Frist ist. Und diese Frist endet morgen. Besser als heute, gewiss. Aber morgen ist immer noch verdammt früh. Besser wäre übermorgen. Oder Mittwoch. Mittwoch, der 30. November. 2022.

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    Das Leben in der Dauerschleife

    Montag, Mai 26th, 2014

    Da ist dieser Hunger, der eher eine Sehnsucht ist als ein dringend zu stillendes Bedürfnis. Und doch ist er stark, zieht einen mit. Also isst du – und ja, du wirst satt. Und nein, es ist nicht so, als wolltest du dich gleich wieder übergeben. Doch geschmackliche Offenbarungen, die sind selten.

    Die Rede ist – natürlich – von Büchern, von guten Stoffen, die einen packen, die einen reißen, die einen nicht loslassen. Beschäftigungspersistenz ist für mich das Qualitätsmerkmal. Wenige Romane besaßen die Kraft, meine Kriterien zu erfüllen. Replay – Das zweite Spiel von Ken Grimwood ist der jüngste Neuzugang auf meiner Liste für die Ewigkeit.

    Zeit

    Zur Handlung: Jeff Winston ist 43, als im Oktober 1988 sein Herz versagt. Doch der Tod muss warten. Jeff erwacht 1963 als 18-Jähriger am College, zurückgeworfen in der Zeit. Sein Erwachsenenleben beginnt erneut, Geschichte wiederholt sich. Nach dem ersten Schock wird Jeff klar: Vorwissen ist Macht.

    Vor einigen Jahren hatte ich die Idee zu einem Plot, in dem ein Mann einen Unfall erleidet, statt zu sterben aber die Chance erhält, die Dinge geradezurücken, die er am meisten bereut. Kaum etwas ist so faszinierend wie der Konjunktiv. „Wie sähe mein Leben aus, hätte ich damals . . .“

    Ken Grimwood treibt das Gedankenspiel auf die Spitze. Denn es bleibt nicht bei Jeff Winstons einmaligem Replay. Der Protagonist findet sich bald in einer Dauerschleife wieder. Er lebt und stirbt und lebt und stirbt, immer auf der Suche nach einer Antwort, nach einer Erklärung, nach einer Aufgabe.

    Der Realitätsbezug dieser fantastischen Geschichte auf einer Metaebene gibt dem Roman Feuer. In seinem ursprünglichen Leben ist Jeff ein Versager und Langweiler, gescheitert in fast allem. Er verkörpert die Entfernung unseres Selbst von unseren Träumen und Idealvorstellungen der eigenen Person.

    Die unterschiedlichen Leben, die Jeff nach seinem Eintritt in die Dauerschleife durchlebt, markieren dagegen den Griff nach dem Glück und die ungeheuren Frustrationen, mit denen man konfrontiert ist, sobald sich Träume nicht erfüllen – oder, teilweise noch schlimmer: wenn sie es tun.

    Replay – Das zweite Spiel ist ein Füllhorn. Überall wartet die Option abzuschweifen, die Geschichte zu nehmen und sie zu kneten, sie zu zerpflücken, sie neu zusammenzusetzen. Es wird philosophisch – existenziell, nihilistisch, epikureisch -, ohne abstrakt zu werden. Der Spannungsbogen passt.

    Wenn du gut schreiben willst, musst du viel lesen, sagen etablierte Schriftsteller häufig. Ich lese gerne, ich lese viel. Das Glücksgefühl, einen Roman nicht aus der Hand legen zu wollen, sich nicht an ihm satt lesen zu können, ist selten. Ach wie schön sind diese Ausnahmen.

    Foto: CC BY-NC-SA 2.0 Je Kemp / pocket watches

    Tourist in der eigenen Stadt

    Montag, August 20th, 2012

    Mitte und Ende der Achtziger, als ich noch klein war und meine Großmutter lebte, besuchten wir ab und an ihre Schwester. Wir liefen Stuttgarts Kessel ein Stück runter und kletterten einige Stäffele wieder hinauf. Auf dem Weg fischte meine Oma in ihrer Strickjacke nach Bonbons, bis wir angekommen waren – am Fuße der Karlshöhe.

    Dort lebte meine Großtante in einem Pflegeheim – erst in der Sektion für die Fitten, die Selbstständigen, später dann in jener, aus der nicht nur der Geruch einen unter Zehnjährigen schnell wieder vertrieb. Ins Grüne, auf die benachbarte Anhöhe – eine von wundervoll vielen in der Heimatstadt – gingen wir nicht mehr. Die Geschwister waren zu gebrechlich geworden.

    Auf Sizilien kam es häufig vor, dass ich aus dem Haus getreten und losgelaufen bin, meistens hinunter Richtung Meer, Richtung Foro Italico, manchmal auch weiter, quer durch die engen Gassen Palermos. Ich habe mir vorgenommen, das auch in Stuttgart wieder zu tun. Mir die Zeit zu nehmen und loszulaufen. Vergangene Woche lief ich auf die Karlshöhe.

    Ich lief erst ein wenig herum, suchte nach Erinnerungen, blickte dann in die Ferne und lehnte mich an einen Baum. Kramte die Kurzgeschichte aus meinem Rücksack hervor, die überarbeitet werden wollte. Ich brauchte lange, weil ich mich oft ablenken ließ von der Sonne und den Menschen um mich herum, aber ich hatte Zeit.

    Es ist ein Luxus, den ich mir viel häufiger leisten möchte: sich als Tourist in der eigenen Stadt zu fühlen.

    Mein Alaska

    Sonntag, April 29th, 2012

    Da ist diese Szene in Sean Penns großartigem Film Into the Wild, die auch im Trailer zu sehen ist. Der junge Aussteiger Christopher McCandless erzählt dem Farmer Wayne von seinem großen Ziel: Alaska, die Wildnis, die Isolation. „Und was macht man dann da, in der Wildnis?“, will Wayne wissen. „Man lebt einfach“, antwortet McCandless.

    Es ist vier Jahre her, dass ich diesen Film zum ersten Mal gesehen habe. Ich quälte mich gerade für die Zwischenprüfung durch die Griechische Geschichte und brauchte dringend eine Auszeit. Also ging ich alleine ins Kino, angetrieben durch ein großartiges Interview mit Sean Penn in der ZEIT.

    Der Film, den ich zwei Tage später am Abend nach der Prüfung im selben Kino noch einmal in mich aufsaugte, traf mich mitten in einer sensiblen Phase, konfrontiert mit einem (vermeintlichen) Gehirntumor, der mich darüber nachdenken ließ, welche Schwerpunkte ich in meinem Leben setzen will.

    Meine Reise nach Palermo nähert sich der Halbzeit. Beim Gedanken daran, was ich bislang erlebt habe – zuletzt in dieser Nacht – kann ich nicht anders als lächeln. Und bei aller Vorfreude, Ende Juni die Heimat wiederzusehen, brenne ich auf die nächsten beiden Monate. Palermo ist mein Alaska.

    Natürlich mutet ein Vergleich mit dem wahrhaftigen Christopher McCandless etwas seltsam an, ich habe nicht die Zivilisation hinter mir gelassen, sondern nur die gewohnte Umgebung. Dennoch suche und finde ich hier die Isolation regelmäßig und stelle voller Freude fest, wie fruchtbar sie ist.

    Mit dem, was viele unter Carpe diem verstehen, kann ich wenig anfangen. Ich lasse mir ungern Druck machen. Und meine Definition von leben (im Sinne von erleben) deckt sich erfahrungsgemäß mit der vieler anderer nicht. Deswegen sträube ich mich davor, Allgemeingültiges zu behaupten.

    Aber die Triebfeder meines Lebens ist eine feste Überzeugung. Sie lautet: wer nicht hin und wieder einen Bruch vollzieht, bleibt stehen. Und Stillstand ist nie gut.

    Nacht mit Morgen

    Donnerstag, Januar 5th, 2012

    Den ersten Weckruf um 6.30 Uhr kämpfte der Autopilot nieder, beim zweiten war es eine halbe Stunde später und ich ehrlich entsetzt. Die Dusche danach war ein Tropfen auf dem heißen Stein. In der Nässe der Finsternis kündigte Orkan Andrea ihren Besuch an. An der Stadtbahnhaltestelle saß neben mir eine Frau. Sie las in dem Buch Es kommt nicht darauf an, wer Du bist, sondern wer Du sein willst. Ich war in dem Moment ein wandelnder Zombie auf dem Weg zum Arzt, ich wäre gerne ein Schlafender gewesen.

    Noch vor einem Monat hatte ich über die Nächte ohne Morgen spekuliert, die ich erleben würde, sobald ich mich meines halbwegs geregelten Tagesablaufs entledigt hatte. Am Montag erhielt ich ein nachträgliches Abschiedsgeschenks von M. aus der Redaktion. „Frauen und ihre Autoren“ heißt der Text. Er handelt vom Alltag der Gattin, die ihren angetrauten Schriftsteller morgens am Schreibtisch findet, verloren in einer zeitlosen Welt der Ideen, getrieben vom Drang, diesen einen Gedanken niederzuschreiben, der ihm in der Nacht begegnet war. Ihn festzuhalten, bevor er entwischt. Und den nächsten, weil der sich wie selbstverständlich aus dem ersten ergibt.

    Ich habe mich gestern Nacht nicht an den Schreibtisch gesetzt. Ich habe mir den Schreibtisch ins Bett geholt. Weil mir diese eine Idee gekommen war und durch meinen Kopf rannte wie ein lärmendes Balg. Ich musste sie verfolgen. Der Preis für die Zähmung war das morgendliche Zombiedasein. Beim nächsten Mal bleibe ich liegen.

    Und es wird nächste Male geben. Schließlich bin ich frei.