• Home
  • Blog
  • Texte
  • Reaktionen
  • Über mich
  • Impressum
  • Datenschutz

  • Posts Tagged ‘Zwänge’

    Die Zeit, die Zeit und die Listen

    Samstag, März 30th, 2013

    Ich weiß nicht genau, wann das anfing mit den To-do-Listen. Die älteste, die in meinen Computer-Archiven lagert – aus irgendwelchen nostalgischen Gründen – ist fast auf den Tag genau zehn Jahre alt. Sie umfasst 39 Punkte, auf ihr stehen Namen von Menschen, die mich längst verlassen haben und zeitlose Dinge wie Steuererklärung, VG Wort und Falschparken.

    Vor ein paar Jahren gewöhnte ich mir an, einen digitalen Kalender zu führen, integriert in ein Word-Dokument. Meine To-do-Liste ist beweglich geworden – und unsterblich, denn die Aufgaben wandern tageweise weiter, wenn sie unerledigt bleiben. Einige von ihnen bleiben monatelang unerledigt.

    Es betrifft nicht nur die Filme, die ich sehen oder die Bücher, die ich lesen will – darunter auch den jüngsten Roman von Martin Suter, der noch nicht mal in meinem vollgequetschten Regal der ungelesenen Bücher steht. Die Entsorgung eines unbrauchbaren Eimers Farbe vom Einzug stand schon 2011 im Kalender. Sie leidet unter seiner niedrigen Priorität.

    Eigentlich ist das Jammern über die verlorene Zeit genauso albern wie jenes über das Wetter, wenn nicht sogar ein Stückchen alberner. Denn gerade der freie Mensch sollte sich als Herr seiner Zeit nicht oder zumindest so wenig wie möglich versklaven lassen von Pflichten und Zwängen.

    Und doch sehe ich getriezt von Erschöpfung die Zeit traurig dahinrinnen, ohne sie zu greifen zu bekommen. Weil mich meine Projekte im doppelten Sinne fesseln, mich gleichermaßen faszinieren und gefangen nehmen. Eigentlich wollte ich längst den neuen Roman entwickelt haben.

    Eigentlich müsste ich zurück nach „Palermo“.

    Das ABC der Planenden

    Mittwoch, August 1st, 2012

    D. ließ mich reden. Lauschte meinen sizilianischen Berichten. Lächelte mal. Oder nickte. Streute hin und wieder einen seiner gefürchteten Zwischenrufe ein. Hörte sich aber alles an. Und wollte am Ende nur wissen, wie ich mir die nahe Zukunft vorstelle. Ich zuckte mit den Achseln. Und sagte: „Ich lasse alles auf mich zukommen.“

    Ich ernte, gerade bei Älteren, Stirnrunzeln für solch eine Äußerung. Bei manchen sammle ich Respekt, aber das ist die Minderheit. Die Mehrheit verfolgt mich mit ihren Fragen: „Und? Wie geht’s weiter? Fängst du jetzt wieder bei der Zeitung an?“ Die Mehrheit schüttelt den Kopf über meine Antwort.

    Ja, mein journalistisches Ich hat inzwischen die eine oder andere Kinokritik geschrieben, auch eine Reportage zum Ferienbeginn und ein Portrait über den Trainer des Olympiateilnehmers Frank Stäbler. Aber mein journalistisches Ich ist für dieses Jahr in den Hintergrund getreten.

    Und obwohl meine Ersparnisse beharrlich schmelzen – erst recht, seitdem ich Palermo verlassen habe -, obwohl die ersten Nackenschläge angekommen sind und an mir knabbern: daran wird sich nichts ändern. 2012 ist noch nicht vorbei. Und momentan habe ich einen Roman zu überarbeiten.

    Freilich: totale Schwerelosigkeit existiert auf Erden nicht. Irgendwann wird irgendwie wieder Geld reinkommen müssen. Im Stillen feile ich seit Wochen an einem Plan – man könnte ihm den Buchstaben b geben. „Du brauchst keinen Plan B, du brauchst einen Plan A“, hat D. dazu gesagt. Und ich habe versucht es wegzulächeln.

    Es ist – unter normalen Bedingungen – nicht planbar, als Schriftsteller Geld zu verdienen, geschweige denn genug Geld. Es ist nicht realistisch. Für neunundneunzigkommanochwas Prozent derer, die Schreiben, weil sie davon leben wollen, ist es im besten Falle ein Hobby mit Zubrot.

    Ich weiß das. Trotzdem berühre ich das Pläneschmiedeeisen nur mit Widerwillen. Versuche einen Mittelweg zu finden. Schwanke vor ärgerlicher Inkonsequenz. Klammere mich an die Überzeugung, dass es immer einen Weg gibt, auch kurzfristig. Ärgere mich über Zwänge.

    Das Leben könnte so einfach sein. Ist es aber nicht. Oder doch?

    Die Entdeckung der Langsamkeit

    Samstag, Dezember 31st, 2011

    Es gibt Tage, Wochen, Monate, in denen die Zeit rast. Man will sich dann umdrehen und staunen, weil man nicht fassen kann, was da eben geschehen ist, aber man darf nicht. Weil das nächste Unfassbare bereits vor einem steht, weil man sich ihm stellen muss. Im Angesicht des Neuen verfällt das eben noch Große zu Vergangenheitsstaub, ohne dass auch nur halbwegs die Chance bestand, es zu verarbeiten.

    Im Globalen wie im Lokalen kam mir das heute endende Jahr unvergleichlich reich an Eindrücken vor, guten wie schlechten. Möglicherweise täuscht die Perspektive, neigt man doch häufig dazu, das Spürbarste zu überhöhen. Doch am Ende siegt ohnehin das Gefühl.

    Die rührenden Worte, Begegnungen und Geschenke, mit denen gestern für mich eine Ära bei der Zeitung endete, haben mich gepackt. Nun sitze ich in einer Wohnung, in der sich Reste des Jahres türmen. Ich werde sie morgen aufräumen – und mir die Zeit nehmen, über sie nachzudenken. Weil mein Entschluss auch und vor allem ein Abschied von Zwängen ist, die einen vor sich hertreiben. Weil er die Entdeckung einer neuen Langsamkeit ermöglicht. Einer, in der ich mir die Zeit nehmen will zu versuchen, die Zeit zu verstehen.

    In dem Artikel, der gestern in der Innenstadt-Beilage von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten über mich erschienen ist, schreibt Holger Gayer von Anfängen und Enden. Wir haben uns im Interview lange über Symbole und Metaphern unterhalten. Für mich ist dieses Silvester, sind diese vergangenen Tage, ein einziges Symbol. 2012 wird anders.