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    Das ABC der Planenden

    Mittwoch, August 1st, 2012

    D. ließ mich reden. Lauschte meinen sizilianischen Berichten. Lächelte mal. Oder nickte. Streute hin und wieder einen seiner gefürchteten Zwischenrufe ein. Hörte sich aber alles an. Und wollte am Ende nur wissen, wie ich mir die nahe Zukunft vorstelle. Ich zuckte mit den Achseln. Und sagte: „Ich lasse alles auf mich zukommen.“

    Ich ernte, gerade bei Älteren, Stirnrunzeln für solch eine Äußerung. Bei manchen sammle ich Respekt, aber das ist die Minderheit. Die Mehrheit verfolgt mich mit ihren Fragen: „Und? Wie geht’s weiter? Fängst du jetzt wieder bei der Zeitung an?“ Die Mehrheit schüttelt den Kopf über meine Antwort.

    Ja, mein journalistisches Ich hat inzwischen die eine oder andere Kinokritik geschrieben, auch eine Reportage zum Ferienbeginn und ein Portrait über den Trainer des Olympiateilnehmers Frank Stäbler. Aber mein journalistisches Ich ist für dieses Jahr in den Hintergrund getreten.

    Und obwohl meine Ersparnisse beharrlich schmelzen – erst recht, seitdem ich Palermo verlassen habe -, obwohl die ersten Nackenschläge angekommen sind und an mir knabbern: daran wird sich nichts ändern. 2012 ist noch nicht vorbei. Und momentan habe ich einen Roman zu überarbeiten.

    Freilich: totale Schwerelosigkeit existiert auf Erden nicht. Irgendwann wird irgendwie wieder Geld reinkommen müssen. Im Stillen feile ich seit Wochen an einem Plan – man könnte ihm den Buchstaben b geben. „Du brauchst keinen Plan B, du brauchst einen Plan A“, hat D. dazu gesagt. Und ich habe versucht es wegzulächeln.

    Es ist – unter normalen Bedingungen – nicht planbar, als Schriftsteller Geld zu verdienen, geschweige denn genug Geld. Es ist nicht realistisch. Für neunundneunzigkommanochwas Prozent derer, die Schreiben, weil sie davon leben wollen, ist es im besten Falle ein Hobby mit Zubrot.

    Ich weiß das. Trotzdem berühre ich das Pläneschmiedeeisen nur mit Widerwillen. Versuche einen Mittelweg zu finden. Schwanke vor ärgerlicher Inkonsequenz. Klammere mich an die Überzeugung, dass es immer einen Weg gibt, auch kurzfristig. Ärgere mich über Zwänge.

    Das Leben könnte so einfach sein. Ist es aber nicht. Oder doch?

    Abschied von den Abgründen

    Donnerstag, August 18th, 2011

    Ich erinnere mich, dass die Sonne schien – ganz kurz nur, bevor es wieder regnete. Vor genau einem Monat war das, am 18. Juli. Und im Vereinsheim des SV Hoffeld, durch das ein lauer Wind des Widerstands wehte, bauten sie die Urnen auf. Urabstimmung. Unbefristeter Streik. 98,5 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von mehr als 80 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder waren dafür.

    Endlich eine entsprechende Antwort auf die Unverschämtheiten, mit denen die Verleger ein Jahr lang drohten. Ein Viertel weniger Gehalt für zukünftige Redakteure, fünf Prozent für bestehende. „Wer bei solchen Forderungen nicht auf die Straße geht, wird den aufrechten Gang nie lernen“, hat ein Vertreter der Gewerkschaft Verdi dazu gesagt.

    Die Journalisten, allen voran wir Stuttgarter, waren aufrecht. Wir waren kreativ und kämpferisch, wir waren wütend und wagemutig. Und nach 26 Tagen außerhalb der Redaktionen, zusätzlich zu den neun, die wir vorher schon draußen waren, ist es seit heute Morgen vorbei. Zurück bleibt die Erleichterung – und eine Erkenntnis.

    In diesen vergangenen viereinhalb Wochen steckte ich – und längst nicht nur ich – bis zum Hals in der dampfenden Brühe der Streikdepression. Ununterbrochen am Handeln und doch zum Zusehen verdammt zu sein, führte mich an den Rand eines Abgrunds, der Rausch der lebendigen Aktionen wich nach Verlassen der Straße stets einem Kater.

    Wer dem Journalisten das Interviewen, das Recherchieren, das Schreiben verwehrt, der klaut ihm seine Kuscheldecke. Wir haben uns selbst Enthaltsamkeit auferlegt, weil wir es mussten. Weil uns die Verleger, einer unserer führenden Betriebsräte nannte sie „bösartig“, dazu gezwungen haben. Doch selbst Marc Bensch zu sein fehlte mir die Kraft, die Muse, die innere Freiheit.

    Das ist vorbei. Ich arbeite wieder. Und ich bin wieder Marc Bensch. Die Bewerbung für ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg ist schon abgegeben. Und es bleiben knappe zwei Wochen für die erste, weitere zwei Wochen für die zweite und erneut zwei Wochen für die dritte Kurzgeschichte, die ich zu schreiben gedenke, um sie bei Wettbewerben einzureichen.

    Der Streik ist vorbei. Es war an der Zeit.